{"id":20921,"date":"2008-02-11T05:10:57","date_gmt":"2008-02-11T05:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/krimikritik-2308-jan-seghers-partitur-des-todes\/"},"modified":"2022-06-13T15:42:28","modified_gmt":"2022-06-13T13:42:28","slug":"krimikritik-2308-jan-seghers-partitur-des-todes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/krimikritik-2308-jan-seghers-partitur-des-todes\/","title":{"rendered":"Krimikritik 2308: Jan Seghers&#8216; &#8222;Partitur des Todes&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Mit &#8218;Partitur des Todes&#8216; ist Jan Seghers der perfekte Kriminalroman gelungen.&#8220;<br \/>Pause.<br \/>Und nachdem sich Anne Chaplet von ihrem Ohnmachtsanfall erholt hat: Das ist doch nur ein Zitat. Der Rezension eines leider anonymen Kritikers aus dem Jahr 2308 entnommen. Interessant, was der Mann (die Frau?) so schreiben wird&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Da uns zur Analyse des deutschen Kriminalromans des Jahres 2008 leider nur o.g. Werk des Frankfurter Autors Jan Seghers (d.i. Matthias Altenburg) als Referenzwerk zur Verf\u00fcgung stand, gingen wir mit der angebrachten Vorsicht und Skepsis an die Exegese. Inwieweit kann &#8222;Partitur des Todes&#8220; pars pro toto f\u00fcr die Krimiproduktion dieses Jahres stehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, es zeigte sich schnell, dass Seghers Buch eine bereits in den Jahren zuvor festgestellte Tradition fortschreibt. Schon die Expositionsszene ist ma\u00dfgeschneidert und trifft den Geschmack weiter Teile der damaligen krimilesenden Bev\u00f6lkerung. Georges Hofmann, ein \u00e4ltlicher Franzose, fr\u00fcher Besitzer eines kleinen Variet\u00e9s, wird nach sechzig Jahren von der Vergangenheit eingeholt. Er, der als Kind vor den Nazis aus Deutschland fl\u00fcchten musste, erh\u00e4lt ein P\u00e4ckchen, auf dem der Name seines Vaters vermerkt ist sowie als Absendeort &#8222;Auschwitz&#8220;. In Auschwitz wurden Georges&#8216; Eltern ermordet. Das Paket enth\u00e4lt Papier, indes wertvolles Papier, eine bislang unbekannte Partitur des bekannten Operettenkomponisten Jacques Offenbach, deren Wert in die Millionen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits hier sehen wir mit Bewunderung, wie sich Seghers ein ziemlich gro\u00dfes Zielpublikum einladend heranwinkt. Denn die Kriminalromane jener Zeit spielten h\u00e4ufig entweder in der Vergangenheit (und wurden dann als &#8222;historische Krimis&#8220; ger\u00fchmt) oder beschworen doch diese eindringlich. Dass Hofmann im weiteren Verlauf des Romans zur blo\u00dfen Randfigur verkommt, ist nicht einmal eine Schw\u00e4che des Buches, dazu sp\u00e4ter mehr. Zur Expositionsszene sei noch gesagt, dass sie die erstaunliche und in unserer Epoche partout nicht mehr nachvollziehbare Blau\u00e4ugigkeit des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts geradezu idealtypisch vorf\u00fchrt. Wie naiv muss ein Mensch sein (wir meinen Georges Hofmann), dass er einen gleich zweifach wertvollen Besitz wie die Hofmann-Partitur einer ihm so gut wie unbekannten Journalistin anvertraut, auf dass diese in Frankfurt Verkaufsverhandlungen f\u00fchren kann? Besagte Journalistin reist also mit dem Millionenwert im Gep\u00e4ck nach Deutschland, um sich dort mit Leuten zu treffen, deren Seriosit\u00e4t sie kaum \u00fcberpr\u00fcft haben d\u00fcrfte \u2013 und verschwindet dort. Ende Exposition.<\/p>\n\n\n\n<p>(Zwischenbemerkung: Wir verweisen hier auf die generelle Naivit\u00e4t des 21. Jahrhunderts, die glaubte, Probleme einfach &#8222;aussitzen&#8220; zu k\u00f6nnen. Was, wie allgemein bekannt, in die gro\u00dfen Umverteilungskriege von 2049 und 2111 m\u00fcndete.)<\/p>\n\n\n\n<p>Beginn Hauptteil. Auf einem Restaurantschiff am Mainufer werden f\u00fcnf Menschen brutal ermordet. Kommissar Marthaler ermittelt. Und ermittelt. Und ermittelt. Nein, eigentlich gar nicht, denn vor allem wird gemenschelt, wie es auch schon in den Jahren vor 2008 \u00fcblich war. Der eine merkt pl\u00f6tzlich, dass er schwul ist, der andere erf\u00e4hrt von k\u00fcnftigen Vaterfreuden etc., also ganz so, wie es die damals modische Maxime des Mankellismus verlangte. Typisch auch die Verbrechen an sich. Sieben Morde geschehen insgesamt und als distanzierter Leser fragt man sich sp\u00e4testens nach der Lekt\u00fcre: Uh, waren die wirklich notwendig? Einer der Morde wird etwa nur deshalb unumg\u00e4nglich, weil sich der Killer vor seinem Verbrechen stundenlang und ganz offen am Tatort herumgetrieben hat, aus Gr\u00fcnden, die nur er selbst nennen k\u00f6nnte, aber nat\u00fcrlich nicht wird, denn am Ende ist er \u2013 ein Gl\u00fcck f\u00fcr den sich vor dem nahenden Erkl\u00e4rnotstand gruselnden Autor! \u2013 mausetot. So erfahren wir auch nichts \u00fcber seine Beweggr\u00fcnde, \u00fcberhaupt die f\u00fcnf Menschen auf dem Schiff zu t\u00f6ten. Er h\u00e4tte es sehr viel einfacher haben k\u00f6nnen, v\u00f6llig diskret und ohne Blutvergie\u00dfen. Auch Mord Nummer 7 ist nicht eigentlich vonn\u00f6ten, wird aber notwendig, weil ohne ihn die ganze Geschichte noch weitere 470 Seiten durch old Frankfurt m\u00e4andert w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Mord als reines Spektakel, das der inneren Logik der Geschichte auch mal zuwiderlaufen kann \u2013 das wirft ein bezeichnendes Bild auf den deutschen Krimikonsumenten der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie nicht anders zu erwarten, f\u00fchren Marthalers Ermittlungen schlie\u00dflich zu Hofmann und dem Offenbach-Manuskript, aber doch eigentlich nicht, denn wenn irgendwo Auschwitz drauf steht, dann muss auch Auschwitz drin sein. Das kann man Seghers nicht vorwerfen, wie man ihm \u00fcberhaupt nicht vorwerfen kann, das Thema nicht mit dem n\u00f6tigen Fingerspitzengef\u00fchl zu behandeln. Die Geschichte der Familie Hofmann walzt er nicht aus, was gut ist, und da das fr\u00fche 21. Jahrhundert nicht nur naiv und weltfremd war, sondern auch ziemlich vergesslich, mag es wohl erforderlich gewesen sein, best\u00e4ndig &#8222;zu erinnern&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur Sprache. Zur Sprache? Welcher Sprache? Seghers schreibt sein Buch in der deutschen Sprache, die seit 2274 auch als tote Sprache gef\u00fchrt wird und h\u00f6chstens noch in den Gebrauchsanweisungen alter Rasenm\u00e4her vorkommt, f\u00fcr deren Produktion Deutschland lange Zeit ber\u00fchmt war. Liest man nun &#8222;Partitur des Todes&#8220;, so wird klar, warum die deutsche Sprache nicht einmal in ihrem Verbreitungsgebiet \u00fcberlebt hat. Sie ist hier zum reinen Transportmittel heruntergekommen, auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur l\u00e4ngst auf dem Niveau von Gebrauchsanweisungen. Wahrscheinlich, dass Seghers es h\u00e4tte besser machen k\u00f6nnen. Aber wozu? F\u00fcr wen? Hauptsache, das Lesen bereitet keine M\u00fchen und man kann das Buch &#8222;nicht mehr aus der Hand legen&#8220; (hier im \u00fcbertragenen Sinne gemeint. Die Praxis, Buchdeckel mit einer d\u00fcnnen Schicht Klebstoff zu \u00fcberziehen, wurde erst 2016 eingef\u00fchrt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit &#8222;Partitur des Todes&#8220; ist Jan Seghers der perfekte Kriminalroman gelungen. Er verdeutlicht paradigmatisch, was man 2008 lesen wollte im ehemaligen Land der Dichter und Denker: Menschelndes, vergangenheitspralles, blutr\u00fcnstiges, in Nebens\u00e4tzen sozialkritisches, sprachlich neutrales Krimiwerk, das haarscharf an der Logik vorbeischrammt, aber gut gemeint ist. Keine Katastrophe, aber auch keine Offenbarung, ein &#8222;Krimi&#8220; eben aus der guten alten Zeit, an dem das einzig wirklich Spannende die Frage ist, ob Jan Seghers irgendwann einmal einen zwar nicht stromlinienf\u00f6rmigen, aber irgendwie essentiellen Kriminalroman schreiben wird. Das (Handwerks-) Zeug dazu h\u00e4tte er wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>aus dem Neuenglischen \u00fcbersetzt von<br \/>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jan Seghers: Partitur des Todes. <br \/>Wunderlich 2008. 476 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mit &#8218;Partitur des Todes&#8216; ist Jan Seghers der perfekte Kriminalroman gelungen.&#8220;Pause.Und nachdem sich Anne Chaplet von ihrem Ohnmachtsanfall erholt hat: Das ist doch nur ein Zitat. Der Rezension eines leider anonymen Kritikers aus dem Jahr 2308 entnommen. 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