{"id":20967,"date":"2008-03-17T06:41:40","date_gmt":"2008-03-17T06:41:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/frank-goehre-mo-der-lebensroman-des-friedrich-glauser\/"},"modified":"2022-06-17T21:47:47","modified_gmt":"2022-06-17T19:47:47","slug":"frank-goehre-mo-der-lebensroman-des-friedrich-glauser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/frank-goehre-mo-der-lebensroman-des-friedrich-glauser\/","title":{"rendered":"Frank G\u00f6hre: Mo &#8211; Der Lebensroman des Friedrich Glauser"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer schreibt, hat zwei Leben. Das eine besteht aus Daten &amp; Fakten, das andere extrahiert sich im Werk und aus diesem heraus. Zwischen den beiden gibt es Verbindungen, doch ist diese Form kommuzierender R\u00f6hren weitaus diffiziler als in der Physik. Manchmal existiert ein drittes Leben, eine Br\u00fccke zwischen der N\u00fcchternheit biografischer Tatsachen und dem poetisch Chiffrierten. Einen solchen Gl\u00fccksfall hat Frank G\u00f6hre f\u00fcr Friedrich Glauser erschrieben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Frank G\u00f6hre geh\u00f6rt zu den wenigen Krimischaffenden hierzulande, die sich der Wurzel und des Stammes jenes Baumes, auf dem sie sitzen, bewusst sind. Ihm ist Glauser Zeitgenosse, einer, mit dem man nicht nur und zuf\u00e4lligerweise die Initialen gemeinsam hat, sondern auch die Attit\u00fcde des sch\u00f6pferischen Geistes. Diese Vorgehensweise ist nicht unproblematisch; sie kann sogar peinlich werden, wenn sich ein minderer Autor seines begabteren \u201eGegenstands\u201c bem\u00e4chtigt, sich \u201ein ihn hinein versetzt\u201c und doch nur im eigenen Saft schmort. Aber peinlich wird es in \u201eMo\u201c (die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Morphium, nach dem Glauser die l\u00e4ngste Zeit seines Lebens s\u00fcchtig war) nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Anfang an vermeidet G\u00f6hre den Kardinalfehler der Interpretation. Weder erkl\u00e4rt er uns das Leben aus dem Werk noch das Werk aus dem Leben, ja, er enth\u00e4lt sich jeglicher Versuche, die Katastrophen und Mal\u00e4sen der Glauserschen Vita zu er- und begr\u00fcnden. Dass Glauser die \u00fcberm\u00e4chtige und bedr\u00fcckende Figur des Vaters f\u00fcr den Ursprung seines lebenslangen Leidens an sich selbst und der Welt identifizierte, erfahren wir zwar. Ob das aber nun \u201estimmt\u201c? Dazu enth\u00e4lt sich G\u00f6hre wohlweislich. Stattdessen entwirft er mit wenigen Strichen ein ambivalentes Bild dieses Vaters, eines Handelschulprofessors, neben nicht weniger hingetuschten Charakteristika des Vormunds, des Psychiaters, der Freunde und Frauen, die Glauser eine Zeitlang begleiteten. Das alles in einer lockeren Episodenhandlung mit den entscheidenden Stationen der Glauserschen Odyssee durch Besserungsanstalten, Gef\u00e4ngnisse und Klapsm\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verwoben ist diese poetische Konstruktion mit kursiv abgesetzten Zitaten, nicht alle wohl O-Ton Glauser, aber sie passen in G\u00f6hres pr\u00e4zise Nach-Erz\u00e4hlung, bei der kein Wort zu viel, keins zu wenig ist. Voil\u00e0, das ist das dritte Leben des Friedrich Glauser.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht dass wir ihn hernach \u201ebesser verst\u00fcnden\u201c. Wir sind ihm nach den 230 Seiten sehr nahe gekommen, so nahe, dass wir jenes Gro\u00dfe-Ganze des wohlfeilen Urteils aus dem Auge verlieren, das abgeschlossene Verdikt vom \u201etragischen Leben\u201c, das l\u00e4ngst zum Markenzeichen einer starren Glauserkultur verkommen ist, zum Extrathrill, wenn wir dem Wachtmeister Studer die Kulissen der Glauserschen Existenz folgen. Armes Schwein, der Autor.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es ist eben viel komplizierter. Und Frank G\u00f6hre zeigt uns das mit verbl\u00fcffend leichter Hand, hinter der nicht nur perfekte Beherrschung des Schreibhandwerks steckt, sondern auch die Annahme von der \u201eZeitgenossenschaft\u201c, die fast zu einer Seelenverwandtschaft jenseits der historischen Tatsachen wird. Das bringt uns, wie gesagt, dem Glauser nicht n\u00e4her, seinem Werk aber sehr wohl, weil es all das Schablonisierte relativiert, unter dem sich dieses Werk in eine gef\u00e4llige Deutungsrichtung verformt hat. Also neu lesen, diesen Glauser, es k\u00f6nnte zu \u00dcberraschungen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMo \u2013 Der Lebensroman des Friedrich Glauser\u201c ist ein literarischer Solit\u00e4r. Man w\u00fcnscht sich mehr solcher Arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Frank G\u00f6hre: Mo \u2013 Der Lebensroman des Friedrich Glauser. <br \/>Pendragon 2008. 231 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer schreibt, hat zwei Leben. 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