{"id":20935,"date":"2008-02-21T05:22:26","date_gmt":"2008-02-21T05:22:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/tom-rob-smith-kind-44\/"},"modified":"2022-06-17T21:48:27","modified_gmt":"2022-06-17T19:48:27","slug":"tom-rob-smith-kind-44","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/tom-rob-smith-kind-44\/","title":{"rendered":"Tom Rob Smith: Kind 44"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass sich aktuell gleich zwei Herren Smith auf der Krimiwelt Bestenliste tummeln und Stalins (Un)Geist beschw\u00f6ren, ist sicher Zufall. Der eine, Martin Cruz Smith, l\u00e4sst den Diktator durch das heutige Russland irrlichtern; beeindruckend, wie man es von diesem Routinier erwarten darf. Der andere f\u00fchrt uns zur\u00fcck in die Zeit des noch lebenden resp. soeben verstorbenen Stalin; ein B\u00fcrschlein in seinen zarten Zwanzigern ist dieser Tom Rob Smith und beinahe w\u00e4re auch ihm ein gro\u00dfartiges Buch gelungen. Beinahe\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Leo Demidow, Offizier des MGB (eine Art &#8222;Staatssicherheit&#8220;), ist \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger der Lehren des gro\u00dfen georgischen F\u00fchrers, ein Bilderbuch-Kommunist und flei\u00dfiger Arbeiter im Bergwerk des t\u00e4glichen Terrors. Dann ger\u00e4t sein von keinerlei Zweifeln getr\u00fcbtes Leben aus dem Fugen. Zuerst muss er einem Kollegen ausreden, dessen kleiner Sohn sei bestialisch ermordet worden. Mord n\u00e4mlich gibt es nicht im Paradies des Sozialismus, schon der Verdacht grenzt an Hochverrat. Und schlie\u00dflich wird Demidow von einem rachs\u00fcchtigen Mitarbeiter in Misskredit gebracht. Man verfrachtet ihn zusammen mit Ehefrau Raisa nach Wualsk im Ural, wo er als unterste Charge bei der Miliz eingesetzt wird. Dort, in der trostlosen Industriestadt, st\u00f6\u00dft Leo auf weitere F\u00e4lle von Morden an Kindern, alle identisch inszeniert. Gegen alle Widerst\u00e4nde nimmt er die F\u00e4hrte auf und erkennt recht bald, dass hier ein brutaler Killer durchs Land reist und bei jeder Gelegenheit zuschl\u00e4gt. Der Sohn des Kollegen war &#8222;Kind 44&#8220; auf der Liste des Grauens\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte spielt im Jahr 1953, in einer Welt, die von Schrecken und Hunger, Depression und Angst beherrscht wird. Niemand ist sicher, &#8222;Abweichler&#8220; werden gnadenlos verfolgt, Denunziationen sind an der Tagesordnung. Smith rekonstruiert diese H\u00f6lle durchaus gekonnt, ein &#8222;historischer Krimi&#8220; ist das schlie\u00dflich, einiges an Fakten muss zwangsl\u00e4ufig referiert werden, da man die erforderlichen Detailkenntnisse bei den LeserInnen nicht voraussetzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die ob der politischen und gesellschaftlichen Situation naturgem\u00e4\u00dfe &#8222;Zerrissenheit&#8220; des Personals vermag Smith glaubw\u00fcrdig darzustellen, was aber \u2013 um es ein wenig zynisch auszudr\u00fccken \u2013 keine gro\u00dfe Kunst ist, denn die Sowjetunion des Jahres 1953 konnte gar nichts anderes produzieren als Paranoia. Immer wieder gelingen so Smith eindringliche Schilderungen, etwa von der Hungersnot der drei\u00dfiger Jahre, mit der die Geschichte anhebt, von der Hetzjagd auf Homosexuelle, von der alles paralysierenden Angst auch und, als durchg\u00e4ngiges Motiv, von der Pervertiertheit der Verh\u00e4ltnisse, dem staatstragenden Morden, das keine &#8222;Privatverbrechen&#8220; neben sich duldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles ganz ordentlich gemacht, keine Frage, der Mann hat beim creative writing aufgepasst. Man mag die Aufl\u00f6sung des Falls als zu spektakul\u00e4r und psychologisierend kritisieren, den m\u00e4chtigen Wunsch des Publikums nach einem Happyend hat Smith aber auch hier zielsicher erf\u00fcllt und zugleich den Grundstein einer zu erwartenden Serie um Leo Demidow gelegt. So weit so gesch\u00e4ftst\u00fcchtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber. Wer hat Smith nur eingefl\u00fcstert, er m\u00fcsse alles \u2013 und alles meint hier alles \u2013 erkl\u00e4ren? Wenn etwa Leo von seiner Frau Raisa erf\u00e4hrt, sie habe ihn nicht aus Liebe, sondern aus Angst geheiratet, wird uns dieser im Grunde selbsterkl\u00e4rende Kasus mehrmals haarklein auseinandergesetzt und mit allerhand beigemischten Trivialit\u00e4ten eingebl\u00e4ut. Dass aus Leo, der kritiklosen Maschine, ein Zweifler wird \u2013 die Geschichte selbst erz\u00e4hlt es. Doch leider auch Mister Smith explizit in allen Einzelheiten, so als traue er dem Leser rein gar nichts zu. Das ist \u00e4rgerlich. Je weiter man liest, desto automatischer liest man solche Auslassungen einfach nur noch quer oder \u00fcberschl\u00e4gt sie ganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: &#8222;Kind 44&#8220; ist das Deb\u00fct eines durchaus talentierten und gesch\u00e4ftstaktisch cleveren Erz\u00e4hlers, der seiner eigenen Geschichte jedoch permanent misstraut und sie geradezu zwanghaft durch Kommentare abzusichern gedenkt. Intelligenz, Kombinationsf\u00e4higkeit und Phantasie der Leser werden konsequent ausgeschaltet, alles muss eindeutig und festgeklopft sein \u2013 das ist der Tod der Kriminalliteratur, der Literatur \u00fcberhaupt. Was sehr schade ist. Man fragt sich am Ende seufzend, was Martin Cruz Smith aus diesem Stoff gemacht h\u00e4tte und kennt die Antwort nur zu genau.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Tom Rob Smith: Kind 44. Dumont 2008 <br \/>(Original: \"Child 44\", 2008, deutsch von Armin Gontermann). <br \/>512 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich aktuell gleich zwei Herren Smith auf der Krimiwelt Bestenliste tummeln und Stalins (Un)Geist beschw\u00f6ren, ist sicher Zufall. Der eine, Martin Cruz Smith, l\u00e4sst den Diktator durch das heutige Russland irrlichtern; beeindruckend, wie man es von diesem Routinier erwarten darf. Der andere f\u00fchrt uns zur\u00fcck in die Zeit des noch lebenden resp. soeben verstorbenen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20935","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20935"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20935\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}