{"id":20911,"date":"2008-02-01T05:30:58","date_gmt":"2008-02-01T05:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/keine-ausrede\/"},"modified":"2022-06-07T00:20:58","modified_gmt":"2022-06-06T22:20:58","slug":"keine-ausrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/keine-ausrede\/","title":{"rendered":"Keine Ausrede!"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kennt das. Soeben hat der Kritiker den Krimi b\u00f6se zerfleddert und, conclusio, den Daumen Richtung H\u00f6lle (oder wenigstens Fegefeuer) gesenkt. Aber das Ding war doch gar nicht so schlecht!? Warum hat der Kritiker denn nicht ber\u00fccksichtigt, dass\u2026Gewiss: Auch der Kritiker muss mit der Kritik an seiner Arbeit leben. Einige Argumente jedoch gelten nicht. Eine kleine Auswahl\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>1. Das Buch geh\u00f6rt zu einer Serie. Die kennt der Kritiker nicht oder hat sie nicht ber\u00fccksichtigt. Also ist seine Kritik unseri\u00f6s.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein! Wohl ist es wahr, dass sich Serien im Krimigenre gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit erfreuen, was am h\u00f6heren Grad der &#8222;Identifikationsm\u00f6glichkeiten&#8220; des Lesers mit den Protagonisten liegen mag und v\u00f6llig legitim ist. Ein Buch jedoch ist ein Buch. Wenn es nur als Teil einer Reihe von B\u00fcchern beurteilt werden kann, d.h. wenn ben\u00f6tigte Informationen zu Buch B leider in Buch A stehen, dann hat der Autor etwas falsch gemacht. Es geht auch anders, wie etwa die Dalziel \/ Pascoe \u2013 Reihe von Reginald Hill beweist. Auch wenn ich mittendrin anfange, gibt mir Hill alle Informationen, die ich ben\u00f6tige. Also: Wenn Buch B nicht ohne Buch A zu lesen ist, dann verkauft die beiden bitte nur gemeinsam! Oder setzt einen entsprechenden Warnhinweis aufs Cover. Dann lese ich erst gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>2. Die Geschm\u00e4cker sind verschieden!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nein! Dass auch Kritiker sich von &#8222;Geschmack&#8220; leiten lassen, ist ja unbestritten. BEGR\u00dcNDETER Geschmack jedoch wird zum URTEIL. Beispiel: Ich mag den allenthalben gesch\u00e4tzten Ian Rankin nicht sonderlich. Er spricht &#8222;meinen Geschmack&#8220; nicht an. Ich k\u00f6nnte das aber nicht begr\u00fcnden, erlaube mir also kein Urteil und mache Rankin daher nicht zum Gegenstand meiner Kritik. Ich will auch die Leser nicht von meinem Geschmack \u00fcberzeugen, sondern ihnen eine m\u00f6glichst fundierte und nachvollziehbare Analyse des Buches bieten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>3. Machs doch erst mal besser!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Klassiker unter den irrwitzigen Einw\u00e4nden. Man kann nur beurteilen, was man selbst beherrscht. Bedeutet also: Kritisiere nie, dass die Suppe versalzen ist, wenn du selbst keine kochen kannst. Crazy.<\/p>\n\n\n\n<p><em>4. Der Kritiker geh\u00f6rt doch gar nicht zur Zielgruppe!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Okay, sehe ich ein. Es gibt unbezweifelbar eine Zielgruppe &#8222;Schrottleser&#8220;, zu der kein Kritiker gerne geh\u00f6rt. Aber es geht hier nicht um den Anspruch der Leserschaft, sondern um den des Buches. Ein Krimi, der mit dem Aufkleber &#8222;Dieses Buch k\u00fcmmert sich einen Schei\u00df um Sprache und Dramaturgie, weil sich auch seine Zielgruppe einen Schei\u00df darum k\u00fcmmert&#8220; daherkommt, wird von mir nicht besprochen. Ebenso wenig ein Krimi mit dem Aufkleber &#8222;Nur f\u00fcr Oberstudienr\u00e4te, die es nach Feierabend mal so richtig krachen lassen wollen&#8220;. Alle anderen Krimis, also die OHNE solche Aufkleber, wenden sich an die Zielgruppe &#8222;S\u00e4mtliche KrimileserInnen&#8220;, zu der auch der Kritiker geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>5. Aber der will doch nur unterhalten! Der hat doch keine literarischen Ambitionen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert an das bekannte &#8222;Der bei\u00dft nicht, der will doch nur spielen.&#8220; Sch\u00f6n. Keine literarischen Ambitionen zu haben, ist allerdings kein Freibrief, schlechtes Deutsch zu schreiben. Gut unterhalten zu wollen, entbindet keineswegs von der Verpflichtung, einen sauberen Plot zu entwickeln. Die allermeisten der deutschsprachigen Krimis aber wollen eben nicht nur unterhalten. Sie bieten Einblicke in die Psyche oder geben sich als &#8222;Gesellschaftsromane&#8220; aus. Wunderbar. Dann aber ist der Kritiker verpflichtet, sein gesamtes Besteck auszupacken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>6. Ist doch nur Krimi, ist doch nicht die Wirklichkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oho! Nichts k\u00f6nnte falscher sein! Jeder Text erschafft eine Welt, also auch eine Wirklichkeit, die Schnittmengen zu anderen Wirklichkeiten aufweist. Wenn mir also jemand dumm \u00fcber Arbeitslose, Asylbewerber, Unternehmer, Fu\u00dfballprofis oder sonstwas daherredet, kann er sich nicht mit dem Argument herausreden, alles sei doch nur &#8222;Fiktion&#8220;. Nichts ist allerdings dagegen einzuwenden, wenn eine FIGUR dumm \u00fcber Arbeitslose, Asylbewerber etc. daherredet. Das nennt man Rollenprosa, das ist sogar erw\u00fcnscht, das ist Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber keine Sorge: Es gibt viele gute Argumente, eine Rezension negativ zu kritisieren. Etwa wenn der Rezensent sein Urteil nicht begr\u00fcndet. Wenn er nur &#8222;Fan&#8220; ist und alles &#8222;ganz supi&#8220; findet. Oder eben keiner ist und lediglich seine Geschmacksparameter wiedergibt. Oder wenn er nicht wei\u00df, was Rollenprosa ist. Oder\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kennt das. Soeben hat der Kritiker den Krimi b\u00f6se zerfleddert und, conclusio, den Daumen Richtung H\u00f6lle (oder wenigstens Fegefeuer) gesenkt. Aber das Ding war doch gar nicht so schlecht!? Warum hat der Kritiker denn nicht ber\u00fccksichtigt, dass\u2026Gewiss: Auch der Kritiker muss mit der Kritik an seiner Arbeit leben. 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