{"id":20918,"date":"2008-02-07T05:15:49","date_gmt":"2008-02-07T05:15:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/kerstin-rech-schenselo\/"},"modified":"2022-06-06T16:47:55","modified_gmt":"2022-06-06T14:47:55","slug":"kerstin-rech-schenselo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/kerstin-rech-schenselo\/","title":{"rendered":"Kerstin Rech: Schenselo"},"content":{"rendered":"\n<p>Krimischreiben ist Turnen auf dem Schwebebalken. Eleganten Schritts \u00fcber dem Abgrund, tut man so, als sei alles ganz einfach und h\u00e4lt doch nur mit M\u00fche die Balance. Und als sei das nicht schwer genug, macht man allerhand akrobatische Verrenkungen, d\u00fcpiert f\u00fcr Momente die Schwerkraft und f\u00fcrchtet sich vor dem Abgang auf den Boden der Tatsachen. Der geht nicht selten schief, vor allem, wenn man etwas riskiert.<br \/>Kerstin Rech geh\u00f6rt zu den AutorInnen, die etwas riskieren. Ihre Krimis wachsen aus dem Mystisch-\u00dcbersinnlichen, dem unsicheren Grund von Sagen und Legenden, da gibt es manchen Salto \u2013 auch manchen Wackler -, als Leser zittert man mit, glaubt manchmal, jetzt passiere der brutale Absturz \u2013 und atmet auf, wenn sich die Autorin f\u00e4ngt. &#8222;Schenselo&#8220; macht hier keine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte spielt im unweit vom Speyer gelegenen kleinen Ort Neuweiler, einem Kaff, in das sich nicht einmal die Sonne verirrt. Einst gab es hier ein Kloster, auch einen Grafen, den titelgebenden &#8222;Schenselo&#8220;, das ist lange her, doch die alte Zeit lebt weiter im Geraune der Bewohner. Wir lernen einen kleinen Jungen kennen, der seinen verstorbenen Vater vermisst und seine Mutter hasst. Dann begegnen uns der Chef eines Garten- und Landschaftsbauunternehmens, der seinen Vater f\u00fcrchtet, und seine Schwester, Berit Schock, die diesem Vater zu sehr \u00e4hnelt und sich in eine andere, eine neutrale Vergangenheit gefl\u00fcchtet hat. Sie leitet das Heimatmuseum von Neuweiler.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Gartenbaufirma den kleinen Park saniert, st\u00f6\u00dft der Bagger auf eine Kiste. Darin ein Schenkungsvertrag aus dem 16. Jahrhundert, der aber eine Transaktion des Schenselo aus dem 14. fixiert. Ein willkommenes Exponat f\u00fcr Berit Schocks Heimatmuseum, doch lange kann sie sich nicht daran erfreuen, das wertvolle St\u00fcck wird ihr gestohlen, der Dieb ist ein Angestellter der Firma, das findet man schnell heraus, doch den B\u00f6sewicht selbst findet man tot, die H\u00e4nde ans Bett genagelt. Kommissar Hoppe ermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald ist die Rede von einem Schatz, von den Tempelrittern und der Wiederkehr einer l\u00e4ngst versunkenen Bruderschaft, tja, und damit k\u00f6nnte auch der Roman irgendwo zwischen Fantasy und Dan Brown versinken, w\u00fcrde er denn weiter an der Oberfl\u00e4che geplottet werden. Aber Kerstin Rech hat von Anfang an eine andere Ebene im Visier. Wo wir glauben, die Autorin beschw\u00f6re die Vergangenheit, tun die Personen das genaue Gegenteil. Sie fl\u00fcchten vor dem Vergangenen in teils anr\u00fchrende, teils bizarre Phantasie- und Wahnwelten. Der kleine Junge zum Beispiel, der seinen Vater vermisst, erschafft ihn sich im Traum neu. Berit Schock widmet sich der Heimatkunde, um die Zeit zu vergessen, da sie ihr Vater mental zu erdr\u00fccken schien. Ihr Bruder hat diesen Fluchtpunkt nicht; er stolpert in die Psychose. Und auch im Leben des Kommissars gibt es eine, mit der Geschichte eng verzahnte Begebenheit aus dem Vergangenen, die er verdr\u00e4ngen muss \u2013 und doch nicht kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind also im Grunde zwei Geschichten, die hier parallel laufen und doch einander brauchen ein &#8222;T\u00e4terkrimi&#8220; und ein &#8222;Opferkrimi&#8220;. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt Kerstin Rech nicht einmal 200 Seiten, f\u00fcr einen &#8222;total \u00fcberraschenden Schluss&#8220; auch , der, h\u00e4tte man die zweite, die innere Geschichte eher in den Blick bekommen, so \u00fcberraschend nicht gewesen w\u00e4re. Man mag nun einwenden, die Athletin auf dem Schwebebalken \u00fcbertreibe es ein wenig mit den Kunstst\u00fcckchen. Das ist richtig. Die Einbeziehung des Kommissars ins dramatische Szenario kommt ein wenig zu gewollt daher, obwohl sie f\u00fcr die Schlussszene gebraucht wird, die wiederum auf die Er\u00f6ffnungsszene zur\u00fcckweist. Ohne diesen zus\u00e4tzlichen Abgrund bek\u00e4me man die anderen Tiefen etwas besser in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber abst\u00fcrzen tut die Autorin nicht. Sie hat ein intelligent geplottetes Buch vorgelegt, in dem mehr angedeutet als ausgeplappert wird, was f\u00fcr die Wertsch\u00e4tzung spricht, die Kerstin Rech der Leserintelligenz entgegenbringt. Hoffen wir, dass diese LeserInnen es zu honorieren wissen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Kerstin Rech: Schenselo. \nConte 2007. 186 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimischreiben ist Turnen auf dem Schwebebalken. Eleganten Schritts \u00fcber dem Abgrund, tut man so, als sei alles ganz einfach und h\u00e4lt doch nur mit M\u00fche die Balance. Und als sei das nicht schwer genug, macht man allerhand akrobatische Verrenkungen, d\u00fcpiert f\u00fcr Momente die Schwerkraft und f\u00fcrchtet sich vor dem Abgang auf den Boden der Tatsachen. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20918","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20918"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20918\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}