{"id":20924,"date":"2008-02-12T12:21:39","date_gmt":"2008-02-12T12:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-2\/"},"modified":"2022-06-05T22:33:32","modified_gmt":"2022-06-05T20:33:32","slug":"die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/die-woche-der-erzaehltheorie-des-kriminalromans-2\/","title":{"rendered":"Die Woche der Erz\u00e4hltheorie des Kriminalromans -2-"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bilder einer Lesung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rb\u00fccher kommen mir nicht ins Haus. Ich will nicht die Stimme eines anderen h\u00f6ren und schon gar nicht seinem Vorlesetempo folgen m\u00fcssen. Und was sind Autorenlesungen anderes als H\u00f6rb\u00fccher, nur mit dem Unterschied, dass letztere durch Tastendruck zum Schweigen gebracht werden k\u00f6nnen, was bei leibhaftigen AutorInnen aber selten funktioniert und nur durch schleunige Flucht simuliert werden kann? Die aber wiederum ziemlich aussichtslos ist, wenn man, von seinesgleichen ziemlich eingekeilt, in engen Stuhlreihen sitzt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nun, ich hatte es nicht anders haben wollen. Montag 19.30 Uhr, Schalterhalle der \u00f6rtlichen Volksbank (in der ich einmal in den Schulferien f\u00fcr 350 DM drei Wochen lang gearbeitet habe; positives Ergebnis: Die Erkenntnis, niemals &#8222;Banker&#8220; werden zu wollen), ca. 30 St\u00fchle, allesamt mit Krimih\u00f6rwilligen besetzt, f\u00fcnf bis zehn kommen noch dazu, weitere St\u00fchle werden vom Bankpersonal herbeigebracht, &#8222;gut besucht&#8220; nennt man das auf dem platten Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Auftritt Kerstin Rech. Das war jetzt wirklich nicht geplant, das war spontan. Geh doch mal hin, h\u00f6r dir das mal an. Wenigstens kein sprachschludernder Hobbykriminalist, kein in die Winzigkeit seines eigenen Humors verliebter Langweiler im Taumel des Regionalkrimitums. Und das Buch, aus dem Kerstin Rech heute Abend lesen wird, kenne ich auch schon, &#8222;Schenselo&#8220; hei\u00dft es, kann also nicht so schlimm werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird es auch nicht. Kerstin Rech liest gut, die ausgew\u00e4hlten Kapitel passen zueinander, dazwischen gibt sie knappe Erkl\u00e4rungen zum Verst\u00e4ndnis der Passagen. Sehr sch\u00f6n, doch. Nach einer Stunde ist dann alles vorbei. Die PR-Vertreterin der Bank, die uns mit launigen Worten (&#8222;Ich begr\u00fc\u00dfe die Repr\u00e4sentanten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung&#8220; \u2013 au\u00dfer dem Leiter des Kulturamts war niemand aus den begr\u00fc\u00dften Gruppen vertreten) in die Veranstaltung eingef\u00fchrt hat, beschlie\u00dft diese auch mit dem Hinweis, es seien jetzt Rotwein und Bretzeln bereit gestellt, man k\u00f6nne B\u00fccher kaufen und sich signieren lassen, damit sei &#8222;der offizielle Teil&#8220; beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00fcberrascht mich. Ist es bei Autorenlesungen nicht \u00fcblich, dass sich der oder die Lesende den dr\u00e4ngenden Fragen des Publikums stellt? Hier und heute anscheinend nicht. Ein paar Gl\u00e4ser Rotwein werden geleert, einige Bretzeln gegessen (beides nicht von mir; ich bin m\u00fcde und gehe heim), das wars. Keine Diskussion. Merkw\u00fcrdig f\u00fcr eine Veranstaltung, die innerhalb einer Reihe &#8222;Dialog&#8220; stattgefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Fazit? Zu solchen Krimilesungen gehen haupts\u00e4chlich Frauen (ca. 80 %), sie wollen nur zuh\u00f6ren, sonst gar nichts. Eine H\u00e4lfte verl\u00e4sst die Schalterhalle sofort nach dem Ende der Lesung, die andere schnappt sich ein Glas Wein und oder kauft (k\u00e4uft?) ein Buch und l\u00e4sst es sich signieren. Lohnt das den Aufwand? Dass man die Autorin einmal leibhaftig sieht und ihre Stimme h\u00f6rt?<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei l\u00e4uft ab, was auch beim Lesen abl\u00e4uft. Das Gelesene setzt sich zu Bildern zusammen, diese werden zu einem Film. Gut, beim Selberlesen kann man nicht die Augen schlie\u00dfen, mein Vorgelesenbekommen schon und einige tun das auch, wie ich sehe, denn ich halte die Augen ge\u00f6ffnet. Wenn ich sie jetzt zu mache, schlafe ich ein, und das liegt keineswegs an Kerstin Rech oder ihrem Vortrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrachte mir die Umgebung. Vor mir h\u00e4ngt eine Uhr. Neben mir ein kleines Tischchen mit Prospekten, ich lese &#8222;Riesterrente&#8220; und einen knalligen Werbespruch daf\u00fcr, den ich aber sofort wieder vergessen habe. Kerstin Rech ist eine konventionelle Erz\u00e4hlerin, was sich vor allem darin zeigt, dass sie vollst\u00e4ndige S\u00e4tze schreibt und man immer wei\u00df, wo man gerade ist, welche Person den Fokus hat. Sie erz\u00e4hlt auch, was die Leute, aus deren Sicht man durch die Handlung geht, so denken. Mit &#8222;innerem Monolog&#8220; hat das nichts zu tun, aber einen inneren Monolog gibt es nat\u00fcrlich doch: in mir. Ich frage mich zum Beispiel, was die \u00e4ltere Frau zwei Reihen vor mir (ich kenne sie vom Sehen, sie ist heimatkundlich interessiert) in ihrem Kopf w\u00e4lzt, als die Rede auf ein Heimatmuseum kommt. Was denkt die Frau neben mir, wenn der kleine Emil unter dem Verlust des Vaters leidet? Echauffiert sich der Herr au\u00dfen links, als Frau Rech einmal &#8222;Furz&#8220; vorliest?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich, all das geh\u00f6rt nicht zum Text, der wie gesagt ein konventioneller Erz\u00e4hltext ist, kontinuierliche Handlung mit Einblicken in die Psyche der Personen. Aber das ist ja nicht alles, was er ERZ\u00c4HLT. Er schafft Bilder und kleine Filme, das auf jeden Fall. Er vereinigt sich mit anderen Texten, die man selbst schreibt, wenn man seinen Blick schweifen l\u00e4sst oder innerlich monologisiert. Das Vorgelesene klinkt sich in die Reflexionen der Zuh\u00f6rer ein \u2013 oder umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcberlege mir im Nachhinein, was passiert w\u00e4re, h\u00e4tte nicht Kerstin Rech gelesen, sondern ein &#8222;experimenteller Autor&#8220;, ja, stelle mir sogar vor \u2013 kostet schlie\u00dflich nichts \u2013 James Joyce zuzuh\u00f6ren, wie er \u2013 nein, nicht aus dem &#8222;Ulysses&#8220;, das w\u00e4re zu einfach \u2013 aus &#8222;Finnegans Wake&#8220; liest. Ob mein Zuh\u00f6ren wesentlich anders gewesen w\u00e4re? Ob ich mir nicht das Erz\u00e4hlte auch als eine Handlung h\u00e4tte vorstellen M\u00dcSSEN, weil es gar nicht anders geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich. Aber eins ist klar. Die Kontinuit\u00e4t, die ich beim Zuh\u00f6ren zwangsl\u00e4ufig herstelle, w\u00e4re bei Joyce eine andere. Bei Kerstin Rech m\u00fcsste ich, um einem Dritten zu erz\u00e4hlen, was da gelesen wurde, den Inhalt paraphrasieren. Bei Joyce oder \u2013 nennen wir Krimiautoren \u2013 bei Pablo De Santis oder Robert Littell oder Mordechai Richler \u2013 w\u00fcrde ich ohne Zweifel analytisch vorgehen m\u00fcssen, erz\u00e4hltheoretisch. Denn es w\u00e4re eindeutig, dass mir nicht nur eine Handlung erz\u00e4hlt wird, sondern etwas hinter dieser Handlung darauf wartet, dechiffriert zu werden. Tut es bei Rech auch, nebenbei, aber es ist offensichtlicher, auch Handlung. So gesehen, steht Kerstin Rech f\u00fcr das Gros Ihrer KollegInnen, der Text schottet sich ab, indem er seine eigene Kontinuit\u00e4t unterstreicht, die ihm immanente Logik der Handlung. Alles was von au\u00dfen kommt (und es kommt beim Zuh\u00f6ren eine Menge von au\u00dfen, so wie beim Lesen \u00fcbrigens auch), wird als Eindringling betrachtet und hei\u00dft dann &#8222;mangelnde Konzentration&#8220;. Ein Qualit\u00e4tskriterium dieser Literatur ist der Grad ihrer Bef\u00e4higung, die Leser &#8222;in ihren Bann&#8220; zu ziehen, sie &#8222;alles andere vergessen&#8220; zu machen, sprich: Das Leseerlebnis seiner weiteren Ph\u00e4nomene zu berauben. Je &#8222;abgelenkter&#8220; ich bin, desto mehr l\u00e4sst DIE SPANNUNG nach. Und das ist ein schwerwiegendes Argument f\u00fcr die These, dass Kriminalliteratur immer nur traditionell, stringent und von Handlung dominiert erz\u00e4hlt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist eine andere Baustelle, der wir uns beim n\u00e4chsten Mal widmen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bilder einer Lesung H\u00f6rb\u00fccher kommen mir nicht ins Haus. Ich will nicht die Stimme eines anderen h\u00f6ren und schon gar nicht seinem Vorlesetempo folgen m\u00fcssen. 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