{"id":20923,"date":"2008-02-12T08:42:53","date_gmt":"2008-02-12T08:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-1\/"},"modified":"2022-06-06T16:31:20","modified_gmt":"2022-06-06T14:31:20","slug":"die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-1\/","title":{"rendered":"Die Woche der Erz\u00e4hltheorie des Kriminalromans -1-"},"content":{"rendered":"\n<p>Seltsam. Irgendwie dr\u00e4ngt sich das Thema seit gestern in den Vordergrund. Angefangen hat alles mit meinem vorletzten Lekt\u00fcredoppel, Jan Seghers&#8216; &#8222;Partitur des Todes&#8220; und Morchai Richlers &#8222;Cocksure&#8220;. Zwei &#8222;Krimis&#8220; (man beachte die Anf\u00fchrungszeichen), zwei unterschiedliche Arten des Erz\u00e4hlens. Gestern dann berichtete Blogbeobachter \u2192<a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2008\/02\/11\/its-the-story-stupid\/\">Bernd<\/a> \u00fcber &#8222;die Bedeutung des Geschichtenerz\u00e4hlens beim Schreiben eines Buches&#8220; und heute schlie\u00dflich macht sich auch \u2192<a href=\"http:\/\/www.janseghers.de\/site\/index.php\">Jan Seghers<\/a> (Eintrag vom 12.2.08) so seine Gedanken: <em>&#8222;Aber verglichen mit den Arbeiten von Dujardin, Joyce, Kafka, Proust, Babel, Beckett und C\u00e9line oder gar mit den Arbeiten des literarischen Dadaismus und des nouveau roman, geh\u00f6ren selbst die vermeintlich &#8222;modernsten&#8220; Kriminalromane zutiefst der Vormoderne an.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hm. Veranstalten wir also ab heute eine &#8222;Woche der Erz\u00e4hltheorie des Kriminalromans&#8220; und beginnen, nach einigen grunds\u00e4tzlichen Ausf\u00fchrungen, mit dem Besuch einer Lesung, die ich mir in einer Mischung aus spontanem Entschluss und Absicht gestern Abend geg\u00f6nnt habe. Von wegen &#8222;Erz\u00e4hler im lauschenden H\u00f6rerkreis&#8220;, um den Archetypus des Erz\u00e4hlens gleich zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn so hat alles angefangen. Ein steinzeitlicher J\u00e4ger erz\u00e4hlt seinen Klankollegen am abendlichen Lagerfeuer, wie es ihm tags\u00fcber ergangen ist. Man ist rechtschaffen m\u00fcde und nicht scharf auf feinsinnige Reflexionen, eine spannende Geschiche m\u00f6chte man h\u00f6ren, und unser Erz\u00e4hler spinnt sich eine zusammen, die vielleicht, wie er den S\u00e4belzahntiger mit einem einzigen Steinwurf erlegt hat. Das klassische Szenario eben. Jemand vermengt Alltagsfakten und Fiktion, schafft einen m\u00f6glichst strahlenden Helden und schickt ihn, mehr oder weniger dramaturgisch pr\u00e4pariert, durch diverse Abenteuer. Erz\u00e4hlen meint hier &#8222;eine Geschichte erz\u00e4hlen&#8220;, nichts sonst; Ereignisse, von einem roten Handlungsfaden zusammengehalten, eine Story mit Anfang und Ende, auch ohne M\u00fchen nacherz\u00e4hlbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kriminalroman scheint das ideale Medium zu sein, diese Form des Erz\u00e4hlens zu bewahren, seine Inhalte und Absichten pr\u00e4destinieren ihn dazu, das Publikum verlangt danach, eine ebenso logische wie abgeschlossene Geschichte zu lesen. Das nennt man &#8222;aristotelisch&#8220;, weil es im weitesten Sinne die Einheit von Zeit, Raum und Handlung \u2013 vor allem die letzterer &#8211; verlangt und als Zielsetzung die Erregung von Mitleid und das Einsetzen von L\u00e4uterung (Katharsis&#8220;) hat. Alles Forderungen, die anscheinend nur das traditionelle Erz\u00e4hlen als Fortsetzung der Ursituation des &#8222;Erz\u00e4hlers im lauschenden H\u00f6rerkreis&#8220; erf\u00fcllt und besonders eben der Kriminalroman, der \u2013 naturgem\u00e4\u00df? \u2013 aristotelisch ist und auf Gedeih und Verderb an diese Vorgaben gebunden, denn, schreibt Seghers:<em> &#8222;\u2026 w\u00fcrden sie [die Kriminalromane] die Gesetze der aristotelischen Dramaturgie aufgeben, w\u00fcrden sie zugleich ihre eigenen Ma\u00dfgaben suspendieren und damit sich selbst.&#8220;<\/em><br \/>Mit anderen Worten: Ein Kriminalroman, der keine Geschichten mehr erz\u00e4hlt, ist entweder \u00fcberhaupt keiner mehr oder ein misslungener.<\/p>\n\n\n\n<p>So eindeutig und nachvollziehbar das auch klingt: Man kann es sofort und ohne M\u00fchen aushebeln. Denn schon unser urzeitlicher Erz\u00e4hler hat ja viel mehr getan, als nur eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Er hat sie inszeniert: durch seine Sprache, seine Stimme, durch das Einbeziehen der Szenerie (Nacht, Lagerfeuer). Und wenn im spannendsten Moment in der Ferne ein wirklicher S\u00e4belzahntiger seine Stimme erhob und das lauschende Publikum zusammenschreckte, geh\u00f6rte auch das zur Inszenierung, durchbrach die Einheit der Handlung und wirkte, ohne Teil der eigentlichen Geschichte zu sein, unmittelbar auf die Zuh\u00f6rer. Die, nebenbei, selbst eifrig antiaristotelisch wirkten, denn sie verkn\u00fcpften Raum, Zeit und Handlung des Erz\u00e4hlten mit ihrem eigenen Raum, ihrer eigenen Zeit, ihrer eigenen Handlung, sie erinnerten sich, wie sie selber einstmals einem S\u00e4belzahntiger gegen\u00fcber standen und, statt ihn zu erlegen, lieber Fersengeld gegeben haben usw usf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft nun: In dieser reinen Form gibt es das Erz\u00e4hlen als das Erz\u00e4hlen einer GESCHICHTE gar nicht. Und vielleicht bedeutet &#8222;modernes Erz\u00e4hlen&#8220; mit all seiner Diskontinuit\u00e4t lediglich, dass sich das Schreiben den tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen angepasst hat. Hie\u00dfe aber auch: Die Vorstellung, ein Kriminalroman erz\u00e4hle eine kontinuierliche, eben aristotelisch inszenierte Geschichte, ist irrig. Was aber erz\u00e4hlt er dann? Der inszenierte Rahmen ist von Bedeutung, das Publikum mit seinen Anspr\u00fcchen und M\u00f6glichkeiten darf ebenfalls nicht au\u00dfer acht gelassen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So viel zur Einf\u00fchrung. Ich habe gestern Abend einen Selbstversuch unternommen \u2013 nein, ich schrecke vor nichts zur\u00fcck \u2013 und die Lesung einer Kriminalautorin besucht, Erz\u00e4hlerin im lauschenden H\u00f6rerkreis eben. Wenn ich es einrichten kann, werde ich heute Mittag dar\u00fcber berichten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seltsam. Irgendwie dr\u00e4ngt sich das Thema seit gestern in den Vordergrund. Angefangen hat alles mit meinem vorletzten Lekt\u00fcredoppel, Jan Seghers&#8216; &#8222;Partitur des Todes&#8220; und Morchai Richlers &#8222;Cocksure&#8220;. Zwei &#8222;Krimis&#8220; (man beachte die Anf\u00fchrungszeichen), zwei unterschiedliche Arten des Erz\u00e4hlens. 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