{"id":21000,"date":"2008-04-09T08:08:08","date_gmt":"2008-04-09T08:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/kritikerstammtisch-metakritik\/"},"modified":"2022-06-07T00:51:14","modified_gmt":"2022-06-06T22:51:14","slug":"kritikerstammtisch-metakritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/kritikerstammtisch-metakritik\/","title":{"rendered":"Kritikerstammtisch: Metakritik"},"content":{"rendered":"\n<p>Und was lernen wir jetzt daraus? Sechs Menschen schreiben \u00fcber ein Buch und generieren sechs verschiedene Meinungen. Ist das Kritisieren von B\u00fcchern also wirklich jene Geschmackssache, die im Grunde jede Kritik obsolet macht? Keine Objektivit\u00e4t nirgends?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass Robert Littells \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c am Beginn der Reihe \u201eKritikerstammtisch\u201c steht, erweist sich als Gl\u00fccksfall. Denn f\u00fcnf der sechs Besprechungen sind in ihrem Credo so himmelweit nicht von einander entfernt. Und es gibt eine davon v\u00f6llig abweichende Meinung, einen Verriss, der jedoch, schaut man genauer hin, auch nichts anderes aussagt als die f\u00fcnf \u201eLobe mit Vorbehalt\u201c \u2013 nur das Fazit ist ein anderes, weil die Wertung der Schwachpunkte eben eine andere ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n l\u00e4sst sich das an dem Punkt illustrieren, in dem sich ausnahmslos alle RezensentInnen einig sind. Im Zentrum von \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c steht das Verh\u00e4ltnis von Rabbi Apfulbaum und seinem pal\u00e4stinensischen Entf\u00fchrer. Die Entwicklung dieser Beziehung enth\u00e4lt eine Botschaft, das Ganze ist also, wie Georg mit der ganzen Souver\u00e4nit\u00e4t des Literaturwissenschaftlers richtig erkannt hat, \u201eeine Parabel\u201c, jedoch \u201eeine ziemlich flachbr\u00fcstige\u201c. Auch Thomas h\u00e4lt diesen Kern f\u00fcr \u201ealles andere als originell [&#8230; und] doch sehr gewollt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig anderer Meinung ist Henny. Sie findet, \u201edass der Autor alles sehr fein komponiert hatte, bis hin zu den \u00e4u\u00dferlich gezeigten Reaktionen, die die inneren Zerrissenheiten widerspiegeln. Gro\u00dfartig.\u201c Ein wenig dazwischen die Einsch\u00e4tzung von Claus. Wohl w\u00fcrdigt er die Funktion dieses Kern )\u201e(&#8230;) treibt die Handlung durch die zunehmende Verengung auf das Schicksal von Abu Bakr und Apfulbaum gewaltig voran (&#8230;)), sieht jedoch in der Ausf\u00fchrung \u201ediese(r) aufkl\u00e4rerische(n) Absicht auch die zentrale Schw\u00e4che des Romans\u201c. Auch Bernd bem\u00e4ngelt die Ausf\u00fchrung, denn \u201edie Parallele zwischen den beiden Gegenspielern ist schon fast zu offensichtlich\u201c. Dpr schlie\u00dflich benutzt diesen auch f\u00fcr ihn nicht sehr originellen Kern, um seine Aussage auf die anderen Ebenen der Handlung zu \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich der Gewichtung dieses Teilaspekts f\u00fcr das Gesamturteil zeigen sich nun eklatante Unterschiede. Georg etwa findet das Buch \u201edort, wo die Thrillerelemente \u00fcberwiegen\u201c, durchaus gelungen, weist dem aber \u201eeine Nebenrolle im Roman\u201c zu und sieht daher keine Veranlassung, das Negativurteil abzumildern. Thomas, der die Schw\u00e4chen der Parabel ebenfalls herausgearbeitet hat, relativiert dieses Minus durch das Plus \u201eder Schreibe von Littell\u201c, von dem er auch \u201eeinen Bericht \u00fcber die Jahreshauptversammlung des \u00f6rtlichen Kaninchenz\u00fcchtervereins lesen\u201c w\u00fcrde. Dpr hingegen kritisiert gerade diese \u201eSchreibe\u201c, ohne dass dies das grunds\u00e4tzlich positive Urteil zu gef\u00e4hrden vermag. Auch Bernd erkennt eine f\u00fcr das wohlwollende Gesamturteil letztlich bedeutungslose sprachliche Schw\u00e4che, und Claus lobt, dass Littell \u201ein wenigen, pr\u00e4zisen S\u00e4tzen seziert\u201c, was nun auch ein Lob f\u00fcr die Sprache ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erkennt hier sehr sch\u00f6n, wie die RezensentInnen Littells Roman in ihr eigenes (\u201esubjektives\u201c) kritisches Koordinatensystem stellen, das als solches durchaus objektiv, weil tats\u00e4chlich am Gegenstand ausgerichtet ist. Will hei\u00dfen: Wir erkennen sofort, welches Gewicht die KritikerInnen auf einzelne Elemente legen, ob dieses ein absolutes ist, das also von anderen nicht mehr aufgewogen werden kann, oder eben nur eines unter mehreren. Ein nichtobjektives Kriterium w\u00e4re z.B., Robert Littells Buch nur deshalb abzulehnen, weil man sich \u00fcber das seines Sohnes Jonathan ge\u00e4rgert hat (wobei man diesen Umstand durchaus, wie es Georg getan hat, polemisch einarbeiten darf \u2013 es darf aber nicht Pr\u00e4misse einer Besprechung sein). So betrachtet, ist der Unterschied, ob man ein Buch wohlwollend durchwinkt oder gnadenlos verrei\u00dft, gar nicht einmal gewaltig, sondern h\u00e4ufig lediglich eine Frage der Akzentuierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dies nur als Beispiel. Weitere interessante Beobachtungen lie\u00dfen sich aus der Analyse der \u201ePlastizit\u00e4t und Authentizit\u00e4t\u201c von Littells Geschichte gewinnen, f\u00fcr die einen gegeben, f\u00fcr andere wiederum nicht, beziehungsweise nicht von Bedeutung, da gerade diese Plastizit\u00e4t mit ihren Identifikationsfiguren die Wirkung des Textes abschw\u00e4chen w\u00fcrde. Auch die Erwartungshaltung des Kritikers wird angesprochen (jedenfalls bei Thomas und dpr, die \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c zu anderen Werken Littells oder thematisch verwandten B\u00fcchern referenzieren; Henny als Nichtthrillerexpertin berichtet dagegen von allgemeinen Genreerwartungen, die sich nicht erf\u00fcllten).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kritikerstammtisch zu Littells Buch macht sehr sch\u00f6n klar, was \u201eRezensieren\u201c bedeutet. Man schickt den Text durch ein Werte- und Bewertungssystem, das selbst transparent sein sollte, um jene Schnittstellen zu offenbaren, an die die Werte- und Bewertungssysteme der LeserInnen von Rezensionen andocken k\u00f6nnen \u2013 oder eben nicht. So betrachtet ist die These, ein jeder Leser habe einen \u201eKritiker seines Vertrauens\u201c, stimmig und sinnvoll. Andererseits kann es passieren, dass die Systeme der LeserInnen durch die Systeme der RezensentInnen modifiziert werden, mich also jemand davon \u00fcberzeugt, bisher \u201efalsch\u201c gelesen zu haben. Und andererseits: Niemand der rezensiert sollte glauben, sein \/ ihr System sei absolut und bed\u00fcrfe keiner Ver\u00e4nderung. Wer seine T\u00e4tigkeit ernst nimmt, wartet nur darauf, dass ihm ein Text die ganze sch\u00f6ne kritische Ordnung kaputt macht. Das ist dann ein Feiertag. Damit w\u00e4ren wir wieder mitten in der Literatur selbst, deren Charme ja genau darin liegen sollte, solche Erweiterungen meines Horizonts respektive Verschiebungen meines Standpunkts zu bewerkstelligen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und was lernen wir jetzt daraus? Sechs Menschen schreiben \u00fcber ein Buch und generieren sechs verschiedene Meinungen. 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