{"id":20955,"date":"2008-03-06T06:51:09","date_gmt":"2008-03-06T06:51:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/matt-beynon-rees-der-verraeter-von-bethlehem\/"},"modified":"2022-06-10T00:04:59","modified_gmt":"2022-06-09T22:04:59","slug":"matt-beynon-rees-der-verraeter-von-bethlehem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/matt-beynon-rees-der-verraeter-von-bethlehem\/","title":{"rendered":"Matt Beynon Rees: Der Verr\u00e4ter von Bethlehem"},"content":{"rendered":"\n<p>Einverstanden. \u201eDer Verr\u00e4ter von Bethlehem\u201c ist nicht \u201eDer Verr\u00e4ter von Bentheim\u201c. Kein Mensch wird dieses Buch uneingedenk aller Heillosigkeiten des \u201eNahostkonflikts\u201c lesen, die Tagesschau-Clips und schlauen Analysen im Ged\u00e4chtnis und die Einsicht im Hinterkopf, dass hier nicht Gut und B\u00f6se sich streiten, sondern eine Jahrhunderttrag\u00f6die stattfindet, hoffnungslos, aussichtslos, endlos. F\u00fcr Matt Beynon Rees\u2019 Krimierstling ist dies Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil wir neben dem Krimi immer auch das Politische mitlesen m\u00f6chten, Segen, weil allein diese Konstellation das Buch schon \u201einteressant\u201c macht. Nur: Als Nahaufnahme aus dem Krisengebiet ist es schlichtweg ungeeignet. Und als Krimi nur langweilig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Omar Jussuf ist Lehrer an einer von der UN getragenen Schule in Bethlehem. Bei seinem Vorgesetzten unbeliebt, als Teil eines gro\u00dfen Clans einigerma\u00dfen vor der Rache der \u201eM\u00e4rtyrer-Brigaden\u201c gesch\u00fctzt, sagt Omar Jussuf, was er denkt, und das gef\u00e4llt nicht vielen. Schon das macht ihn dem Leser unsympathisch, denn Rees schreibt auch, was Jussuf denkt, und das ist all das Zeug, bei dem die K\u00f6pfe der guten Menschen nicken. Omar Jussuf leidet, er hasst die Gewalt, er predigt die Toleranz \u2013 kurz: Er ist keine Person, er ist ein moralischer Vorzeigecharakter, den Rees 327 Seiten lang durch seinen Roman wandeln l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist Jussuf, genau besehen, ein bornierter Idiot. Von seinen Sch\u00fclern liebt er nur die, die seine Ansichten teilen und es \u201ezu etwas gebracht\u201c haben. Die anderen, die verf\u00fchrten, die belogenen, die herumirrenden, interessieren ihn einen Dreck. Dabei w\u00e4ren sie doch allemal die interessanteren, ihre Geschichten erz\u00e4hlenswert. Jussuf hat f\u00fcr sie nur Hohn und Spott und Zynismus \u00fcbrig, was nicht schlimm w\u00e4re, ganz im Gegenteil, aber Rees, der Autor, tut es ihm gleich. Auch er kennt nur die Guten, die Mustersch\u00fcler, und die B\u00f6sen, besagte M\u00e4rtyrerbrigaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als einer von Jussufs Lieblingen f\u00e4lschlicherweise (daran besteht leider nie ein Zweifel) des Verrats angeklagt und festgenommen wird, macht sich der Lehrer auf, den wahren Verr\u00e4ter ausfindig zu machen. Ein Mitglied der M\u00e4rtyrerbrigaden ist aus dem Hinterhalt erschossen worden, wahrscheinlich von israelischen Vollstreckern, aber woher kannten sie den Aufenthaltsort ihres Opfers?<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt auch die Frau des Ermordeten \u2013 nat\u00fcrlich auch sie eine von Jussufs Lieblingen \u2013 zu Tode und unser Detektiv streift nun s\u00e4mtliche Hemmungen ab, um endlich den Schuldigen zu entlarven.<\/p>\n\n\n\n<p>Der steht von Anfang an fest. Wie \u00fcberhaupt von Anfang an alles feststeht. Hier die Guten, dort die B\u00f6sen, deren angeblicher Patriotismus in Wirklichkeit nur das Deckm\u00e4ntelchen f\u00fcr profane Kriminalit\u00e4t ist. Nat\u00fcrlich gibt es auch die Nuancen zwischen Schwarz und Wei\u00df, Menschen, die weder gut noch b\u00f6se sind, sondern einfach \u201eOpfer der Verh\u00e4ltnisse\u201c. Der \u00fcberm\u00e4chtigen Dichotomie haben sie allerdings nichts entgegen zu setzen, sie bleiben Nebenfiguren, m\u00fcssen dazu herhalten, die ordentlich zweigeteilte Welt zu legitimieren.<\/p>\n\n\n\n<p>So l\u00e4uft alles ab, wie es ablaufen muss. Keine \u00dcberraschungen, nichts weiter als ein reichlich naiver und s\u00e4mtliche Klischees strapazierender Whodunit. Und \u201edas Politische\u201c? Rees, Journalist und B\u00fcroleiter von Time in Jerusalem, mag um die Komplexheit der Situation wissen, ganz bestimmt tut er das. Aber er ist unf\u00e4hig, daraus Literatur zu machen. Er polarisiert, was den Krimi zugrunde richtet und die Beschreibung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gleich mit. Man sehnt sich nach Yasmina Khadra und seinen Kriminalromanen aus den algerischen Inferno, die die unfassbaren Dinge dank sprachlicher und dramaturgischer Brillanz als Literatur zu fixieren verm\u00f6gen. Nichts davon bei Rees. So gesehen k\u00f6nnte sein Roman auch \u201eDer Verr\u00e4ter von Bentheim\u201c hei\u00dfen und sich in die Dutzendware des Genres einreihen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Matt Beynon Rees: Der Verr\u00e4ter von Bethlehem.<br \/>C.H. Beck 2008. 327 Seiten. 17,90 \u20ac<br \/>(The Collaborator of Bethlehem, 2006, deutsch von Sigrid Langhaeuser)<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einverstanden. \u201eDer Verr\u00e4ter von Bethlehem\u201c ist nicht \u201eDer Verr\u00e4ter von Bentheim\u201c. 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