{"id":20938,"date":"2008-02-25T05:18:20","date_gmt":"2008-02-25T05:18:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/jean-christophe-grange-das-herz-der-hoelle\/"},"modified":"2022-06-14T19:36:35","modified_gmt":"2022-06-14T17:36:35","slug":"jean-christophe-grange-das-herz-der-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/02\/jean-christophe-grange-das-herz-der-hoelle\/","title":{"rendered":"Jean-Christophe Grang\u00e9: Das Herz der H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dass wir DAS noch erleben d\u00fcrfen! Senior-Azubi Jochen ist nach der Lekt\u00fcre eines Krimis hellauf begeistert! Ob das mit Julchen, seiner neuen Flamme zusammenh\u00e4ngt? Oder weil er seit neuestem einen spitzegeilen Motorroller sein eigen nennt? Wir wissen es nicht. Es ist uns auch egal. Wir sind einfach nur begeistert, weil Jochen begeistert ist. Und hier erkl\u00e4rt er, warum und von wem und \u00fcberhaupt&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als der Polizist Mathieu Durey an das Krankenbett seines Freundes und Kollegen Luc Soubeyras tritt, haben beide eine intensiv gelebte gemeinschaftliche Vergangenheit hinter sich. Erst zusammen, sp\u00e4ter getrennt \u00e4hnelt sich ihr Lebensweg bis auf Nuancen. Vom katholischen Internat ins Priesterseminar, \u00fcber die Arbeit in Kriegs- bzw. Krisengebieten (Luc treibt es in den Sudan und ins kroatische Vukovar, Mathieu begibt sich im Auftrag einer Hilfsorganisation nach Ruanda), finden sich schlie\u00dflich beide Seite an Seite im Polizeidienst wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Antriebsfeder ihrer Freundschaft und ihres Tuns ist die Diskussion um das Prinzip des B\u00f6sen, bzw. eine reale Manifestation des B\u00f6sen existiert und seine Spuren in der Welt hinterl\u00e4sst. W\u00e4hrend Luc voran prescht, hinkt der nachdenklichere Mathieu immer einen Schritt hinterher. Und so findet er sich aufrecht neben seinem Freund wieder, der nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Mathieu beginnt zu ermitteln, will herausfinden was Luc seine \u00dcberzeugungen vergessen lie\u00df und ihn kopf\u00fcber in einen eiskalten See trieb. Er st\u00f6\u00dft dabei auf eine Reihe von brutalen Morden, augenscheinlich begangen von Menschen, die eine Nahtoderfahrung hinter sich hatten. Ein Sterben, dass nicht im glei\u00dfenden Licht endete, bevor es neu begann, sondern im r\u00f6tlichen Funkeln der H\u00f6lle. Auf einer Reise quer durch Europa begegnet Mathieu hilfsbereiten Menschen, Killern, Verblendeten und Verb\u00fcndeten, Vertretern einer Kirche, die sich im Zentrum eines immer w\u00e4hrenden Kampfes Gott vs. Satan w\u00e4hnt, sowie seiner ersten gro\u00dfen Liebe. Am Ende findet er sich im Herzen der H\u00f6lle wieder und muss feststellen, dass das B\u00f6se eine ganz profane Angelegenheit ist, und der Krieg zwischen Himmel und H\u00f6lle sich auf ein irdisches Duell zu reduzieren vermag. Geistlicher Beistand wird nat\u00fcrlich trotzdem gerne genommen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Sorge, Grang\u00e9s Roman ist von esoterischem Geschwurbel ziemlich weit entfernt, gelegentliche Klippen umf\u00e4hrt er elegant und sehr eloquent. Trotzdem ist es hilfreich, sich auf die Sicht des asketischen und \u00fcberzeugten Katholiken Mathieu Durey einzulassen, um die Bedeutung der letzten Fragen, die ihn und Luc umtreiben, zu ermessen. Immerhin befinden sich auf der Suche nach Satan himself etliche Personen am Wegesrand, die sich den Nachweis seiner Existenz sehnlichst w\u00fcnschen. Sei es, um ihm ergeben zu dienen, oder ihn erbittert zu bek\u00e4mpfen. So sind zwei Seiten vorhanden, doch die dazugeh\u00f6rige Medaille ist noch nicht gepr\u00e4gt, und ob sie es jemals wird, ist fraglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Grang\u00e9 ist ein viel zu kluger Autor, um sich auf eine simple D\u00e4monenhatz einzulassen, die in Gotteswahn und Exorzismus endet. Zwar streift \u201eDas Herz des H\u00f6lle\u201c gelegentlich Bereiche des Phantastischen; so erinnert das blutige Zusammentreffen Dureys mit den Anh\u00e4ngern einer Satanssekte im nebelverhangenen Prag an die Gem\u00e4lde Hieronymus Boschs, und in der Zentrale der katholischen Anti-Teufelsbrigade w\u00fcrde sich auch James Bond heimisch f\u00fchlen. Doch am Ende, \u00fcber und vor allem steht der finstere Kriminalroman, der zumindest ein Bein jederzeit auf dem Boden beh\u00e4lt. Dabei \u00fcbt sich Grang\u00e9 allerdings keineswegs in Zur\u00fcckhaltung; Bescheidenheit ist nicht sein Metier. Bei ihm geht es immer in die Vollen. Da er die sprachlichen Mittel dazu besitzt, es ihm gelingt, selbst unglaublichste Zuf\u00e4lle (meist) plausibel zu vermitteln, macht sein Buch einen H\u00f6llenspa\u00df. \u201eDas Herz der H\u00f6lle\u201c atmet den Geist jener Sucht erzeugenden Abenteuerromane, die wie die buchgewordene Aufforderung daherkommen, bewaffnet mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke noch ein bisschen weiter zu lesen. Und noch ein bisschen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Solche B\u00fccher gibt es nicht mehr viele. Schon gar nicht, wenn sie ihre Geschichte \u00fcber rund 800 Seiten ausbreiten. Grang\u00e8 schafft das erstaunlich gut und souver\u00e4n, zudem gl\u00fccken ihm Szenen von beklemmender Intensit\u00e4t. Die Passagen \u00fcber Mathieus Einsatz in Ruanda (und die Erkl\u00e4rung, warum er das Klappern von Besteck nicht ertragen kann) sind in ihrer zwingenden und bitteren Folgerichtigkeit brillant geraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eins noch: wer sich mit der Pr\u00e4misse des Buches nicht anfreunden kann, keinerlei Sympathie f\u00fcr den Teufel versp\u00fcrt, \u00dcbertreibungen und ein wenig Deus Ex Machina (legitim bei diesem Thema) f\u00fcr kaum l\u00e4ssliche S\u00fcnden h\u00e4lt, wird an dem \u201eHerz der H\u00f6lle\u201c wenig Freude finden. Ihm wird aber auch ein au\u00dferordentlicher spannender und bis zur letzten Seite hervorragend durchkomponierter Thriller \u2013 etwas, das bei Grang\u00e9 ja keineswegs selbstverst\u00e4ndlich ist. Eher im Gegenteil \u2013 entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen K\u00f6nig, tats\u00e4chlich begeistert<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jean-Christophe Grang\u00e9: Das Herz der H\u00f6lle. <br \/>Ehrenwirth 2007 <br \/>(Original: \u201eLe Serment des Limbes\u201d. \u00c9ditions Albin Michel 2007, deutsch von Thorsten Schmidt). <br \/>778 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass wir DAS noch erleben d\u00fcrfen! Senior-Azubi Jochen ist nach der Lekt\u00fcre eines Krimis hellauf begeistert! Ob das mit Julchen, seiner neuen Flamme zusammenh\u00e4ngt? Oder weil er seit neuestem einen spitzegeilen Motorroller sein eigen nennt? Wir wissen es nicht. Es ist uns auch egal. Wir sind einfach nur begeistert, weil Jochen begeistert ist. 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