{"id":20932,"date":"2008-02-19T05:09:18","date_gmt":"2008-02-19T05:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/benjamin-black-christine-falls\/"},"modified":"2022-06-15T02:55:02","modified_gmt":"2022-06-15T00:55:02","slug":"benjamin-black-christine-falls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/benjamin-black-christine-falls\/","title":{"rendered":"Benjamin Black: Christine Falls"},"content":{"rendered":"\n<p>Benjamin Black ist das offene Pseudonym von John Banville, der 2005 den <em>Man Booker Prize<\/em>, den bedeutendsten Literaturpreis des Commenwealth und Irlands gewann. Gro\u00df war die Neugier, hoch die Spannung, ob der Romancier bei seinem Ausflug ins Genre den richtigen Ton trifft, oder ob hier wieder ein \u201eseri\u00f6ser\u201c Autor versucht, durch den Erfolg des Genres dazu zu verdienen \u2013 was John Banville wohl nicht unbedingt n\u00f6tig h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nun, \u201eChristine Falls\u201c macht es einem Krimileser nicht leicht. Grundweg ablehnen kann man das Buch nicht. Erz\u00e4hlt wird eine typische Krimigeschichte, angesiedelt im Irland der 50er Jahre. War die katholischen Kirche in vielen L\u00e4ndern der Welt m\u00e4chtig, im Irland der fr\u00fchen 50er war sie m\u00e4chtiger. Getragen von einer F\u00fchrungsschicht, die geschickt den Erhalt ihrer Position mit dem Selbsterhaltungstrieb der Kirche verband, herrschte sie mit ersch\u00fctternder Konsequenz<\/p>\n\n\n\n<p>Quierke ist Pathologe und findet eines Nachts seinen Schwager, einen Gyn\u00e4kologen, wie dieser sich an einer Akte zu schaffen macht. Der Schwager tut so, als wenn nichts w\u00e4re, und der Leichnam, den Quierke meinte gesehen zu haben, ist am n\u00e4chsten Tag, genauso wie wenige Tage sp\u00e4ter die Akte, verschwunden. Die Neugier Quierkes ist geweckt und hartn\u00e4ckig macht er sich ans Werk. Erst um Klarheit in die Sache zu bringen. Dann, nachdem er diverse Hinweise, seine Neugier zu z\u00fcgeln ignoriert hat, und nach dem Tod einer Frau, weil es eine Frage von Gewissen und Moral f\u00fcr ihn geworden ist. Dass zudem bei Quierke diverse pers\u00f6nliche Probleme hinzukommen, seine Frau im Kindbett verstorben ist, er kr\u00e4ftig dem Alkohol zuspricht [wie ich mich doch auf \u201eSoul Patch\u201c von Reed Farrel Coleman freue, denn dessen Held ist so richtig unaufdringlich seelisch stabil] geh\u00f6rt zu den derzeit \u00fcblichen Zugaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Black zieht die Geschichte konsequent durch, bis zum Schluss, dessen Aufl\u00f6sungen teils \u00fcberraschend, gr\u00f6\u00dftenteils aber doch nicht unerwartet kommen. Quierke stolpert irgendwie durchs Buch, zielstrebig zwar und (letztlich) immer mit den richtigen Einf\u00e4llen, aber gerade diese sind f\u00fcr den Leser nicht immer nachvollziehbar, denn sie sind intuitiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Black ist ein Erz\u00e4hler, einer der an S\u00e4tzen feilt und schm\u00fcckt und R\u00e4ume detailliert erschafft. Dabei muss man immer wieder ob gelungener S\u00e4tze, Abschnitte, Szenen mit der Zunge schnalzen. Das ist so ein Buch, das man nehmen mag und den Englischsch\u00fcler beauftragen, die Bildersprache des Buches anhand der V\u00f6gel darzustellen. Seien es drei Enten, Kr\u00e4hen, oder zwei Schw\u00e4ne, immer wieder schwirrt das Federvieh durch die Szenen und als Leser beobachtet man sich, wie man mehr auf die Vieher und ihre Bedeutung achtet, als auf den parallelen Dialog der Menschenwesen; besonders subtil ist das nicht unbedingt. Bei all dem liegt eine Patina auf dem Text, als wenn man das Geschehen durch eine Scheibe betrachtete, die doch ein wenig die Unmittelbarkeit der Darstellung abschw\u00e4cht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch, wenn die Darstellung eines simplen \u00dcberfalls auf Quierke viereinhalb Seiten braucht. Wo andere mit einer halben Seite durch sind, durchdringt Black in einer genreungewohnten Manier. Kein Wunder, dass die Geschichte nicht die Komplexit\u00e4t, die Emotionalit\u00e4t besitzt, die in den (niveaum\u00e4\u00dfig) h\u00f6heren Gefilden des Genres verbreitet sind, denn f\u00fcr Drive und diverse, verschlungene Handlungsf\u00e4den fehlt eindeutig der Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vergleich zu Thomas H. Cook, einem anderen Meister der Sprache, wird die Zielrichtung Blacks deutlich. Bei Cook dient die Darstellung immer dem gro\u00dfen Ganzen, der Spannung, dem Aufbau psychischen Drucks; Black dagegen ist ein Maler, bei ihm dienen die Darstellung der Atmosph\u00e4re, der Tiefen einer Szene, Spannung mag dabei aufkommen, doch tr\u00e4gt diese nicht bis zum Schluss.<br \/>Dennoch: neugierig, wie Black in einem zweiten Buch weiter zu Werke geht, bin ich schon.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Benjamin Black: Christine Falls. <br \/>Picador 2007. 400 Seiten. 10,99 \u20ac <br \/>(deutsch: Nicht frei von S\u00fcnde, Kiepenheuer &amp; Witsch 2007, 432 S., 19,90 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Black ist das offene Pseudonym von John Banville, der 2005 den Man Booker Prize, den bedeutendsten Literaturpreis des Commenwealth und Irlands gewann. 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