{"id":20973,"date":"2008-03-20T06:46:52","date_gmt":"2008-03-20T06:46:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/renate-kampmann-fremder-schmerz\/"},"modified":"2022-06-07T18:55:19","modified_gmt":"2022-06-07T16:55:19","slug":"renate-kampmann-fremder-schmerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/renate-kampmann-fremder-schmerz\/","title":{"rendered":"Renate Kampmann: Fremder Schmerz"},"content":{"rendered":"\n<p>Nein, der erste Eindruck t\u00e4uscht. Zwar liegt es nahe, Renate Kampmanns Romane um die Rechtsmedizinerin Leonie Simon ins Segment der Pathologenkrimis abzuschieben, dort aber f\u00e4nden sie nur bedingt ihren angemessenen Platz. Wohl wird auch bei Kampmann unerm\u00fcdlich seziert und mit dem entsprechenden Fachchinesisch wahlweise LeserInnen-Bildung respektive \u2013Erm\u00fcdung betrieben, doch die Absichten der Autorin sind profan. Ein Bild der deutschen Gegenwart will sie uns vermitteln. Was, wenigstens zum Teil, sogar gelingt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dr. Leonie Simon hat Hamburg verlassen und eine Stelle als Rechtsmedizinerin in Berlin angetreten. Auch dort ger\u00e4t sie nat\u00fcrlich Hals \u00fcber Kopf in diverse Mordf\u00e4lle. Die ersten betreffen einen Kollegen samt Frau; beide werden ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Ersch\u00fctternd f\u00fcr Dr. Simon, war sie doch mit beiden nach dem Tsunami in Thailand, um dort die Opfer zu identifizieren. Gibt es einen Zusammenhang? Korruption, Veruntreuung von Spendengeldern? W\u00e4hrend die Heldin noch gr\u00fcbelt, ereignen sich weitere Morde, Morde der besonderen Art. Irgend jemand foltert Menschen und bringt sie dann um. Nein, \u201efoltern\u201c ist das falsche Wort. Er scheint Schmerzstudien anzustellen, die Gefangenen sind Versuchskaninchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser wird \u00fcber die Person dieses \u201eSadisten\u201c nicht im Unklaren gelassen. Eine gute Entscheidung, denn jetzt entwickelt Renate Kampmann einen wirklich interessanten Plot, der \u2013 verk\u00fcrzt ausgedr\u00fcckt \u2013 die Sadisten der Nazizeit von unserem Schmerzforscher abgrenzt, und vielleicht doch nicht abgrenzt. Verbl\u00fcffend und anregend ist dieser Strang der Geschichte allemal.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es noch mehr Str\u00e4nge. Einige d\u00fcmpeln, wie kaum anders zu erwarten, eher im Privaten, andere greifen auf fr\u00fchere Abenteuer der Frau Dr. Simon zur\u00fcck. Die fast 500 Seiten des Buches m\u00fcssen sich ja aus diversen Quellen speisen. Nicht dass so etwas per se falsch oder f\u00fcr die Dramaturgie des Buches sch\u00e4dlich w\u00e4re. Aber einiges ist dann doch zu viel und zeigt deutlich die Schw\u00e4chen sogenannter \u201eReihen\u201c auf. Dazu geh\u00f6ren die Lebensl\u00e4ufe der agierenden Personen. In fast allen gibt es Mordf\u00e4lle \u2013 die Frau, der Bruder, Kinder -, die sich wie die beliebten \u201eD\u00e4monen\u201c nicht verdr\u00e4ngen lassen. Das ist ein bisschen arg \u00fcbertrieben, aber eben in einer \u201eReihe\u201c kaum zu vermeiden. Auch der Bruder Leonies, den wir im Vorg\u00e4ngerwerk kennenlernten und eigentlich unter den Toten w\u00e4hnten, hat noch einmal seinen Auftritt. Der Mann \u00fcbt den krisensicheren Job des \u201eProfikillers\u201c aus und wird, das ahnt man sofort, zum deus ex machina, als es endlich zum Showdown kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast 500 Seiten. Verantwortlich f\u00fcr dieses Volumen ist auch Kampmanns Bestreben, m\u00f6glichst alle relevanten Themen der bundesdeutschen Gegenwart wenigstens erw\u00e4hnt zu haben. Neben der bereits angedeuteten Korruptionsgeschichte geht es u.a. um den Skandal innerhalb der s\u00e4chsischen Justiz und Politik, um Rechtsradikalismus, Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, das Rechtssystem und seinen Umgang mit Strafgefangenen&#8230; Das ist eine Menge und Renate Kampmann hat durchaus ein H\u00e4ndchen daf\u00fcr, diese Themen in ihren Krimiplot zu integrieren. Allerdings manchmal auf Kosten ihrer Erz\u00e4hlsprache, die bei dieser Gelegenheit zur Infosprache wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch: Vor allem die Hauptgeschichte ist interessant und auch souver\u00e4n entwickelt. Bleiben die Altlasten, dieser durchgehende Bezug zu den Vorwerken, und die gewiss gute Absicht, ein m\u00f6glichst umfassendes Bild unserer Republik abzuliefern. Da h\u00e4tte man sich ein wenig kritische Auswahl durchaus gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt am Ende die Hoffnung, dass Renate Kampmann das Projekt Leonie Simon f\u00fcr ihr n\u00e4chstes Buch ruhen l\u00e4sst. Die Hoffnung ist, nachdem man den Schluss gelesen hat, durchaus begr\u00fcndet. Ein neues, entschlacktes Konzept, meinetwegen ein 300-Seiter, das w\u00e4re ein idealer Neuanfang f\u00fcr eine alles in allem talentierte Autorin.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Renate Kampmann: Fremder Schmerz. <br \/>List 2008. 494 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, der erste Eindruck t\u00e4uscht. Zwar liegt es nahe, Renate Kampmanns Romane um die Rechtsmedizinerin Leonie Simon ins Segment der Pathologenkrimis abzuschieben, dort aber f\u00e4nden sie nur bedingt ihren angemessenen Platz. Wohl wird auch bei Kampmann unerm\u00fcdlich seziert und mit dem entsprechenden Fachchinesisch wahlweise LeserInnen-Bildung respektive \u2013Erm\u00fcdung betrieben, doch die Absichten der Autorin sind profan. 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