{"id":20988,"date":"2008-03-31T08:01:13","date_gmt":"2008-03-31T08:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/wider-die-logik-notiz-zu-einer-aktuellen-tendenz-in-der-kriminalliteratur\/"},"modified":"2022-06-07T01:14:20","modified_gmt":"2022-06-06T23:14:20","slug":"wider-die-logik-notiz-zu-einer-aktuellen-tendenz-in-der-kriminalliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/03\/wider-die-logik-notiz-zu-einer-aktuellen-tendenz-in-der-kriminalliteratur\/","title":{"rendered":"Wider die Logik. Notiz zu einer aktuellen Tendenz in der Kriminalliteratur"},"content":{"rendered":"\n<p>Kriminalromane sind Zeitreisen. Aus den Epochen der Finsternis, in denen allein die Fackel der Religion den rechten Weg durch den Dickicht des Unerkl\u00e4rbaren zu weisen pflegte, hinein in die \u00c4ra der vollst\u00e4ndigen Erleuchtung, der rationalen Entlarvung jeglichen Ph\u00e4nomens. Die Menschheitsgeschichte ist ein Krimi. Ein guter Krimi? Dagegen regt sich Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nehmen wir die locked-room-Mysteries. In einem von innen verschlossenen Raum ist ein Verbrechen geschehen. Doch kein Wesen aus dem Diesseits kann es begangen haben. Also muss man von einem \u00fcbernat\u00fcrlichen Ereignis ausgehen, von einem Werk wahlweise Gottes oder des Teufels.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so ist es nat\u00fcrlich nicht. Das w\u00e4re finsterstes Mittelalter. Die Aufkl\u00e4rung des Verbrechens gleicht einem Ritt durch die Historie der Welt-Anschauung, Schritt f\u00fcr Schritt n\u00e4hern wir uns dem Zeitalter der Ratio, der Aufkl\u00e4rung, der wissenschaftlichen N\u00fcchternheit, die uns gelehrt hat, ein w\u00e4ndedurchdringendes Wesen existiere nicht. Der Fall gilt dann als gel\u00f6st, wenn sich die Beweiskette ohne logische Verrenkungen um den Hals des Schuldigen gelegt (selbstverst\u00e4ndlich ein Mensch aus Fleisch und Blut), wir also beruhigt im 21. Jahrhundert angekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Poes \u201eDie Morde in der Rue Morgue\u201c dient immer noch als Blaupause f\u00fcr dieses erste und wichtigste Axiom der modernen Kriminalliteratur. Ein Fast-locked-room-mystery, dessen \u00fcbernat\u00fcrliches Anfangspotential der Verstandeskraft des Detektivs nicht standh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es Zufall, dass mir in den letzten Wochen einige Werke der Kriminalliteratur untergekommen sind, die diesen Mechanismus des allm\u00e4hlichen Werdens aus dem scheinbar \u00dcbernat\u00fcrlichen hin zum logisch nachvollziehbaren Realen au\u00dfer Kraft setzen. (Noch) kein Trend, aber man wird die Tendenz im Auge behalten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Linus Reichlins \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-forum.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=6848&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0\">\u201eDie Sehnsucht der Atome\u201c<\/a> l\u00e4sst uns der Autor mit der M\u00f6glichkeit eines \u201eWunders\u201c zur\u00fcck, eines Wunders, das wissenschaftlich verbr\u00e4mt als \u201eUnwahrscheinlichkeit laut Wahrscheinlichkeitstheorie\u201c daherkommt. In Mikael Niemis \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-forum.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=6887&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0&amp;POSTNUKESID=8db7d1f7407552835f004d999411c471\">\u201eDer Mann, der starb wie ein Lachs\u201c<\/a> verwandeln sich Menschen in allegorische Figuren, werden Wirklichkeit und Logik historisch und poetisch-mythologisch transzendiert. Matt Ruffs \u201eBad Monkeys\u201c (Besprechung folgt) bietet uns wohl eine logische Erkl\u00e4rung der irrwitzigen Ereignisse \u2013 nimmt sie aber sofort wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In allen drei F\u00e4llen bem\u00fchen sich Polizisten \/ Psychiater um die genreg\u00e4ngige Aufkl\u00e4rung, geraten jedoch unweigerlich in den Bann des Dialektischen. Reichlin spielt die wissenschaftliche Logik gegen die Wissenschaft selbst aus. Niemi negiert die Deduktion und bevorzugt stattdessen die Induktion, also das Schlie\u00dfen vom Besonderen auf das Allgemeine. Und Ruff d\u00fcpiert die Psycho-Logik mit der Psychologie. Ihnen gemein ist nicht der Schritt zur\u00fcck zur Etablierung \u00fcbernat\u00fcrlicher und damit im heutigen Verst\u00e4ndnis unrealistischer Erkl\u00e4rmodelle. Ganz im Gegenteil. Sie nutzen das in vielem limitierte Genre der Kriminalliteratur, genau diese Begrenzungen von Welt-Anschauung und \u2013Erkl\u00e4rung aufzuheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht neu. Charyn tut es, die Vargas tut es. Schon Hammett und die Seinen taten es auf ihre Weise. Wer \u00fcber Wirklichkeit in der Kriminalliteratur r\u00e4sonniert, sollte vorsichtig sein. Dort, wo sie einem entgegenkommt, findet sie sich nicht immer. Dort, wo sie scheinbar mit F\u00fc\u00dfen getreten wird, erbl\u00fcht sie manchmal zu bizarren Formen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriminalromane sind Zeitreisen. Aus den Epochen der Finsternis, in denen allein die Fackel der Religion den rechten Weg durch den Dickicht des Unerkl\u00e4rbaren zu weisen pflegte, hinein in die \u00c4ra der vollst\u00e4ndigen Erleuchtung, der rationalen Entlarvung jeglichen Ph\u00e4nomens. Die Menschheitsgeschichte ist ein Krimi. Ein guter Krimi? 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