{"id":21002,"date":"2008-04-10T08:30:13","date_gmt":"2008-04-10T08:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/roger-graf-die-frau-am-fenster\/"},"modified":"2022-06-05T02:26:39","modified_gmt":"2022-06-05T00:26:39","slug":"roger-graf-die-frau-am-fenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/roger-graf-die-frau-am-fenster\/","title":{"rendered":"Roger Graf: Die Frau am Fenster"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Krimileser sind faule Gesellen; so wie alle Menschen, die anderen gerne bei der Arbeit zusehen. Wie sich ein wackerer lonely wolf durch den Gro\u00dfstadtdschungel schl\u00e4gt und dabei selbst geschlagen wird, physisch und psychisch, aber das ist last year\u2019s model, gewisserma\u00dfen, aktuell \u2013 seit mehreren Jahren, seien wir genau \u2013 schaut man lieber gleich ganzen Abteilungen von Kriminalpolizei beim Arbeiten zu. Und weil es so bequem ist, schauen wir dabei auch den Menschen bei ihrer Geistes- und Seelenarbeit zu; und weil es am allerbequemsten ist, werfen wir auch noch einen Blick auf die uns mundgerecht zugeschnittene Gesellschaft. Voila, das nennt man Police Procedural nach Mankell.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Oder: Zu dieser Form von Arbeitsverweigerung ist der ehrw\u00fcrdige Polizeiroman in der Tradition Ed McBains und der Doppelschweden Sj\u00f6wall \/ Wall\u00f6\u00f6 verkommen. Der windschnittige PP bietet uns heutzutage alles, und all das in seiner banalsten Form. \u201eAuthentisches Ermitteln\u201c, Psychogramme im Dutzend, Gesellschaftsanalyse als moralische S\u00e4ttigungsbeilage. Nat\u00fcrlich gibt es Ausnahmen: Norbert Horsts Romane, gelungene Mixturen aus Inhalt und Form; Pieke Biermanns Krimis, als intelligentes und flexibles Erz\u00e4hlen pl\u00f6tzlich Eingang in die deutsche Krimitristesse fand. Aber sonst? Schweigen wir. Widmen wir uns Roger Grafs \u201eDie Frau im Fenster\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der beginnt mit einem f\u00fcr Autor und Verlag \u00fcberhaupt nicht witzigen Malheur, das dereinst dazu f\u00fchren wird, dass windige Detektive von sch\u00f6nen Antiquariatsverk\u00e4uferinnen die Erstausgabe von Frau am Fenster mit dem Druckfehler auf Seite 5 verlangen werden. Das erste Auftauchen eines Exempels pr\u00e4nataler Zeugung in der Literatur, mehr sei nicht verraten. Es ist aber immer sch\u00f6n, wenn die Lekt\u00fcre mit einem Lacher beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman macht uns mit Damian Stauffer, einem Z\u00fcrcher Polizisten bekannt, der gerade eine neue Abteilung \u00fcbernommen hat. Und nat\u00fcrlich mit seinen KollegInnen, von denen ein jeder, eine jede irgendwie \u2013 wir bef\u00fcrchteten es sofort \u2013 f\u00fcr einen bestimmten Typus Mensch steht. Da haben wir den erfahrenen Praktiker, den leider ein wenig versoffenen Au\u00dfenseiter, die Kokserin, den fickrigen Jungspund, die verst\u00e4ndnisvolle, auch erotisch attraktive alleinerziehende Mutter \u2013 und Stauffer selbst, Eigenbr\u00f6dler, schwerer Nachdenker, Selbstzweifler.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mord ist geschehen. Bankbeamter, kein Motiv, keine richtige Spur. Die Arbeit beginnt. Kleinarbeit, viele Irrwege, Sackgassen, Theorien. Ein zweiter Mord geschieht, runtergekommener S\u00e4ufer, kein Motiv, keine richtige Spur Die Arbeit verdoppelt sich. Kleinarbeit, viele Irrwege pp. Es stellt sich heraus, dass beide Morde zusammengeh\u00f6ren, von einem T\u00e4ter begangen worden sein m\u00fcssen. Die Arbeit verdreifacht sich. Kleinarbeit&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so weiter. Aber wir bleiben dran. Denn \u00fcberraschenderweise werden die ersten und gar nicht zu \u00fcberh\u00f6renden Alarmsignale, die auf ein weiteres Exempel des oben geschilderten Polizeiromans schlie\u00dfen lie\u00dfen, mit jeder Seite, die wir lesen, leiser und irgendwann ist es ganz still. Roger Graf n\u00e4mlich ist ein Fuchs. Unsere Bef\u00fcrchtung etwa, in einen \u00fcblichen \u201eGesellschaftskrimi\u201c zu geraten, bewahrheitet sich nicht. Die Beamten der Mordkommission, all diese \u201eTypen\u201c, bleiben mit ihren plakativen Problemen sch\u00f6n im Hintergrund, wagen sich aber manchmal hervor und denken ein paar S\u00e4tze. Das ist beinahe Perspektivwechsel, jedenfalls eine h\u00fcbsche Collagetechnik, ohne die Leute zu \u00fcberfordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch was \u201edas Gesellschaftliche\u201c betrifft, nervt uns Graf nicht mit irgendwelchen Statements irgendwelcher Leute. Der erste Mord geschieht im Angestelltenmilieu, der zweite in dem der Gestrandeten, der Gef\u00e4hrdeten. Das eignet sich f\u00fcr einen eleganten Querschnitt durch die schweizer Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kriminalfall selbst ist verzwickt und bedeutet, bis er endlich gel\u00f6st wird, tats\u00e4chlich viel Arbeit f\u00fcr die KollegInnen. Aber das Tatmotiv wird zwingend hergeleitet, dramaturgisch geschickt das Ganze, sprachlich mit manch h\u00fcbschem Gedanken Stauffers garniert, der immer im Zentrum des Geschehens steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Das ist mal wieder ein gelungener Polizeiroman, einer, bei dem man anderen zuguckt, aber auch selbst ein wenig arbeiten muss. Grafs Buch gibt einem ansonsten schon zuschanden genormten Subgenre neue Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Roger Graf: Die Frau am Fenster. \nPendragon 2008. 416 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimileser sind faule Gesellen; so wie alle Menschen, die anderen gerne bei der Arbeit zusehen. 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