{"id":20948,"date":"2008-03-13T07:36:13","date_gmt":"2008-03-13T07:36:13","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/paul-lascaux-salztraenen\/"},"modified":"2022-06-05T23:37:05","modified_gmt":"2022-06-05T21:37:05","slug":"paul-lascaux-salztraenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/paul-lascaux-salztraenen\/","title":{"rendered":"Paul Lascaux: Salztr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn der Einw\u00e4ger im Heimetli abhockt und mit den Bauern und K\u00e4sern sein B\u00e4tziwasser trinkt, seine Brissago raucht, w\u00e4hrend drau\u00dfen das Chueli gar bitter muht, dann wissen wir, wohin es uns verschlagen hat: ins Glauserland. &#8222;Salztr\u00e4nen&#8220; von Paul Lascaux ist also ein Schweizerkrimi, einer, \u00fcber den man \u2013 der Autor hat&#8217;s mit dem Titel nicht anders gewollt \u2013 leider nur salzige Tr\u00e4nen heulen kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Heinrich M\u00fcller, Privatdetektiv, soll im Auftrag der Versicherung den mysteri\u00f6sen Unfalltod des Einw\u00e4gers Hans B\u00e4hler untersuchen. Einw\u00e4ger \u2013 man wei\u00df das \u2013 sind K\u00e4seaufk\u00e4ufer und, da sie f\u00fcr gro\u00dfe Firmen arbeiten und st\u00e4ndig die Preise dr\u00fccken, bei den Produzenten around the Emmental nicht beliebt. Der B\u00e4hler Hans war dazu ein Weiberheld vor dem Herrn, was gen\u00fcgend Mordmotive ergibt, aber der M\u00fcller Heinrich soll ja schauen, ob es Selbstmord gewesen sein k\u00f6nnte, dann br\u00e4uchte die Versicherung nicht zu zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, der Privatdetektiv. Komischer Kerl, nat\u00fcrlich, und komische Hobbies hat er obendrein, das Erstellen von Listen zum Beispiel \u2013 Nick Hornby l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen -, aber das vergessen wir gleich wieder, f\u00fcr die Story n\u00e4mlich ist es ohne Belang. M\u00fcller begibt sich sofort zum Tatort, einem abgelegenen Tal, und von nun an geht alles ratzfatz. In der Wirtschaft trifft er die Bedienung Lucy, eigentlich Ethnologiestudentin, und sofort macht er sie zu seiner Assistentin. Zusammen befragen sie dann die Einheimischen, denen das Wasser \u00f6konomisch bis zum Hals steht, und die Einheimischen geben ohne gr\u00f6\u00dfere Widerst\u00e4nde ersch\u00f6pfend Auskunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie! Sobald sie die M\u00fcnder aufmachen, die Bauern, die K\u00e4ser, stelzebeint die Sprache aus ihnen heraus: <em>&#8222;Kann der Geschmack wirklich demokratisiert werden, oder ist dies alles nur ein Missverst\u00e4ndnis? Geht es weniger um den Geschmack an sich als um die Abwechslung, als deren Ursache eher Langeweile auszumachen ist denn Geschmacks- und Unterscheidungsverm\u00f6gen? Oder limitieren wir die Produktion f\u00fcr auserlesene Minderheiten, die bereit sind, einen h\u00f6heren Preis zu bezahlen?&#8220;<\/em><br \/>So also spricht der K\u00e4ser, und der Leser wei\u00df genau: So spricht der K\u00e4ser eben nicht, so spricht man in der Metaliteratur, dort, wo unter und \u00fcber jeder Geschichte eine andere steckt, von Jeremias Gotthelf etwa, der ausgiebig und kursiv gekennzeichnet zitiert wird. Das macht den Text potentiell interessant f\u00fcr die auf dem K\u00e4sesektor schon benannten <em>&#8222;auserlesenen Minderheiten, die bereit sind, einen h\u00f6heren Preis zu bezahlen&#8220;<\/em>, n\u00e4mlich den, hinter jedem Satz sogleich einen anderen zu vermuten und daher hinter allem eine andere, h\u00f6here Absicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist soweit in Ordnung. Warum nicht? In den &#8222;Salztr\u00e4nen&#8220; geht es halt um (Kriminal)-Literatur, da wird nicht nur Gotthelf zitiert, da wird auch auf the man himself hingewiesen, den Glauser, und in der komischsten Szene (der einzigen komischen, nebenbei) sehen wir Lucy \u00fcber einem Buch sitzen, das &#8222;Mord im Alpengl\u00fchen&#8220; hei\u00dft, die Geschichte der Schweizer Kriminalliteratur abhandelt und von Paul Ott herausgegeben wurde, der nun kein anderer ist als die b\u00fcrgerliche Seite von Paul Lascaux \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, h\u00fcbsch. Doch wozu das alles? Irgendeinen Sinn muss es doch haben und dann, wenn ich den gefunden habe, muss ich bereit sein, den Text ihm gem\u00e4\u00df zu lesen. Nur: Ich finde keinen Sinn. Ich lese einen Krimi, dessen Plot mit jeder Seite verworrener wird, da geschehen neue Morde oder alte Todesf\u00e4lle werden flugs zu Morden erkl\u00e4rt und alles h\u00e4ngt wie billig zusammen, man muss die Milch nur lange genug r\u00fchren, damit sie Quark wird, und einen Showdown gibt es, bei dem auch kein Glauser mehr beispringt und die Metaliteratur der klugschei\u00dfenden Landbev\u00f6lkerung \u00fcberhaupt l\u00e4ngst in die Knie gegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht wird mir einer jetzt klipp und klar nachweisen, wie ich Ignorant die Zusammenh\u00e4nge nicht gesehen habe, wie ich die wahre Sinn- und Handlungsebene gar nicht erkenne, sondern nur einen Plot, der in der n\u00e4chsten Auflage von &#8222;Mord im Alpengl\u00fchen&#8220; zu den zehn Grausligkeiten der schweizer Krimigeschichte gez\u00e4hlt werden m\u00fcsste. Bitte sch\u00f6n. Noch einmal treibt mich der M\u00fcller Heinrich nicht zum literarischen K\u00e4sen in die Berge.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Paul Lascaux: Salztr\u00e4nen. <br \/>Gmeiner 2008. 227 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Einw\u00e4ger im Heimetli abhockt und mit den Bauern und K\u00e4sern sein B\u00e4tziwasser trinkt, seine Brissago raucht, w\u00e4hrend drau\u00dfen das Chueli gar bitter muht, dann wissen wir, wohin es uns verschlagen hat: ins Glauserland. &#8222;Salztr\u00e4nen&#8220; von Paul Lascaux ist also ein Schweizerkrimi, einer, \u00fcber den man \u2013 der Autor hat&#8217;s mit dem Titel nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20948"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20948\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}