{"id":21004,"date":"2008-04-11T08:07:32","date_gmt":"2008-04-11T08:07:32","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/littell-stammtisch-kurzer-nachklapp\/"},"modified":"2022-06-05T22:53:58","modified_gmt":"2022-06-05T20:53:58","slug":"littell-stammtisch-kurzer-nachklapp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/littell-stammtisch-kurzer-nachklapp\/","title":{"rendered":"Littell-Stammtisch, kurzer Nachklapp"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Fall Littell ist gel\u00f6st. Bis auf eine Kleinigkeit, ein R\u00e4tsel, das sich der Rezensent selbst gestellt hat, weil er eine Frage nicht beantworten kann. Diese Frage: Warum habe ich &#8222;Die S\u00f6hne Abrahams&#8220; nicht verrissen?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn ich h\u00e4tte es tun m\u00fcssen. Nicht aus Solidarit\u00e4t mit Georg, aber doch aus einem Grund, der dem Georgs Verriss zugrunde liegenden sehr \u00e4hnlich ist. Die Geschichte der beiden Extremisten, die Br\u00fcder sind. Das ist wirklich eine Botschaft mit dem Holzhammer, und normalerweise reagiere ich darauf mit einer gewissen Aggression. Und nichts kann mich hernach beruhigen. Oder so: Das ist, als w\u00fcrde man bei der Fahrpr\u00fcfung zwanzig Minuten lang vorschriftsm\u00e4\u00dfig fahren und dann beim finalen Einparken das Nebenauto rammen. Finito. Keine Chance mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber merkw\u00fcrdigerweise habe ich Littell eine Chance gegeben. Ja, noch merkw\u00fcrdiger: Es gibt keinen Erz\u00e4hlstrang in diesem Buch, den ich wirklich als f\u00fcr sich gelungen bezeichnen w\u00fcrde. Und die Sprache? Vergessen wir die. Littels kanns besser. Die Dramaturgie? Solide, vorhersehbar. Also WARUM keinen Verriss?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach (naja, so einfach nat\u00fcrlich nicht): Ich bin der \u00dcberzeugung, dass man manche Sachen nur dann gut beschreiben kann, wenn man sie schlecht beschreibt. Bis zur \u201eKenntlichkeit entstellen\u201c hei\u00dft das (siehe \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/04\/der-preis-ist-heiss.php\">hier<\/a>), aber in einem sehr radikalen Sinn, der die Wirklichkeit ihrer potentiellen Kunstgestalt entkleidet. Jedes Thema, das wissen wir, kann literarisch \u00fcberh\u00f6ht werden, \u201egro\u00dfe Literatur\u201c. Alles: Krieg, Folter, Kindsmissbrauch, politisches \u00dcberleichengehen, die t\u00e4glichen Sauereien der \u00f6konomischen Diktatoren. Gerade Spannungsliteratur kann das und soll das auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wette um meine 100 liebsten B\u00fccher, dass Littell, als er sich vornahm, ein Buch \u00fcber Pal\u00e4stina \/ Israel zu schreiben, genau vor dieser Frage stand: Ein literarisch wertvolles, \u201esaftiges\u201c Buch oder ein zutiefst banales? H\u00e4tte er sich f\u00fcr den ersten Weg entschieden (er h\u00e4tte es ohne Z\u00f6gern im Wissen um seine schriftstellerische Potenz tun k\u00f6nnen), w\u00e4re ihm wohl nicht die Idee gekommen, das Terroristenthema in den Mittelpunkt zu stellen. So etwas MUSS scheitern; vielleicht (sicherlich) auf hohem Niveau, aber es muss scheitern, weil solche belletristisch verpackten Binsenweisheiten immer scheitern m\u00fcssen (es sei denn, man hei\u00dft Thomas Mann und schreibt gerade den \u201eZauberberg\u201c; aber das w\u00e4re eine andere Baustelle).<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, er w\u00e4re anders vorgegangen; mitten hinein ins Volk. \u201eDie S\u00f6hne Abrahams\u201c weist eine Konstellation auf, die bezeichnenderweise von den RezensentInnen des Stammtischs nicht oder doch nur am Rande erw\u00e4hnt wurde, weil sie tats\u00e4chlich in den Randgebieten des Buches angesiedelt ist und ihr Potential nur erahnen l\u00e4sst: das Private und der Verrat. Wir begegnen einem jungen pal\u00e4stinensischen Paar, er Terrorist, sie seine Unterst\u00fctzerin. Um ihn zu fassen, nehmen die Israelis sie gefangen und schaffen es tats\u00e4chlich auf eine \u00e4u\u00dferst gemeine Art, dass sie ihn \u201everr\u00e4t\u201c. Mit tragischen Folgen f\u00fcr beide. DAS w\u00e4re ein Ausgangspunkt gewesen, eine belletristisch viel fruchtbarere Landschaft als der ideologisch-religi\u00f6se Konflikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Littell hat sich f\u00fcr den anderen, den sehr viel unbequemeren Weg entschieden und deshalb habe ich dieses Buch gezielt unter dieser Pr\u00e4misse gelesen. Man muss das nicht. Man muss nicht einmal dran glauben, dass manche Sachen wirklich so abgrundtief banal sind, dass man diese Banalit\u00e4t nur blo\u00dfzulegen braucht, um sie demaskieren. Dass es \u00fcberhaupt keiner intellektuellen Anstrengung bedarf, die Wahrheit zu erkennen. Dass alles so furchtbar simpel ist. Was in Pal\u00e4stina \/ Israel vor sich geht, ist ein Witz. So wie wohl alles, was irgendwo im Namen von Religionen und sonstigen Ideologien schiefl\u00e4uft, ein Witz ist. Blutig, tragisch, ja, aber eben so banal wie eine Torte, die einem zum hunderttausendsten Mal ins Gesicht geknallt wird. Lacht noch einer dr\u00fcber? Hat \u00fcberhaupt jemand schon einmal dar\u00fcber gelacht? Nein. Aber Littell zeigt, wie viele Kriege solche religi\u00f6sideologisch verbr\u00e4mten Tortenschlachten schon ausgel\u00f6st haben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ordnung, ich sehe die Gefahr einer solchen Sichtweise auf Literatur durchaus. Sie k\u00f6nnte zu einer gro\u00dfen Nivellierung f\u00fchren, dazu, JEDES missgl\u00fcckte Produkt f\u00fcr ir-gend-wie gelungen zu halten. Aber auch das Misslungene hat seine \u00c4sthetik, seinen Bauplan, muss gekonnt sein. &#8212; Hier, weil es die zweite andere Baustelle w\u00e4re, nur ganz kurz einen Pfeil ins Bedeutend-Allgemeine: W\u00fcrden uns nur B\u00fccher gefallen, die auf traditionelle und allgemein verst\u00e4ndliche Weise \u201egelungen\u201c w\u00e4ren, wir d\u00fcrften uns mit Kriminalliteratur nicht ernsthaft besch\u00e4ftigen. Die n\u00e4mlich ist dort entstanden, wo Kolportage und Kitsch regieren, die schnelle, unkonzentrierte Feder, das Triviale, Schnellverk\u00f6stigende eben. &#8212; Ende Baustelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass Littell bewusst ein literarisch d\u00fcrftiges Buch geschrieben hat. Auch ein kriminalliterarisch d\u00fcrftiges Buch. Und dass es ihm genau aus diesem Grunde gelungen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fall Littell ist gel\u00f6st. 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