{"id":20982,"date":"2008-03-28T06:50:51","date_gmt":"2008-03-28T06:50:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/das-geheimnis-der-malaiischen-nacktschnecke\/"},"modified":"2022-06-05T22:25:02","modified_gmt":"2022-06-05T20:25:02","slug":"das-geheimnis-der-malaiischen-nacktschnecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/das-geheimnis-der-malaiischen-nacktschnecke\/","title":{"rendered":"Das Geheimnis der malaiischen Nacktschnecke"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/ratekrimi.jpg\" alt=\"ratekrimi.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Tote lag auf dem Wohnzimmerteppich. Er war handgekn\u00fcpft beziehungsweise mausetot, war am Vortag mit einer Schauml\u00f6sung gereinigt worden beziehungsweise hatte Schaum vor dem Mund. Der Tote \u2013 der Teppich, der Teppich \u2013 der Tote: Madeleine Lustig konnte sich nicht entscheiden, was sie im Moment mehr faszinierte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Neben dem Toten kniete Doktor Schleunig, der Pathologe, und sch\u00fcttelte bedenklich das wei\u00dfhaarige Haupt. Als er die Anwesenheit der Kommissarin bemerkte, richtete er sich auf, das Haupt sch\u00fcttelte sich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTot\u201c, sagte er, \u201emausetot\u201c. Die Lustig nickte. \u201eWei\u00df man schon, um wen es sich bei dem Toten handelt und wie er in diese Situation geraten konnte?\u201c Schleunigs Haupt erstarrte in der Bewegung. \u201eNun \u2013 ersteres ist leicht zu beantworten. Bei dem Toten handelt es sich um den Fabrikanten Willebord Nebbich, stellt Sandeimer f\u00fcr Strandurlauber her. Die nunmehrige Witwe sitzt nebenan, ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gespritzt. Kaum schwieriger ist die Frage nach den Umst\u00e4nden des Zutodekommens zu beantworten. Sehen Sie mal hier&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schleunig kniete sich wieder neben der Leiche nieder und entnahm deren Mundh\u00f6hle mit Hilfe eines Wattest\u00e4bchens ein wenig von dem Schaum. Er richtete sich auf, trug das St\u00e4bchen wie eine Fackel vor sich her und hielt es der Kommissarin ganz nah an die Nase.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRiechen Sie. Riechen Sie was?\u201c Madeleine Lustig roch. Aber sie roch nichts. \u201eIch rieche nichts.\u201c, antwortete sie. \u201eDas ist typisch\u201c, best\u00e4tigte Schleunig. \u201eH\u00e4tte ich nicht vor f\u00fcnfzig Jahren, als ich noch mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst in S\u00fcdostasien war, einen \u00e4hnlichen Fall gehabt, ich w\u00fcrde weiterhin im Dunkeln tappen. Also passen Sie auf: Bei diesem Schaum handelt es sich um den Schleim der malaiischen Nacktschnecke. Injiziert man 20 Milligramm dieses Schleims einem Menschen subkutan, also unter die Haut, wie der Laie sagt, dann entwickelt dieser verflixte Schleim die unangenehme Eigenart, in den Magen des Wirtsmenschen zu wandern, sich dort ungehemmt zu vermehren, durch die Speiser\u00f6hre nach oben zu steigen, dort durch die \u00d6ffnung der Luftr\u00f6hre wieder nach unten. Kurzum: Erstickungstod.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWirklich eklig\u201c, sagte die Kommissarin. Schleunig nickte und betrachtete das Wattest\u00e4bchen mit der Andacht des abgebr\u00fchten Naturwissenschaftlers.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Miranda Nebbich sa\u00df, wie es der Pathologe versprochen hatte, schwer sediert in der K\u00fcche und starrte auf die Tischplatte. Sie war sch\u00f6n. Sie war exotisch, ihre Haut so braun wie die Bodenfliesen. Ihr zur Seite hockte ein gutaussehender Mann, circa 30, der seinen Arm besch\u00fctzend um die Schultern der Witwe gelegt hatte. Die Witwe war jung. Sehr jung. Viel j\u00fcnger als ihr verblichener Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLustig\u201c, sagte die Lustig und verfluchte, wie schon so oft, im gleichen Augenblick ihren Familiennamen. Der Mann nahm den Arm von Miranda Nebbichs Schultern und stand auf. \u201eHartwig. Bruno Hartwig. Ich bin der Vizepr\u00e4sident von Nebbich Sandeimer Enterprises. Und ein Freund des Hauses. Miranda \u2013 Frau Nebbich hat mich angerufen. Wir sind so&#8230; fassungslos. Haben Sie schon eine Erkl\u00e4rung? Eine Spur?\u201c Er sank zur\u00fcck auf seinen Stuhl und legte den Arm wieder um die zitternden Schultern Mirandas, die weiterhin wie in Trance auf die Tischplatte starrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein\u201c, antwortete die Kommissarin wahrheitsgem\u00e4\u00df. \u201eFrau Nebbich? Sind Sie ansprechbar?\u201c \u2013 Die Angesprochene nickte unmerklich und hob dann ihren Kopf, dessen Augen durch die Kommissarin hindurch sahen. \u201eJa\u201c, hauchte sie schlie\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie haben den Toten gefunden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder nickte Miranda Nebbich, diesmal merklicher, und sagte mit kaum h\u00f6rbarer Stimme: \u201eEr lag &#8230;. der Schaum vor seinem Mund &#8230;. schrecklich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eQu\u00e4len Sie sie nicht!\u201c fuhr Hartwig pl\u00f6tzlich br\u00fcsk auf. \u201eSehen Sie nicht, dass sie unter Schock steht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch mache nur meine Arbeit\u201c, antwortete die Lustig, der Hartwig sehr unsympathisch war. \u201eK\u00f6nnen Sie mir vielleicht ein Motiv f\u00fcr die Tat nennen? Hatte der Tote Feinde? Und \u2013 woher stammen Sie eigentlich, Frau Nebbich? Nicht zuf\u00e4llig aus Malaysia?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angesprochene blickte wieder durch die Kommissarin hindurch. Dann l\u00e4chelte sie. Unmerklich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, wie kommen Sie darauf? Ich stamme aus Indonesien. Vor zehn Jahren kam ich nach Deutschland. Als T\u00e4nzerin. Und weil Sie es sowieso erfahren werden: als Nacktt\u00e4nzerin. Man nannte mich auch \u201adie indonesische Schnecke\u2019. Eines Abends kam Willibrord in die Bar, in der ich damals arbeitete und \u2013 nun ja, drei Wochen sp\u00e4ter waren wir verheiratet.\u201c Sie brach ab und begann zu schluchzen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Sie, Herr Hartwig? Wo haben Sie Ihren letzten Urlaub verbracht? In Malaysia etwa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hartwig wurde zornesrot im Gesicht und fuhr auf. \u201eWas haben Sie blo\u00df immer mit Malaysia? Nein, in Singapur! Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren! Finden Sie lieber&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein lauter Wortwechsel aus dem Flur brachte ihn zum Schweigen. Fluchend st\u00fcrzte ein \u00e4lterer, sehr korpulenter Mann in die K\u00fcche, von einem Streifenpolizisten gefolgt, dem es indes nicht gelang, den Mann zu stoppen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMiranda! Hartwig! Ist es wahr? Willibrord tot? Und wer sind SIE, bittesch\u00f6n?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLustig, Mordkommission. Die Fragen stelle ich hier. Wer sind Sie, wie hei\u00dfen Sie, was wollen Sie und wo waren Sie dieses Jahr in Urlaub?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Verbl\u00fcfft schaute der Dicke auf den Geschirrsp\u00fcler hinter der Lustig. Er brauchte einige Sekunden, bis er sich gefangen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso. Ich bin Ferdinand Stark, Buchhalter von Nebbich Sandeimer Enterprises und \u00e4ltester Freund des Inhabers, meines ermordeten Chefs. Ich habe dieses Jahr eine Rundreise durch Mittelamerika gemacht, also Honduras, Venezuela, Costa Rica und so weiter, und wenn Sie einen M\u00f6rder brauchen, dann verhaften Sie doch diese beiden da\u201c \u2013 er wies auf die noch immer am K\u00fcchentisch sitzenden Miranda Nebbich und Bruno Hartwig \u2013 \u201ePfeifen doch die Spatzen von den D\u00e4chern, dass sie ein Verh\u00e4ltnis haben und ihnen der Tod Willibrords sehr gelegen kommt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu \u2013 du \u2013 du\u201c. Hartwig sprang auf, die H\u00e4nde ausgestreckt, die Finger gespreizt, sich dem Halse des Buchhalters ungest\u00fcm n\u00e4hernd. Madeleine Lustig trat dazwischen, Hartwig stoppte abrupt und schrie: \u201eDer da! Dieses Arschloch! Fragen Sie ihn doch mal nach den Differenzen in seiner Buchhaltung! Fragen Sie ihn nach seinem Nummernkonto in Liechtenstein! Der Chef war ihm auf die Schliche gekommen und wollte die Polizei informieren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBl\u00f6dsinn!\u201c schrie Stark zur\u00fcck, \u201eEr wollte sich scheiden lassen, Miranda enterben und diesen hirnlosen Hengst entlassen! Deshalb musste er sterben! Verhaften Sie ihn! Verhaften Sie diese Schlampe gleich mit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Madeleine Stark hob die Arme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRuhe jetzt! Wen ich verhafte, das ist meine Sache. Aber gute Idee. Der T\u00e4ter hat sich n\u00e4mlich l\u00e4ngst verraten! Wachtmeister, legen Sie DIESER Person bitte Handschellen an!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8212; Wen hat Madeleine Lustig verhaftet? Und was verriet den M\u00f6rder respektive die M\u00f6rderin? &#8212; Die Aufl\u00f6sung gibt es morgen! Bis dahin haben Sie die Gelegenheit, Ihre Theorien hier zu entwickeln!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dale Patrick Rutherford<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tote lag auf dem Wohnzimmerteppich. 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