{"id":20998,"date":"2008-04-08T07:23:41","date_gmt":"2008-04-08T07:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/robert-littell-die-soehne-abrahams-kritikerstammtisch-teil-2\/"},"modified":"2022-06-13T00:47:15","modified_gmt":"2022-06-12T22:47:15","slug":"robert-littell-die-soehne-abrahams-kritikerstammtisch-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/robert-littell-die-soehne-abrahams-kritikerstammtisch-teil-2\/","title":{"rendered":"Robert Littell: Die S\u00f6hne Abrahams [Kritikerstammtisch, Teil 2]"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8230;und hier der zweite Teil des Kritikerstammtisches mit weiteren drei Rezensionen.<br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/littell_4.jpg\" alt=\"littell_4.jpg\" width=\"258\" height=\"70\"\/><\/p>\n\n\n\n<p>Die Region, in der \u201eVicious Circle\u201c spielt, ist eines der hei\u00dfesten Pflaster, das die Realit\u00e4t zur Zeit zu bieten hat. Der Konflikt zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern ist sein Thema und wird von verschiedenen Gesichtspunkten \u201ebearbeitet\u201c. Das Buch und das Handeln darin wird von den Radikalen beider Seiten bestimmt, entweder weil sie selber handeln oder aber andere zum Handeln zwingen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Neun Tage sind es noch bis es zum historischen Friedensvertrag zwischen Israel und Pal\u00e4stina. Ein Vertrag, der nur aufgrund der deutlichen Einflussnahme der USA unter ihrer neuen Pr\u00e4sidentin (\u00fcber deren reales Vorbild man trefflich spekulieren mag) zustande kommt &#8230; wenn nicht noch etwas dazwischen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Isaac Apfulbaum und Doktor Al-Shaat k\u00f6nnten Personen sein, die dazwischen kommen. \u201eVicious Circle\u201c ist die Geschichte des Zusammentreffens dieser beiden Extremisten, der eine Jude, der andere Pal\u00e4stinenser und Moslem. Isaac Apfulbaum, ein Rabbi, beansprucht ganz Israel einschlie\u00dflich des Westjordanlandes, so wie es von Gott den Juden gegeben worden war; Al-Shaat, ein Arzt, hat genug von den Dem\u00fctigungen und will die Besitzverh\u00e4ltnisse von vor hundert Jahren wieder herstellen. Beide akzeptieren Gewalt als Mittel zum Erfolg. Als Doktor Al-Shaat Isaac Apfulbaum und seinen Sekret\u00e4r entf\u00fchrt, um pal\u00e4stinensische Gefangene freizupressen, treffen sie aufeinander und entdecken, dass sie vieles gemein haben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e [&#8230;] and the worst of all things are innovations: every innovation is heresy, every heresy is error, and every error leads to hell\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Parallele zwischen den beiden Gegenspielern ist schon fast zu offensichtlich; beide mit einer durch das Gebet bedingten Narbe (Zeichen) auf der Stirn, fast blind (!), mit den Vornamen der Urv\u00e4ter Isaac und Ismael, den S\u00f6hnen Abrahams versehen, die als Urv\u00e4ter der Israelis bzw. Araber gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name des Buches im Original, \u201eVicious Circle\u201c (Teufelskreis), zeigt es an: Der Unterschied zwischen den Terroristen der unterschiedlichen Nationen ist so gro\u00df nicht. Ein Terrorakt befeuert den n\u00e4chsten Terrorakt &#8230; \u201eAuge um Auge &#8230;\u201c l\u00e4sst sich im Koran wie in der Torah finden. Und was die Terroristen antreibt, ist, so sehen wir gleich zu Beginn des Buches, auch f\u00fcr die israelischen Dienste gut genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, als unvoreingenommener Beobachter hat man sich im Laufe der Jahre nat\u00fcrlich schon zusammengereimt, dass Gegengewalt keine M\u00f6glichkeit ist, Gewalt zu stoppen. Hier liegt dann auch gar nicht so sehr der Charme des Buches. Der entfaltet sich schon eher bei den beiden \u201eVerr\u00fcckten\u201c, die wie die St\u00f6renfriede im Kindergarten alles daran setzen, die Bauwerke der anderen mit ihren Steinen zu zerst\u00f6ren. Dabei haben die Beiden eben Charme und ihre Argumente jeweils etwas f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Littell macht daraus eine spannende Story mit einem dramatischen Finale und wechselt (dem Thema wie dem Genre angemessen) die Erz\u00e4hlerperspektive h\u00e4ufig und zwischen verschiedenen Personen. So bekommen wir z.B. auch etwas \u00fcber das Wesen der amerikanischen Politik erz\u00e4hlt; durch einen Berater der Pr\u00e4sidentin, der solange eine immer leicht ironische Distanz zu dem Thema wahrt, bis er mittelbar das Potential der Gewalt zu sp\u00fcren bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gehobenes Handwerk, Anspielungen und Bez\u00fcge meistert Littell sowieso und betont dabei Parallelen zwischen Juden und Moslems, dass man schon fast meint, sich Sorgen um die Sicherheit des Autors machen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz klar: Es steht zu vermuten, dass dem Autor ein weiterer DKP kaum noch zu nehmen ist, aber gelegentlich ist seine Schreibe doch \u00fcberraschend impertinent. Nicht nur diese demonstrativen Parallelen, auch solche eigenartigen \u00dcbergenauigkeiten wie z.B. ein Messerstich, der die Pulmonalklappe zerfetzt, ein weiterer, der oberhalb des <em>M. latissimus dorsi<\/em> ansetzt und ein Knopfdruck, der Strom zu einer Spule f\u00fchrt (so dass ein Klingelger\u00e4usch entsteht), irritieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Bernd Kochanowski<\/strong><br \/>(der Rezensent hat die englischsprachige Originalausgabe gelesen)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/littell_5.jpg\" alt=\"littell_5.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist schon reichlich platt: Im m\u00f6rderischen Israel, das vor vielen Jahren einfach mitten in ein fremdes Land gesetzt wurde, nur weil es den Westm\u00e4chten so gefiel, im m\u00f6rderischen Pal\u00e4stina, das keine andere Idee hat, als immer nur mit Gewalt und nochmals Gewalt zu reagieren, in diesem m\u00f6rderischen Land treffen zwei Menschen aufeinander: Ein radikaler j\u00fcdischer Rabbi, Isaak Apfulbaum, Sprecher von radikalen Israelis, die behaupten, Gott selbst habe ihnen dieses Land versprochen und sie d\u00fcrften es sich also mit Waffengewalt nehmen, die meinen, sie k\u00f6nnten ihre Siedlungen auch in fremdes Gebiet bauen und h\u00e4tten trotzdem Recht, sie d\u00fcrften sich auch mit Terror wehren \u2013 und der radikale pal\u00e4stinensische Terrorist Dr. Ishmael al-Shaath, der sich an den Israelis r\u00e4chen will, sie vertreiben will, umbringen, ausmerzen. Das ist platt, aber nicht undenkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Undenkbar sind auch nicht die anderen Handlungselemente: die Versuche der Israelis, den Rabbi wieder zu befreien, bevor er hingerichtet wird, weil das nur noch mehr Gewalt heraufbeschw\u00f6ren w\u00fcrde (und man au\u00dferdem einen Rabbi, sei er noch so durchgeknallt und sch\u00e4dlich f\u00fcr den anlaufenden Friedensprozess, nicht einfach von einem Pal\u00e4stinenser umbringen l\u00e4sst). Oder die Interventionen eines amerikanischen Beraters der amerikanischen Pr\u00e4sidentin (das Buch spielt in einer nahen Zukunft), die auch nicht will, dass der Friedensprozess gest\u00f6rt wird \u2013 schlie\u00dflich k\u00f6nnte man daf\u00fcr ja noch einmal einen Nobelpreis bekommen oder wenigstens wiedergew\u00e4hlt werden. Der Friedensvertrag steht kurz vor der Unterzeichnung. Genau das will der pal\u00e4stinensische Arzt verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so suchen die israelischen und pal\u00e4stinensischen Beh\u00f6rden nach Spuren, versuchen aus den Botschaften der Entf\u00fchrer, den Aufenthaltsort des Entf\u00fchrten herauszubekommen, versuchen, seine Intelligenz abzusch\u00e4tzen, um herauszubekommen, wie trickreich die Spuren vielleicht bewusst gelegte falsche Spuren sind. Nat\u00fcrlich geht das alles nicht ohne etwas Folter, Schl\u00e4ge, unsch\u00f6ne Verh\u00f6rmethoden, schlie\u00dflich ist Israel ja im Krieg, da sind alle Mittel erlaubt. Und endlich ist auch nicht ganz undenkbar, dass es einem ausl\u00e4ndischen Journalisten gelingt, nach vielen Vertrauensbeweisen (inklusive Verhaftung durch den Mossad) zum Entf\u00fchrer durchzudringen, damit der ihm ein Exklusiv-Interview gew\u00e4hrt. Und sich am Schluss doch noch als Vertreter des Guten erweist, der durch einen Minisender das Versteck verraten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind alles ganz normale Politthriller-Elemente, und es w\u00e4re gut gewesen, wenn es Robert Littell in seinem neuen Buch \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c dabei belassen, sie mit Fleisch und Blut und Leben gef\u00fcllt h\u00e4tte. Es w\u00e4re vielleicht ein spannendes Buch herausgekommen, das von zerrissenen und fanatischen Menschen in einem zerr\u00fctteten Land erz\u00e4hlt, in dem es keinen Ausweg mehr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber leider rutscht Robert Littell selber in ein Desaster ab, in ein literarisches und ein psychologisches, die zusammenh\u00e4ngen. Denn was macht er aus der eigentlich noch ertr\u00e4glichen, wenn auch nicht neuen Idee, dass sich der radikale j\u00fcdische Rabbi und der radikale pal\u00e4stinensische Arzt so \u00e4hnlich sind? Einen Ideenroman und eine Schmonzette. Der Ideenroman ginge noch, w\u00e4re vielleicht ganz pfiffig, wenn man ihn \u00f6konomisch anginge: Je l\u00e4nger die beiden miteinander reden, desto mehr merken sie, dass sie sich so sehr \u00e4hneln wie zwei Br\u00fcder, dass sie beide \u201eS\u00f6hne Abrahams\u201c sind. Denn auch im Koran wird Abraham als der erste Moslem angesehen, der den wahren Glauben an den Einen Gott praktizierte und bereit war, auch schon einen Sohn zu opfern (aber das nur nebenbei) und mit seinem anderen Sohn Ishmael die von Adam erbaute Kaaba \u201ewiederentdeckte\u201c. Leider hat Littell aber keine sprachlichen Mittel zur Verf\u00fcgung, die diesen psychologischen Prozess auch literarisch plausibel machen w\u00fcrde. Sondern nur symbolhaft aufgeladene Plattit\u00fcden.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bei ihm sind die beiden M\u00e4nner alte, hochgebildete und intellektuelle, studierte Leute, beide sind (Symbol! Symbol!) fast blind, beide versuchen dem anderen schl\u00fcssig zu beweisen, wie recht sie doch haben und wenig M\u00f6glichkeiten, \u00fcberhaupt etwas anderes zu denken. Beiden gemeinsam ist, dass sie keinen Frieden wollen. Die Begegnung zwischen ihnen wird emotional immer aufgeladener, und auch Littells Sprache wird dabei immer aufgeladener und kitschiger: <em>\u201eDer Doktor sagte bewegt: \u201aIch h\u00e4tte mir niemals tr\u00e4umen lassen, dass ich je einem Menschen begegnen w\u00fcrde, noch dazu einem Juden, der diese Stadt so liebt wie ich.\u2019\u201c<\/em> Und als der Moslem den Koran zitiert:<em> \u201eDie wahrhafteste Mitteilung ist das Buch Allahs, die beste Leitung ist die Leitung Muhammads, das schlechteste der Dinge sind die Neuerungen, jede Neuerung ist Ketzerei und jede Ketzerei ist Irrtum, und jeder Irrtum f\u00fchrt in die H\u00f6lle\u201c<\/em>, da antwortet der entf\u00fchrte und mit dem Tod bedrohte Rabbi mit <em>\u201eWieder Amen. (\u2026) Ich lade Sie ein, meinen Thora-Sch\u00fclern in Beit Avram einen Vortrag \u00fcber das Thema Neuerungen zu halten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Psychologisch ist diese \u201eEntwicklung\u201c, die ja keine ist, sondern ein Zusammenbruch der beiden Menschen, unglaubw\u00fcrdig und an den Barthaaren des Propheten herbeigezerrt. Denn nur wenige Minuten, wenige Seiten vorher hei\u00dft es: <em>\u201eApfulbaum sp\u00fcrte, dass sein Entf\u00fchrer ihm allm\u00e4hlich einen gewissen widerwilligen Respekt abrang.\u201c <\/em>Und dann rutscht es ganz schnell, bar jeder Glaubw\u00fcrdigkeit, einfach ab. Bis der Doktor dem Rabbi die Kapuze, die der Gefangene tragen muss, <em>\u201eungewohnt sachte \u00fcber Kopf\u201c <\/em>zieht und ihm eine Gebetsschnur schenkt, die er w\u00e4hrend seiner zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Haft in israelischen Gef\u00e4ngnissen bei sich trug: <em>\u201eEin Gef\u00fchl von Dankbarkeit, ja Seelenverwandtschaft stieg in seiner Brust auf\u201c, <\/em>kitschiert Littell.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kommt der Tiefpunkt der Geschichte, als sich der Doktor mit seinem Gefangenen noch einmal, fl\u00fcsternd, unterh\u00e4lt. Eine Terroristin namens Petra sieht, <em>\u201edass die beiden miteinander redeten wie alte Freunde. Ihre Knie ber\u00fchrten einander, weil sie so nah beieinandersa\u00dfen, und sie waren so weit vorgebeugt, dass ihre K\u00f6pfe nur Zentimeter voneinander entfernt waren.\u201c <\/em>Der Doktor trank eine Tasse Tee. <em>\u201eDann tat er etwas, was Petra \u00e4u\u00dferst seltsam fand \u2013 er nannte den Gefangenen beim Vornamen.\u201c<\/em> Und auch der Rabbi sagt den Vornamen seines Entf\u00fchrers. Dann massiert der Doktor den Hals des Rabbi. Und Petra denkt \u00fcber das Gesehene, dumm wie sie ist und vorgef\u00fchrt wird, als sei sie das Zielpublikum dieses Romans: <em>\u201eEs musste sich um einen neuartige Verh\u00f6rmethode handeln, sagte sie sich. Der Doktor wollte das Vertrauen des Gefangenen gewinnen und ihn in dem Glauben wiegen, er sei sein Freund, um ihm die Informationen zu entlocken, die er haben wollte. Anders war die merkw\u00fcrdige N\u00e4he, die sich zwischen den beiden M\u00e4nnern zu entwickeln schien. Wieso sollte der Doktor dem Juden sonst erlauben, ihn mit Vornamen anzureden?\u201c<\/em> Das ist sch\u00f6n, dass wir diesen Punkt so richtig dick unter die Nase gerieben bekommen, und noch gleich doppelt und dreifach erkl\u00e4rt. Damit es auch dem letzten Deppen klar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch dicker wird es, als die beiden dem Journalisten in einem schelmischen Dialog erkl\u00e4ren, warum sie sich so \u00e4hnlich sind: Weil sie beiden den Einen Gott anbeten, kein Schweinefleisch essen, beschnitten sind, von rechts nach links schreiben (\u201eohne Vokale\u201c): <em>\u201eDu meine G\u00fcte, muss ich es in Gro\u00dfbuchstaben an die Wand schreiben? Man muss blind sein, um es zu \u00fcbersehen (Symbol! Symbol! G.P.). Wir sind beide Kinder Abrahams.\u201c <\/em>Das sind die stilistischen Tiefpunkte des an H\u00f6hepunkten nicht reichen Buches. Hier zeigt sich endg\u00fcltig, dass es kein Thriller ist, sondern eine Parabel, und zwar eine ziemlich flachbr\u00fcstige.<\/p>\n\n\n\n<p>Littells Buch ist derart an den entscheidenden Stellen misslungen, n\u00e4mlich dort, wo er die Beziehung zwischen einem Entf\u00fchrer und einem Entf\u00fchrten, einem radikalen Juden und einem radikalen Pal\u00e4stinenser erz\u00e4hlen m\u00fcsste. Misslungen sind die Passagen aus der Sicht des amerikanischen Beraters, die v\u00f6llig unn\u00f6tig ist, denn auch das haben wir l\u00e4ngst und gleich beim ersten Mal verstanden, ohne dass eine eigenst\u00e4ndige Perspektive eingef\u00fchrt werden m\u00fcsste. Gelungen ist das Buch nur dort, wo die Thrillerelemente \u00fcberwiegen, wo die israelischen und pal\u00e4stinensischen Beh\u00f6rden, die sich eigentlich bekriegen, zusammenarbeiten m\u00fcssen, wo es um Indizien und die fieberhafte Suche nach dem Versteck geht. Aber leider spielt das nur eine Nebenrolle in diesem Roman. Insgesamt scheint Littell p\u00e8re wie Littell fils die Botschaft wichtiger zu sein als ein gut erz\u00e4hlter Roman. Dass sich beides nicht ausschlie\u00dft, haben viele andere gezeigt. Littell l\u00e4sst einen dagegen v\u00f6llig unbefriedigt zur\u00fcck, weil er den Leser f\u00fcr dumm h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Georg Patzer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/littell_6%20Kopie.jpg\" alt=\"littell_6 Kopie.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wieso hei\u00dft der Mann eigentlich Apf<em>u<\/em>lbaum? Nein, nicht Apf<em>e<\/em>lbaum, so hei\u00dft er nur f\u00fcr den Klappentexter der deutschen Ausgabe. Aber vielleicht ist ja das Buch von Robert Littell ein Apfel. Ein Apfel mit einem Kern, Fleisch und Schale, dreiteilig also.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem Kern und arbeiten uns dann nach au\u00dfen vor. Im Zentrum von \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c steht die Entf\u00fchrung des ultraorthodoxen Rabbis Apfulbaum durch den nicht weniger ultraorthodoxen Pal\u00e4stinenser Dr. al-Shaath. Beide sind Terroristen, fast blind und nat\u00fcrlich sehr religi\u00f6se weise M\u00e4nner, Antipoden. Antipoden? Nat\u00fcrlich nicht. Sie sind Br\u00fcder; nicht nur biblische, sondern auch geistige, denn wir wissen, dass sich die Extreme immer irgendwie \u00e4hneln und eigentlich eins sind, das war so mit Kommunismus und Nationalsozialismus, Stalin und Hitler ergo, und auch wenn sich die buntbeschalte Hirnrissigkeit hoolig\u00e4hn verpr\u00fcgelt, haut doch nur Zwilling eins auf Zwilling zwei und umgekehrt \u2013 aber das ist jetzt gar nicht das Thema. Man k\u00f6nnte sich dar\u00fcber die K\u00f6pfe hei\u00df reden, und am Ende k\u00e4me doch nur dabei heraus, dass jeglicher Extremismus und Terrorismus auf den gleichen psychischen Defekten bei intelligenten dummen Menschen beruht. Und g\u00e4nzlich dummen sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesen Kern wuchert das Fleisch. Bei Littell ist, das wundert nun keinen, das Fleisch die Handlung, das Trillerelement sozusagen. Der Entf\u00fchrer hat ein Ultimatum gestellt, die Israelis arbeiten mit Hochdruck daran, Apfulbaum zu befreien und die B\u00f6sewichte zu liquidieren. Dabei gibt es nur Opfer. Junge Israelis sterben, junge Pal\u00e4stinenser sterben. Und die Autorit\u00e4ten der beiden Todfeinde arbeiten wacker zusammen \u2013 widerwillig zwar, aber effektiv. Sie sind sich also gar nicht so un\u00e4hnlich, nichts weiter als eine Emanation der Kern-Problematik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schale ist etwas ganz Besonderes, das repr\u00e4sentative Kleid des Ganzen, gewisserma\u00dfen, das Global-Politische. Bei Littell wird es durch den Bericht des US-amerikanischen \u201eSonderberaters f\u00fcr Nahostangelegenheiten\u201c verk\u00f6rpert. Denn der Fall spielt ins Bedeutende, nur noch wenige Tage trennen die Welt von einem Friedensabkommen, das durch die Entf\u00fchrung Apfulbaums gef\u00e4hrdet ist. Um Apfulbaum selbst geht es nat\u00fcrlich nicht. Wenn er bei der Befreiung stirbt: auch in Ordnung. Aber eigentlich geht es auch nicht um irgend einen Frieden, sondern um Wahlkampf. Die US-amerikanische Pr\u00e4sidentin(!) braucht neues Renommee, und wenn dabei der Friedensnobelpreis herausspringt, umso besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Apfel, den uns Robert Littell geschrieben hat. Und wie erkennen beim ersten Biss: Der Apfel ist faul! Der Apfel schmeckt nicht! Er hing am Baum der Sinnlosigkeit und enth\u00e4lt folgerichtig nicht das Vitamin S, das wir doch so gerne zu uns nehmen, wenn wir B\u00fccher lesen. Er schmeckt nach Sinnlosigkeit, nach Beliebigkeit, es ist egal, ob einer f\u00fcr Jehova oder Allah predigt, f\u00fcr Jehova oder Allah Blut vergie\u00dft \u2013 und den gro\u00dfen Diplomaten geht das alles eh am Allerwertesten vorbei, wenn sie nicht im Nahen Osten Frieden schaffen, dann zetteln sie eben im Fernen einen Krieg an oder irgendwo irgendwas \u2013 aha, auch hier steckt viel vom Kern drin in dieser gl\u00e4nzend polierten Schale aus launigen Absichtserkl\u00e4rungen und Visionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert Littell hat ein bitterb\u00f6ses, weil in diesem Kern zutiefst lustiges Buch geschrieben, ein best\u00e4ndiges Hin-und-her-Leuchten vom Gedankenpalast zum Misthaufen und wieder zur\u00fcck. Unsere beide Terroristen, die da so br\u00fcderlich umarmen, dass es nur haarscharf an handfestem Sex vorbeischrammt, suhlen sich im Gelehrsamen ihrer Dummheit, w\u00e4hrend sich im Fleisch drumherum im Namen dieser hehren Dummheit Menschen opfern und doch auch sie einander viel n\u00e4her sind als sie glauben w\u00fcrden. Alles, wirklich alles, was da so hochgelahrt daherkommt, ist Platit\u00fcde, die israelischen und pal\u00e4stinensischen Geheimdienstler, die jungen orthodoxen Juden, die m\u00e4rtyrerhaft tragisch endenden jungen Pal\u00e4stinenser, ein Wechselspiel aus Kollaboration und Verrat, Idealismus und menschlicher Schw\u00e4che. Das ist alles so l\u00e4cherlich, so versatzst\u00fcckhaft, dass es furchtbar langweilig w\u00e4re \u2013 w\u00e4re es denn nicht der Apfel, dessen Genuss die ewige Schlange Dummheit empfohlen h\u00e4tte, nichts als DIE WAHRHEIT.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung, vieles wissen wir, einiges haben wir schon immer geahnt, aber so kompakt und jenseits allen Bem\u00fchens um \u201eSinn\u201c wie Littell hat uns noch selten einer diesen Wahnwitz aufgeschrieben. Und w\u00e4re daraus ein sch\u00f6ner, runder, saftiger Roman geworden, ein Roman mit plastischen Figuren statt tumben Platzhaltern, mit \u201eergreifenden Schicksalen\u201c, gar mit der Andeutung eines \u201eAuswegs\u201c &#8211; h\u00e4tte genau das sein Scheitern bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es gibt einen Einwand. Robert Littell, der eigentlich ein Meister der Sprachdukti ist, des, mit einem anderen Wort, Sprachgef\u00e4lles innerhalb einer Geschichte (man lese \u201eLegends\u201c), scheint bei der Niederschrift von \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c etwas von seiner diesbez\u00fcglichen Souver\u00e4nit\u00e4t verloren zu haben. Manches kommt zu fl\u00fcchtig daher, zu wenig elaboriert (was bei Littell immer auch bedeuten kann, dass es gar nicht elaboriert WIRKT). So schl\u00fcssig das Gro\u00dfe=Ganze sein mag, in den Einzelheiten erwarte ich mir von einem Autor wie Robert Littell ein wenig mehr.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Littell: Die S\u00f6hne Abrahams. \nScherz 2008. 349 Seiten. 17,90 \u20ac\n(Original: \"Vicious Circle\", The Overlook Press 2006, deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;und hier der zweite Teil des Kritikerstammtisches mit weiteren drei Rezensionen. 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