{"id":21005,"date":"2008-04-14T08:01:42","date_gmt":"2008-04-14T08:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/kleiner-exkurs-ueber-musik\/"},"modified":"2022-06-07T18:54:17","modified_gmt":"2022-06-07T16:54:17","slug":"kleiner-exkurs-ueber-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/kleiner-exkurs-ueber-musik\/","title":{"rendered":"Kleiner Exkurs \u00fcber Musik"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor vielen Jahren qu\u00e4lte uns ein Operns\u00e4nger namens Hoffmann mit seinen Versionen bekannter Klassiker der Rockmusik. Es war so f\u00fcrchterlich wie erfolgreich, eine Nobilitierung des \u201eU-Genres\u201c, Balsam f\u00fcr die Seelen der Freunde harmloser Tonfolgen, die endlich, endlich der Kunst teilhaftig wurden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alle paar Jahre werden wir Zeugen einer besonders ekligen Form von Leichensch\u00e4ndung. Immer dann, wenn Schauspieler \u201eihre\u201c Jacques-Brel-Platte aufnehmen und diesen wunderbaren belgischen Chansonnier auf widerw\u00e4rtigste Art zerst\u00fcckeln. Man sieht die durch s\u00e4mtliche Leidenschaften des Lebens grimassierenden Fressen vor sich, wie sie bei den Proben in ihr Wie-ich-wie-Jacques-Brel-singe-Drehbuch starren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bob Dylan kann nicht singen. Die Sex Pistols beherrschten nie mehr als drei Akkorde. Weltmusik? Das sind ein paar trommelnde Neger und Pferdegeige zupfende Mongolen mit Oberton-Kakophonie. Das ist Volks-Musik. Das ist Unterhaltungs-Musik. Das ist keine Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man sich die Wertema\u00dfst\u00e4be in der Musik, f\u00fchlt man sich in die Literatur hinein gesto\u00dfen. Kunsthandwerk ist alles, weihevolle Zeremonien gehobenen Konsums, hinter denen das Wesen eines Werks verschwindet. Nichts davon, dass Kunst, ob sie Musik oder Literatur oder etwas ganz anderes produziert, immer mit der Zeit, in der sie entsteht, verkn\u00fcpft ist, mit den Umst\u00e4nden, den Menschen, den Aggressionen. Und dass sich Kunst immer ent\u00e4u\u00dfert, niemals selbstreferenziell sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Rockmusik etwa. Sie war und ist ein wichtiger Teil des Identifikationsprozesses von jungen Menschen. V\u00f6llig ohne Belang, wie sie entsteht, viel wichtiger, was sie bewirkt, was sie ausl\u00f6st und ausgrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Naser\u00fcmpfen derer da oben in den hochsubventionierten Opern- und Konzerth\u00e4usern \u00fcber die da unten in den stickigen Mehrzweckhallen ist Ausdruck v\u00f6lligen Deplatziertseins in der Kunst. Tradition, Zeremonie, Handwerk, leeres Theoretisieren finden sich aber nicht nur zwischen E und U.<\/p>\n\n\n\n<p>Rockmusik etwa. Als 1976 Punk auftauchte, geschah dies zum Missfallen der Rockenthusiasten, die sich zwanzigmin\u00fctige St\u00fccke von YES und anderen, nat\u00fcrlich \u201eklassisch ausgebildeten\u201c Bands reinzogen und den Wert eines Songs an der handwerklichen Qualit\u00e4t des dort unweigerlich pr\u00e4sentierten Gitarrensolos bema\u00dfen. \u201eGut\u201c bedeutete: das ist Kunst, das kann nicht jeder, dazu braucht man etwas anderes als Wurstfinger. \u201eSchlecht\u201c hie\u00df: Das kann ich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sich quer durch die K\u00fcnste ziehendes Muster. Was ich selbst kann, kann keine Kunst sein. Zum Beispiel rote Quadrate malen oder D-Dur auf der Gitarre greifen oder einen Satz wie \u201eIch entleerte das Magazin meines Revolvers in sein Hirn\u201c schreiben. Irgendwie schnurrt hier eine faszinierende, unendliche Welt auf die Dimensionen eines Hobbykellers zusammen, in dem nur das Handwerk begutachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Rockmusik etwa. Zu den d\u00fcmmlichsten Argumenten gegen \u201eelektronische Musik\u201c z\u00e4hlt die Behauptung, sie sei keine \u201eehrliche, handgemachte Musik\u201c. Man wird von Seiten der Freunde klassischer Musik sich auch stets gegen den Vorwurf, sie applaudierten lediglich sinnentlehrtem Handwerk, wehren und auf \u201edas \u00c4sthetische, das Atmosph\u00e4rische, das Philosophische, das Psychologische\u201c ihrer Musik verweisen. So soll es auch sein. Aber dieses \u00c4sthetische, Atmosph\u00e4rische, Philosophische, Psychologische und meinetwegen auch noch Zeitkommentierende ist keine Frage handwerklicher Perfektion, sondern ausschlie\u00dflich eine Frage der Angemessenheit dieses Handwerks. Wer die Gitarre virtuos zu bedienen versteht, ist klar im Vorteil. Aber nur dann, wenn er sich nicht scheut, seine Virtuosit\u00e4t dann, wenn es angemessen ist, auf drei Akkorde zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss Anfang der Siebziger gewesen sein, als ich zum ersten Mal Trois Gymnop\u00e9dies von Eric Satie h\u00f6rte. Nat\u00fcrlich in einer Version der Jazzrockgruppe Blood, Sweat &amp; Tears. Es war nat\u00fcrlich beeindruckend. Es war Kunst. Es war gro\u00dfe Schei\u00dfe. Viele Jahre sp\u00e4ter h\u00f6rte ich Trois Gymnop\u00e9dies zum zweiten Mal, in der Version von Reinbert De Leeuw. Ich war hingerissen, entz\u00fcckt, es war das Impressivste, was man nur geh\u00f6rt haben konnte. Wieder ein paar Jahre sp\u00e4ter h\u00f6rte ich Trois Gymnop\u00e9dies zum dritten Mal, wer es interpretiert hat, ist mir gn\u00e4digerweise entfallen. Der da spielte, spielte viel zu schnell, es klang wie Kirmesmusik, es packte mich nicht. Angemessenheit. Nicht Technik.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende des Exkurses. In ihm steckt alles \u00fcber Glanz und Elend von Kriminalliteratur. Also:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Analogien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Kriminalliteratur wird nicht dadurch nobilitiert, dass man sie von \u201erichtigen Literaten\u201c fabrizieren l\u00e4sst. Derek Raymond wird nicht dadurch ein gro\u00dfer Schriftsteller, dass sich irgendwer hinsetzt und im Raymondschen Werk alle falschen Konjunktiv- und Partizipialkonstruktionen korrigiert.<\/li><li>Das Handwerk ist keine absolute Gr\u00f6\u00dfe. Dass Bob Dylan nicht singen k\u00f6nne, mag au\u00dferhalb seiner Kunst, in einer technoiden und messbaren Welt richtig sein. Dies gilt auch f\u00fcr die Literatur. Weder gibt es Normen f\u00fcr den Gebrauch des Handwerkszeugs Sprache noch hat jemals ein Mensch auf diesem Planeten existiert, der \u201edie Sprache\u201c beherrscht h\u00e4tte. Wenn man KriminalautorInnen wie Pieke Biermann, Wolf Haas oder Norbert Horst vorwirft, sie k\u00f6nnten nicht \u201ein ganzen S\u00e4tzen grammatisch korrekt\u201c schreiben, dann zeugt dies nur von un\u00fcberbr\u00fcckbarer Distanz der Kritiker zum Wesen der Literatur.<\/li><li>Kriminalliteratur steckt bis \u00fcber die Ohren in Kontexten. In literarischen, gesellschaftlichen, psychologischen, ideologischen. Sie au\u00dferhalb dieser Kontexte zu bewerten, degradiert sie zum Gegenstand sinnleerer Zeremonien.<\/li><li>Kriminalliteratur kann sich nicht im Repetieren bew\u00e4hrter Muster ersch\u00f6pfen. Sie ist keine Zirkusveranstaltung, bei der ein f\u00fcnffacher Salto in der Zeltkuppel mehr wert sein muss als ein auf dem Boden geschlagenes und missgl\u00fccktes Rad.<\/li><li>Kriminalliteratur ist Interpretation ihrer Themen, kein Garant f\u00fcr intellektuelle Festivit\u00e4ten. Wer die Klaviatur des Genres \u201ebeherrscht\u201c, liefert nicht unbedingt gute Krimis, also solche, die ihre Mittel und Absichten dem Thema anpassen.<\/li><li>Kriminalliteratur wird letztlich zwischen Text und Leser abgemacht, nicht zwischen Text und Konvention.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vielen Jahren qu\u00e4lte uns ein Operns\u00e4nger namens Hoffmann mit seinen Versionen bekannter Klassiker der Rockmusik. 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