{"id":20937,"date":"2008-02-29T07:09:50","date_gmt":"2008-02-29T07:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/frau-und-krimi-wissenschaftliche-thesen\/"},"modified":"2022-06-05T23:16:58","modified_gmt":"2022-06-05T21:16:58","slug":"frau-und-krimi-wissenschaftliche-thesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/frau-und-krimi-wissenschaftliche-thesen\/","title":{"rendered":"Frau und Krimi. Wissenschaftliche Thesen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Wer bringt den Deutschkrimi nach vorn?<br \/>Juli Zeh und Thea Dorn.<br \/>Wer bringt ihn wieder runter, ey?<br \/>Thea Dorn und Juli Zeh.<\/em><br \/>(aus: Friedrich Glauser, Tageb\u00fccher 1934-1956)<\/p>\n\n\n\n<p>Anl\u00e4sslich des Eintreffens des neuen Buches von Thea Dorn (&#8222;Der M\u00e4dchenm\u00f6rder. Ein Liebesroman&#8220;) und bei genauer Betrachtung des aparten Autorinnenfotos \u00fcberkam mich wieder dieses Schuldgef\u00fchl. Der deutsche Kriminalroman n\u00e4mlich ist eine Frauendom\u00e4ne \u2013 und wir m\u00e4nnlichen Ignoranten wissen es nicht zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit einem Blick in die Geschichte. Nach der Entdeckung des Krimis durch die Geschwister Edgar und Ellen Poe wurde der neue literarische Kontinent wie einige geografische davor von den Ausgesto\u00dfenen dieser Welt besiedelt. Waren es in Australien die Strafgefangenen, in Amerika die Versklavten aus Old Europe, so kamen nach Krimistan vor allem &#8211; Frauen. Sie n\u00e4mlich hatten in der etablierten literarischen Welt bis dato nicht re\u00fcssieren k\u00f6nnen und brauchten ein noch unbeackertes Terrain, dessen Boden sie mit ihrer Phantasie fruchtbar machen konnten: den Krimi eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts f\u00fcr die Spannungsliteratur l\u00e4sst sich verbl\u00fcffend leicht aus beider jeweiliger Geschichte begr\u00fcnden. Die Spannungsliteratur wurde von der herrschenden Meinung unterdr\u00fcckt, die Frau als solche desgleichen. Ein Band jahrhundertelangen Unrechts verbindet also Krimi und Weib, kein Wunder, dass letzteres sehr fr\u00fch damit begann, sich f\u00fcr das Genre zu interessieren, sei es als Produzentin oder Leserin.<\/p>\n\n\n\n<p>Schrieb eine Frau Krimis, dann zumeist unter m\u00e4nnlichem Pseudonym. Eine Praxis, die bis heute G\u00fcltigkeit hat, wie das Beispiel Jan Seghers beweist. Dahinter steckt Matthias Altenburg, der wiederum eine fiktive Instanz von Anne Chaplet ist und als solche Frauenkrimis schreibt, w\u00e4hrend Anne Chaplet als das Pseudonym einer real existierenden Frau namens Cora Stephan identifiziert werden kann. Als Cora Stephan k\u00f6nnte sie z.B. ein Sachbuch \u00fcber Jan Ulrich oder Anna Seghers schreiben, was sie bisher aber noch nicht getan hat. Auch hinter dem Pseudonym A. Paprotta verbirgt sich eine Frau, gleiches gilt f\u00fcr Henrik Heiland und etwa 47 weitere Vertreterinnen des &#8222;sch\u00f6neren Geschlechts&#8220;, das aber leider \u2013 Emanzipation hin, Emanzipation her \u2013 bis heute auch das &#8222;schw\u00e4chere&#8220; geblieben ist, Rechtschreibschw\u00e4che inklusive.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorliebe schreibender \/ lesender Frauen f\u00fcr den Krimi hat nat\u00fcrlich auch etwas mit der nat\u00fcrlichen Brutalit\u00e4t der weiblichen Psyche zu tun. Doch, Sie haben richtig geh\u00f6rt. Frauen k\u00f6nnen saubrutal sein, etwa wenn sie die ebenso nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisse der M\u00e4nner mit einem schnippischen &#8222;Mit dir? Niemals!&#8220; abschmettern. Wer sich so \u00fcber das Verlangen triebgesteuerter Lebewesen hinwegsetzt, hat auch keine Skrupel, erbarmungslose Massenm\u00f6rder auf die nach Fiktion lechzende Menschheit \u2013 auch hier zu 90% Frauen \u2013 loszulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauenkrimis unterscheiden sich grunds\u00e4tzlich von M\u00e4nnerkrimis dadurch, dass in ihnen &#8222;das Gef\u00fchl&#8220; dominiert, w\u00e4hrend M\u00e4nnerkrimis eher auf &#8222;die neue deutsche Rechtschreibung&#8220; vertrauen. Frauen schreiben aus dem Bauch heraus, M\u00e4nner aus dem Unterleib. Gef\u00fchlsechte Literatur kann so oder so entstehen, das ist keine Frage des Geschlechts. Jedoch scheint es, dass das Spektrum des Bauches dem des Unterleibs literarisch \u00fcberlegen ist, sowohl beim Plotten als auch bei der Personenzeichnung. W\u00e4hrend in M\u00e4nnerkrimis blonde Frauen ausschlie\u00dflich als &#8222;geile Schlampen&#8220; fungieren, werden sie in Frauenkrimis weitaus flexibler als &#8222;gute M\u00fctter und geile Schlampen&#8220; eingesetzt. Hier trifft Bauch Unterleib. Wie dem auch sei: Aus dem Kopf heraus ist in Deutschland noch kein Krimi geschrieben worden, wohl weil das hierzu ben\u00f6tigte dritte Geschlecht nicht existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wesentlicher Vorteil von Frauen im Krimigesch\u00e4ft ist ihre unbezweifelbare physische Attraktivit\u00e4t. Man sch\u00e4tzt, dass etwa 80% aller Frauenkrimis nur gekauft werden, weil &#8222;die Autorin so klasse ausschaut&#8220;, aber nur 37% aller M\u00e4nnerkrimis (und dabei sind 89% von Frank Sch\u00e4tzing). Hier gewinnt das Wort &#8222;Stilberatung&#8220; eine subtile Doppelbedeutung, rekurriert es n\u00e4mlich nicht ausschlie\u00dflich auf den Bereich des kriminalschriftstellerischen Handwerks, sondern zudem auf den professioneller Sch\u00f6nheitspflege.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Genreprodukt legt der Kriminalroman naturgem\u00e4\u00df nur wenig Wert auf Kreativit\u00e4t; ein Umstand, der den Frauen zugutekommt, denn sie besitzen &#8211; siehe oben &#8211; die Attraktivit\u00e4t und sind damit zufrieden. Frauen schreiben also in der Regel so sch\u00f6n wie sie es selber sind, M\u00e4nner, als Besitzer der Kreativit\u00e4t, hingegen &#8222;originell&#8220;, weil sie das selbst sein m\u00f6chten. M\u00e4nnerkrimis regen zum Nachdenken an &#8211; Frauen denken bereits, BEVOR sie zu schreiben anfangen. Ob sie dies nicht besser lassen sollten, ist eine Frage, die an dieser Stelle, wo es nur um einzelne Thesen geht, nicht ventiliert werden kann. Das gesamte Thema konnte nur angerissen werden und wartet auf seinen endg\u00fcltigen Bearbeiter &#8211; oder seine endg\u00fcltige Bearbeiterin.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bringt den Deutschkrimi nach vorn?Juli Zeh und Thea Dorn.Wer bringt ihn wieder runter, ey?Thea Dorn und Juli Zeh.(aus: Friedrich Glauser, Tageb\u00fccher 1934-1956) Anl\u00e4sslich des Eintreffens des neuen Buches von Thea Dorn (&#8222;Der M\u00e4dchenm\u00f6rder. Ein Liebesroman&#8220;) und bei genauer Betrachtung des aparten Autorinnenfotos \u00fcberkam mich wieder dieses Schuldgef\u00fchl. 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