{"id":20931,"date":"2012-03-28T06:40:06","date_gmt":"2012-03-28T06:40:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-15\/"},"modified":"2022-06-07T15:39:41","modified_gmt":"2022-06-07T13:39:41","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-15\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 15"},"content":{"rendered":"\n<p>Und wieder ist ein Zehner voll. Diesmal mit einem Ausflug ins Literaturwissenschaftliche, Gedanken \u00fcber Eskapismus und Bundespr\u00e4sidenten, die Dummheit, das Elend deutschen Fernsehschaffens und &#8211; die Langeweile. Sowie noch vieles mehr. Hier am St\u00fcck, auf Facebook aktuell in Filets gehackt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 141:<\/strong> Eine der Segnungen des Internetzeitalters ist die v\u00f6llige Demaskierung der Dummheit, das schamlose Abwerfen der in so gro\u00dfer Vielfalt tragbaren H\u00fcllen, bis nur noch angesichts des j\u00e4mmerlichen Kerns jeglichen Dummseins das nackte Entsetzen im Auge des Betrachters verbleibt. Dieser so gewaltig wie verkniffen hervorbrechende Rassismus (etwa anl\u00e4sslich einer Castingshow, bei der eine &#8222;Negerin&#8220; gewonnen hat), diese von der therapiebed\u00fcrftigen Verkorkstheit der eigenen Sexualit\u00e4t befeuerte Homophobie, die Lust an der Brandstiftung, die \u2013 werden wir psychologisch \u2013 latente Analfixiertheit, das Sich-minderwertig-F\u00fchlen, das v\u00f6llige Beseitigen des simpel Faktischen mit Hilfe einer wie irre kolportierenden Kombinatorik \u2013 ach, es sind Fallstudien des Banalb\u00f6sen, sprich gef\u00e4hrlich Dummen, der abgrundtiefen Verflachung von Gehirnen, des allt\u00e4glichen Monstr\u00f6sen eben, das in der Kriminalliteratur zumeist und f\u00e4lschlich in den Rang des Exzeptionellen gehoben wird. Also, Autorinnen und Autoren, begebt euch in die Tiefe des digitalen Netzes, wo die Perversionen lauern, dieser normale Bodensatz all der Mal\u00e4sen, der unsere Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Ein Tag unter den gew\u00f6hnlich sterblichen Dummen ist f\u00fcr das Studium des Verbrechens ergiebiger als ein Monat unter mafi\u00f6sen Vereinigungen, kl\u00fcngelnden Politikern oder global brandschatzenden Finanzjongleuren. Erste Lektion: Warum Dummheit nicht die Abwesenheit von Intelligenz bedeutet. Sondern ihr krankhaftes Ausgepr\u00e4gtsein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 142:<\/strong> In den &#8222;Berechnungen II&#8220; von 1956 benennt Arno Schmidt drei &#8222;Spektralklassen der Geister&#8220;, die er anhand verschiedener Auspr\u00e4gungen von &#8222;L\u00e4ngeren Gedankenspielen&#8220; definiert. Lassen wir einmal die schmidtspezifische poetologische Problematik beiseite (mein Gott, ich habe in den 80er Jahre ganze HEFTE dar\u00fcber geschrieben!), hat diese Kategorisierung doch einige Affinit\u00e4t zur Konzeption von Kriminalliteratur. Zun\u00e4chst: Schmidt geht von zwei Ebenen E I und E II aus, wobei (jetzt streife ich die Problematik doch) allerdings nie ganz klar wird, ob es sich bei beiden um textinterne Ebenen handelt. Jedenfalls: Von Ebene I aus entwickelt sich das l\u00e4ngere Gedankenspiel E II. Die drei Typen sind: a) Bel Ami. Das Gedankenspiel als Kontrast zur &#8222;wirklichen Welt&#8220; E I. b) Querulant. Das Gedankenspiel entwickelt sich als Parallele zur &#8222;wirklichen Welt&#8220;, die debattierend aufgearbeitet wird. c) Gefesselter. Das Gedankenspiel als Steigerung von Realit\u00e4t ins Allgemeing\u00fcltige. Die Grundhaltungen sind dabei a) optimistisch, b) misstrauisch oder bei c) pessimistisch.<br \/>Wohlgemerkt: Schmidt betrachtet das Ganze aus der Warte des Autors, der sich darum bem\u00fcht, &#8222;Wirklichkeit abzubilden&#8220;. Aber zu dieser Wirklichkeit geh\u00f6rt auch das Lesen. \u00dcbertragen wir das also auf das Leseverhalten eines Krimikonsumenten, dann wird klar: Jede Lekt\u00fcre (E II) ist eskapistisch, eine Reaktion auf die Wirklichkeit (E I). Im Falle des &#8222;Bel Ami&#8220; bedeutet sie Flucht in eine bessere Welt, in der sich der Leser qua Identifikation als Held produzieren kann (&#8222;Schund&#8220;). Bei Typ &#8222;Querulant&#8220; besch\u00e4ftigt er sich mit dem Zustand der Welt, er ist an Erkenntnis interessiert, ein idealer Konsument von &#8222;realistischen&#8220; Krimis. Der &#8222;Gefesselte&#8220; indes bevorzugt das, was wir &#8222;Noir&#8220; nennen. Laut Schmidt ist dies die h\u00f6chste Form des L\u00e4ngeren Gedankenspiels.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 143:<\/strong> Wenn die aktuelle deutsche Kriminalliteratur dort ankommt, wo die deutsche Nichtkriminalliteratur mit B\u00fcchners &#8222;Woyzeck&#8220; schon mal war, w\u00e4re sie auf der H\u00f6he der historischen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 144:<\/strong> Die deutsche Krimiszene ist so tot, dass man ihr beim Atmen zuh\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 145:<\/strong> Bleiben wir kurz bei Schmidt und den &#8222;Berechnungen&#8220;, die ja, auf das Lesen gem\u00fcnzt, der Literatur ein eskapistisches &#8222;Potential&#8220; als naturgegeben zuordnen. Flucht. Flucht vor etwas, Flucht in etwas, Voraussetzung f\u00fcr Flucht: Angst vor etwas und \/ oder die Sehnsucht nach etwas. Flucht auch: Bewegung, das Gegenteil von Ausharren \/ Erleidenwollen \/ Zufriedensein \/ Akteursein. In dieser Begrifflichkeit manifestiert sich Literatur, die hohe wie die nicht ganz so hohe, also auch der Krimi. Dessen Eskapismusangebote sind immer aus dem Blickwinkel der elit\u00e4ren Literaturbewertung betrachtet worden: Vergessen, verdr\u00e4ngen, versch\u00f6nen. Aber man kann eben auch, theoretisch, in Goethes Weimarer Landhaus sitzend, Schillers &#8222;R\u00e4uber&#8220; lesen und bis nach Buchenwald r\u00fcberblicken. Lesen nicht auch wohlbestallte Bef\u00fcrworter von &#8222;Arbeitsmarktreformen&#8220; jeglicher Art anl\u00e4sslich des 175. Todestages von B\u00fcchner behaglich &#8222;ihren Woyzeck&#8220;? Stichwort, siehe oben: Literatur als Hure, nein, korrekt: Literatur als Zwangsprostituierte unter der dogmatischen Knute kultivierter Zuh\u00e4lter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prekariatszettel:<\/strong> Wieviel intellektuelle Anstrengung verkraftet das deutsche Krimipublikum? Um sich dieser Frage zu n\u00e4hern, darf man krimifern bleiben und im D\u00fcster-Allgemeinen stochern. Die Hoffnung auf einen &#8222;intellektuellen Diskurs&#8220; mit unserem neuen Bundespr\u00e4sidenten zerschellt an der Frage, warum der Mann nicht endlich heiratet und wie er es wagen kann, Thesen zu formulieren, die nicht die unseren sind. Vorschlag: Schafft einen Bundespr\u00e4sidentenautomaten an, sprecht eure Ansichten in ein Mikrophon, dr\u00fcckt auf einen Bundespr\u00e4sidentenautomatenknopf und h\u00f6rt euch an, was dann der Automat zu sagen hat, n\u00e4mlich das, was ihr gerade gesagt habt. Das ist Diskurs auf Deutsch. Oder schaut euch \u2013 wie Schreiber dieses gestern \u2013 auf Arte an, wie franz\u00f6sische Fernsehjournalistinnen \u00fcber die &#8222;Volkskrankheit Arbeitslosigkeit&#8220; einen Film drehen und wie ihre deutschen KollegInnen das zu tun pflegen. Wer dann zuf\u00e4lligerweise unweit der franz\u00f6sischen Grenze wohnt, wird sich danach \u00fcberlegen, ob er seine Zelte nicht zehn Kilometer weiter s\u00fcdlich aufschlagen soll. Oder lest Patrick P\u00e9cherots L\u00e9o-Malet-Adaptionen und vergleicht sie mit dem durchschnittlichen Niveau deutscher &#8222;historischer Krimis&#8220;. Alles klar?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 146:<\/strong> Eskapismus: die Suche nach einem sicheren Ort. Kriminalliteratur: die unsicheren Orte, theoretisch jedenfalls. Praktisch: Die Orte, an denen Erwartungshaltungen befriedigt werden, der Markt f\u00fcr Angebot und Nachfrage, wo der Preis f\u00fcr Krimi bestimmt wird: affirmative Langeweile f\u00fcr jeden Geld- und Gr\u00fctzbeutel. Ich m\u00f6chte endlich mal einen S\u00fcdafrikakrimi lesen, in dem es nicht um Apartheid geht. Einen Wirtschaftskrimi ohne b\u00f6se Banker, aber mit b\u00f6sen Kleinsparern. Unsichere Orte eben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Suchtzettel:<\/strong> Die elektronische Zigarette ist f\u00fcr den Raucher das, was der Feldwaldwiesenkrimi f\u00fcr den Spannungsfreund ist. Genuss ohne Reue (angeblich), eine effiziente Bed\u00fcrfnisbefriedigung, die ohne die Tradition, die Metaphysik des Procederes auskommt. Einfach lospaffen, die Zigarette &#8222;nicht mehr aus der Hand legen&#8220; m\u00fcssen, niemand f\u00fchlt sich mehr bel\u00e4stigt, nichts verpestet die Luft. Bitte jetzt selbstst\u00e4ndig auf den Krimi \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 147:<\/strong> Anl\u00e4sslich der Lekt\u00fcre von Michael Molsners &#8222;Dich sah ich&#8220;: Der Mann mag mit Krimipreisen \u00fcberh\u00e4uft worden sein (etwas l\u00e4nger her schon), aber das ist explizit kein Krimi. Erinnert mich, was den Einsatz des &#8222;Krimifaktors&#8220; angeht, an Wilhelm Raabes &#8222;Stopfkuchen&#8220;. Ein Spannungsknochen, der an einem roten Faden durch den Text geschleift wird, in dem es um alles M\u00f6gliche, nur nicht um Mord und Totschlag geht. Aber doch, gut gemacht. Die Thematik im Auge behalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 148:<\/strong> Der Krimi eingezw\u00e4ngt zwischen Zeitvertreib und Infotainment, Content zum reibungslosen Hirntransit, mit den Augen angesogen, wie mit einem intellektuellen Laubbl\u00e4ser aufgewirbelt und flugs aus dem Hirn wieder raus. Ja, okay, nichts dagegen zu sagen. Unterhaltung und \/ oder leicht bek\u00f6mmliches Wissen \u00fcber die Weimarer Republik, die Zust\u00e4nde in deutschen Szenelokalen, die Stasi oder die Stra\u00dfenverh\u00e4ltnisse in St. Peter-Ording. Indes: Lesen als Arbeit. V\u00f6llig aus der Mode gekommen, f\u00fcr Schulb\u00fccher reserviert, effizienzabh\u00e4ngig. Lesen als Arbeit muss sich lohnen, ein Klingeln in der Lohnt\u00fcte, eine gute Note auf dem Zeugnis. Lesen als Arbeit, Arbeit als Befriedigung, Befriedigung durch Erkenntnisgewinn, der bleibt. Kriminalliteratur, die bleibt: Eine, die dich herausfordert, deine grauen Zellen in Bewegung setzt, dir deine Fernsehnachrichtengewohnheiten austreibt, dir deine Ratgeberliteratur aus dem Kopf schl\u00e4gt. Aber man redet gegen eine Wand. Gegen die Wand einer Gummizelle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lexikalzettel:<\/strong> Kriminalliteratur, die: netter Versuch, auch mal ein Buch zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Noch-ein-Lexikalzettel:<\/strong> Krimikritiker, der: h\u00e4lt Krimi f\u00fcr mehr als Krimi und sich selbst f\u00fcr mehr als einen Schw\u00e4tzer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und-noch-ein-Lexikalzettel:<\/strong> Krimileser, der, Krimileserin, die: Menschen, denen man manchmal z\u00e4rtlich in den Arsch treten muss, damit sie einem selbst z\u00e4rtlich in den Arsch treten, funktioniert auch andersrum.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 149:<\/strong> Nur noch die Langeweile kann den deutschen Kriminalroman retten. Die Zertr\u00fcmmerung des Traums, der ja immer eine ungeschickt montierte Story aus Einzelteilen ist, die nicht zusammenpassen, aber von den Synapsen zu einer Geschichte geschludert werden. Zertr\u00fcmmern. Lasst uns die Einzelteilen sehen, die baumelnden Schn\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 150:<\/strong> Vielleicht m\u00fcssen wir uns daran gew\u00f6hnen, dass ein &#8222;realistischer Krimi&#8220; immer ein Krimi ohne Spannung sein wird. Verbrechen sind Abfolgen von Banalit\u00e4ten, die unerh\u00f6rte Tat nichts weiter als Routinehandwerk, die Dramaturgie hingegen Kopfarbeit, Spekulation von au\u00dfen. Das Verbrechen wird als solches nicht wahrgenommen, es ist Alltag, es ist systemimmanent und systemkonform, es funktioniert ohne Verst\u00f6\u00dfe gegen Strafgesetze, es nutzt vielmehr die Natur von Justiz, ihren Interpretationsspielraum. Der Spannungsaufbau des Krimis, wie er sich \u00fcber 100 Jahre herausgebildet hat, wird zum blo\u00dfen K\u00f6der f\u00fcr Denkfaule. Uns stehen spannende Zeiten bevor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und wieder ist ein Zehner voll. 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