{"id":21008,"date":"2008-04-17T08:01:10","date_gmt":"2008-04-17T08:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/lee-child-sniper\/"},"modified":"2022-06-07T19:00:05","modified_gmt":"2022-06-07T17:00:05","slug":"lee-child-sniper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/lee-child-sniper\/","title":{"rendered":"Lee Child: Sniper"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer sich mit einem Jack-Reacher-Roman auf die Couch fl\u00e4zt, tut gut daran, alles zu vergessen, was man ihm \/ ihr bisher \u00fcber die Qualit\u00e4tsstandards von Kriminalliteratur der gehobenen Preisklasse erz\u00e4hlt hat. Psychologische Tiefe bei Handlungsf\u00fchrung und Figurenzeichnung etwa, das Ganze sch\u00f6n nah an der Realit\u00e4t, diese mit feinen literarischen Ger\u00e4tschaften sezierend \u2013 all das findet man in den Romanen Lee Childs offenkundig nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Indiana, eine Kleinstadt. Ein Heckensch\u00fctze (\u201eSniper\u201c) erschie\u00dft, scheinbar wahllos, f\u00fcnf Menschen in einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Der Mann versteht sein Handwerk, nur als Spurenbeseitiger ist er Dilettant und folglich hat ihn die \u00f6rtliche Polizei schnell am Haken. James Barr war fr\u00fcher Scharfsch\u00fctze bei der Army, jetzt sitzt er, von einer l\u00fcckenlosen Beweiskette schier erdr\u00fcckt, in Haft, aber auch dort nicht lange. Von Mitgefangenen verletzt, findet er sich mit Ged\u00e4chtnisverlust im Krankenhaus wieder, seine Unschuld beteuernd und nach Jack Reacher verlangend. Nur \u2013 wer ist das?<\/p>\n\n\n\n<p>Jack Reacher, das wei\u00df der Child-Leser, ist jemand, der nicht gefunden werden will. Offizier bei der Milit\u00e4rpolizei gewesen, dann den Dienst quittiert und seitdem kreuz und quer durch die Staaten unterwegs. Nein, man findet ihn nicht \u2013 er muss schon selbst aufkreuzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau das tut er. Denn dieser James Barr hat schon einmal, w\u00e4hrend des ersten Irakkriegs, vier Kameraden in Kuwait aus dem Hinterhalt erlegt. Reacher bringt ihn zur Strecke, aus politischen Erw\u00e4gungen geht Barr indes straffrei aus, doch Reacher schw\u00f6rt Rache. Jetzt ist die Stunde daf\u00fcr gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Reacher aus dem Bus steigt, betritt er, da ist kein Zweifel m\u00f6glich, eine Inszenierung. Das tut er immer. Manchmal, wie etwa im \u201eJanusmann\u201c, inszeniert er kr\u00e4ftig selbst mit, doch hier in \u201eSniper\u201c wird er selbst Teil eines ausgekl\u00fcgelten Schauspiels. Das ist nun mitnichten originell; Kriminalliteratur lebt vom Inszenieren der Wirklichkeit, ihr Ziel ist es, diese Inszenierung und ihre Regisseure zu durchschauen. Nicht so bei Reacher. Was immer er tut, er schafft doch blo\u00df weitere Inszenierungen, und auch am Ende steht nicht etwa \u201edie Wirklichkeit\u201c samt ihres alliterativen Zwillings \u201eWahrheit\u201c, sondern lediglich die plausibelste Inszenierung, die es Reacher erm\u00f6glicht, das zu tun, was er tun muss: die B\u00f6sen bestrafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Recht hat das \u00fcberhaupt nichts zu tun, denn Reacher denkt nicht daran, die \u00dcbelt\u00e4ter ihrer gerechten Strafe zuzuf\u00fchren. Nein, er bringt sie einfach um. Bricht ihnen das Genick, rammt ihnen ein Stemmeisen ins Hirn oder bl\u00e4st dieses vermittels eines kommentar- und emotionslos aufgesetzten Schusses in die Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor jedoch hat Reacher eine \u201eKoalition der Willigen und Anst\u00e4ndigen\u201c um sich geschart. Das ist immer so. In \u201eSniper\u201c sind es die Schwester Barrs, eine Fernsehjournalistin, eine junge Rechtsanw\u00e4ltin, ein Privatermittler, ein Schie\u00dfstandbesitzer. Sie st\u00fcrmen die Wagenburg, hinter der sich das B\u00f6se verschanzt hat, und r\u00e4umen auf (manchmal verteidigen sie auch selbst IHRE Wagenburg gegen das B\u00f6se, aber das Ende ist immer das gleiche). Fall gekl\u00e4rt, Reacher sagt tsch\u00fcs und setzt sich in den Bus, einem neuen Abenteuer entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erinnert nicht nur fatal an Western. Der einsame Wolf kommt in die Stadt geritten, wird verwickelt, stellt mit Hilfe der Guten die Ordnung wieder her und reitet nach getaner Arbeit dem Sonnenuntergang entgegen. Nein, diese Ansammlung von Arche- und Stereotypen verweist generell auf die Bestandteile von Kriminalliteratur, bevor diese durch literarische Ausdifferenzierungen \u201eanspruchsvoll\u201c wurde. Child wirft uns von diesem Anspruch zur\u00fcck auf das Fundament und er tut es am konsequentesten in der Figur des Jack Reacher selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser n\u00e4mlich ist von geradezu erschreckender Eindimensionalit\u00e4t. Nicht irgendeine Moral leitet ihn, einzig und allein Rache ist sein Motiv. Im \u201eJanusmann\u201c bringt er es selbst auf den Punkt:<em> \u201eIn Wirklichkeit ist mir der kleine Mann egal. Ich hasse nur die gro\u00dfen Kerle. Ich hasse Schl\u00e4gertypen. Leute, die andere \u00fcbervorteilen. Die mit allem durchkommen.\u201c<\/em><br \/>Das ist ein Credo von ergreifend schlichter Kleinb\u00fcrgerlichkeit, man stellt sich den Biedermann im Fernsehsessel vor, wie er die Nachrichten ansieht und kommentiert, auf \u201edie da oben\u201c schimpfend, mit absolutem Desinteresse an \u201edenen da unten\u201c. Seine Welt ist egozentrisch, eine Inszenierung eben, die man sich zu einer anderen, gef\u00e4lligeren Inszenierung zurecht biegt, in Gedanken jedenfalls, sonst nicht, man ist ja selbst leider kein Jack Reacher, so sch\u00f6n das ja w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Reacher verf\u00e4hrt so. Er entlarvt die L\u00fcgen, indem er ihnen eigene Erfahrungen entgegensetzt und zum Schluss kommt, das da k\u00f6nne so nicht sein, weil er, Reacher, es nicht so machen w\u00fcrde. Reacher ist also das Ma\u00df aller Dinge und Child r\u00fcstet ihn zudem mit dem aus, was eigentlich das Markenzeichen schlechthin f\u00fcr \u201emindere Kriminalliteratur\u201c ist: k\u00f6rperliche wie intellektuelle Unbesiegbarkeit, Makellosigkeit, selbst wenn Reacher einen Fehler macht, dann nur, um daraus zu lernen. Am Ende hat Reacher die Anfangsinszenierung aufgel\u00f6st, doch nicht, um \u201edie Wirklichkeit\u201c wieder herzustellen, sondern seine, Reachers Inszenierung zur\u00fcckzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Eindimensionalit\u00e4t des Protagonisten f\u00fchrt dazu, dass er, da kein Identifikationsobjekt au\u00dferhalb des Spektrums \u201eSo einer m\u00f6chte ich auch sein!\u201c, zum Identifikationsobjekt f\u00fcr alle wird. Rechtslastige Leser delektieren sich an seiner R\u00fccksichtslosigkeit, seinen Waffenkenntnissen, eher zur Liberalit\u00e4t Tendierende identifizieren in Reacher den \u201eunbehausten Menschen\u201c in einer b\u00f6sen Welt, der nur mit ihren eigenen Methoden beizukommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genug. Man kann es auch viel einfacher sehen. Die Reacher-Romane Lee Childs sind verdammt gut geschriebene, schn\u00f6rkellos geplottete Krimis, der allerorten konstatierte Suchtfaktor ist betr\u00e4chtlich. Und ganz nebenbei erz\u00e4hlen sie uns eine Menge \u00fcber die Abgr\u00fcnde des Eindimensionalen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Lee Child: Sniper. <br \/>Blanvalet 2008 (\u201eOne Shot\u201c, 2005, deutsch von Wulf Bergner). <br \/>477 Seiten. 19,95 \u20ac<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich mit einem Jack-Reacher-Roman auf die Couch fl\u00e4zt, tut gut daran, alles zu vergessen, was man ihm \/ ihr bisher \u00fcber die Qualit\u00e4tsstandards von Kriminalliteratur der gehobenen Preisklasse erz\u00e4hlt hat. 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