{"id":21010,"date":"2008-04-18T07:44:36","date_gmt":"2008-04-18T07:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/thea-dorn-maedchenmoerder\/"},"modified":"2022-06-07T01:31:19","modified_gmt":"2022-06-06T23:31:19","slug":"thea-dorn-maedchenmoerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/thea-dorn-maedchenmoerder\/","title":{"rendered":"Thea Dorn: M\u00e4dchenm\u00f6rder"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Unser Azubi Jochen mag die Frauen. Aber m\u00f6gen die Frauen unseren Azubi Jochen? Wir hegen starke Zweifel. Frau Thea Dorn jedenfalls wird unser liebestrunkener Lehrling endg\u00fcltig von der Liste der begehrenswerten Objekte f\u00fcr seine grenzenlose Libido streichen m\u00fcssen. Aber vielleicht bet\u00f6rt sein Totalverriss eine unserer Leserinnen? &#8211; Wir helfen gerne mit der Telefonnummer unseres notleidenden J\u00fcnglings aus!)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als die 19j\u00e4hrige Julia Lenz nach einer Party zu David, dem ehemaligen Radprofi mit finalem Karriereknick, in den gelben Porsche steigt, ahnt sie noch nicht, dass sie einem Vergewaltiger und Serienm\u00f6rder in die H\u00e4nde gefallen ist, der sie auf seiner Flucht quer durch Europa schleppen wird. Am Ende stehen zwei Aufzeichnungen dieser von Gewalt, Sex und Mord durchzogenen Entf\u00fchrung: ein f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmtes Manuskript und als dunkles Gegenst\u00fcck dazu Julias Tagebuchaufzeichnungen, deren Eintr\u00e4ge jeweils an ihren Entf\u00fchrer gerichtet sind und mit \u201eLieber David\u201c beginnen. Womit wir bei der zentralen Frage w\u00e4ren: ist Julia Lenz Opfer oder Komplizin?<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird schnell beantwortet. Denn was entgegnet unsere Einser-Abiturientin auf die Frage, was sie erwidern w\u00fcrde, w\u00e4re der Mann, zu dem sie gerade ins Auto gestiegen, ein Vergewaltiger und Serienm\u00f6rder? \u201eCool\u201c, sagt sie nat\u00fcrlich. Derart tiefe Einsichten offenbart aber erst der zweite Teil, der nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt ist. Zun\u00e4chst hei\u00dft der \u201eliebe David\u201c noch \u201emein Peiniger\u201c und Julia Lenz f\u00fchlt sich offensichtlich wohl in ihrer Opferrolle, auch wenn sie das Gegenteil beteuert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchrecken\u201c, \u201eHorror\u201c, \u201eLiebe\u201c, \u201eSensation\u201c, \u201eTabubruch\u201c schreit das ganze Buch und ist nichts davon. Im ersten Teil ein hibbeliger Reiseroman f\u00fcr Teens, mit Ausfl\u00fcgen in SM &#8211; Gefilde, aber immer sch\u00f6n dezent auf Bravo-Niveau, ja nicht in die Tiefe gehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Da hat die gebeutelte Heldin Zeit und Mu\u00dfe sich \u00fcber Shakiras \u201eHips don\u2019t lie\u201c seitenlang aufzuregen, Anekd\u00f6tchen aus Julias Schulalltag werden aufgekocht, bevorzugt solche, die ihre mentale Brillanz beweihr\u00e4uchern; selbst alte Nonnenwitze werden ausgegraben und als horrible Kellershow pr\u00e4sentiert:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Pilger findet Aufnahme in einem Kloster. Nachts h\u00f6rt er Gequieke und Kreischen aus dem Klosterhof. Als er das Fenster \u00f6ffnet, sieht er wie sich mehrere Nonnen um ein Fahrrad streiten. In diesem Moment tritt die Oberin in den Hof und herrscht die Nonnen an: \u201eRuhe jetzt, sonst kommt der Sattel wieder drauf!\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im ersten Teil stimmt hinten und vorne nichts. Motivation, Hintergr\u00fcnde? Fehlanzeige. Gut, die \u201eHeldin\u201c ritzt sich ein wenig die Oberschenkel, ist unzufrieden mit ihren getrennt lebenden Eltern und erz\u00e4hlt liebend gern von ihrer besten Freundin Carina und ihrer H\u00fcndin Tinka. Der naive Gestus pubert\u00e4rer Albernheiten, wie sie Dutzende belangloser Schmonzetten anf\u00fcllen. Morde als beil\u00e4ufige Dreingabe, das Grauen wird nicht fass- und nachvollziehbar, da die Hohlheit der Erz\u00e4hlerin keine Sympathie zul\u00e4sst und den Opfern jegliches Mitleid versagt bleibt. Nicht zu vergessen die obligatorische, halbherzige Medienschelte (wie soll die auch provokant werden, wenn sich \u201eBILD\u201c das Buch bereits als Preis f\u00fcr ein Ausschreiben erkoren hat?). Die zur Ver\u00f6ffentlichung bestimmte Abhandlung \u201eSchwarzer_Sommer.doc\u201c bleibt eine Aneinanderreihung von Plattit\u00fcden, miesen Witzen und unausgegorenen Betrachtungen einer schlecht gelaunten Streberin, die das Blinken von Oberfl\u00e4chenreizen f\u00fcr den Stern von Bethlehem h\u00e4lt. Liest sich bestenfalls wie eine miserable Parodie auf Bret Easton Ellis\u2019 \u201eAmerican Psycho\u201c. Missverstanden. Thema verfehlt. 6, setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch der zweite, intime und offenherzigere Teil \u201eDavid.doc\u201c gibt nicht viel her, au\u00dfer dass das Abschlachten seine graphischen Details bekommt, und der Killer einen Namen, sowie eine rudiment\u00e4re Biographie. Zum Psychogramm reicht\u2019s bei weitem nicht, denn der umtriebige Wirrkopf bleibt eine farblose Fiktion: ein mittelm\u00e4\u00dfiger Radprofi, der verletzungsbedingt sein Fahrrad an den Nagel h\u00e4ngen musste. Das macht ihn angeblich w\u00fctend, so w\u00fctend, dass er junge Frauen foltern, vergewaltigen und t\u00f6ten muss. Doch au\u00dfer dem b\u00f6sen \u201eF\u2026\u201c Wort, das Julia erst im zweiten Teil ausschreibt, hat er wenig tiefgr\u00fcndiges auf Lager. Das er seine Begleiterin als \u201eKitsch- und Abifotze\u201c bezeichnet, zeugt zum einen von mangelnder Phantasie, zum anderen stellt sich die Frage, warum er sich querbeet vom zugedr\u00f6hnten Hippiem\u00e4dchen bis zur keuschen Novizin mordet, aber die nervendste G\u00f6re von allen unbeschadet davonkommen l\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Julia und ihrem Entf\u00fchrer gibt es keinerlei Begr\u00fcndung, kein \u201eStockholm-Syndrom\u201c, die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren bleibt statisch, die behauptete Obsession zweier Witzfiguren reicht nie \u00fcber das \u201ecool\u201c hinaus, das die intimen Aufzeichnungen einleitet. Das Perfide am B\u00f6sen ist oft die scheinbare Banalit\u00e4t, hinter der es sich verbirgt; der \u201eM\u00e4dchenm\u00f6rder\u201c erliegt dem Fehlschluss, dass die Umkehrung auch funktioniert. Diesmal nicht. Denn die Flachheit der Figuren weist nur auf sie selbst zur\u00fcck, begleitet sie gelangweilt auf ihrem Trip, durch eine Fassadenwelt der ewigen Behauptungen und Verleumdungen, die Dorn mit Tiefe zu f\u00fcllen versucht, indem sie ihren Protagonisten selbstreflektierende Referenzen an die Hand gibt. Da wird \u00fcber reale Serienm\u00f6rder, insbesondere Marc Dutroux, r\u00e4soniert, die schulischen Amokl\u00e4ufe von Erfurt und Emsdetten finden ihren bezuglosen Eintrag und das oben bereits erw\u00e4hnte \u201eStockholm-Syndrom\u201c wird mehrfach angef\u00fchrt, damit auch der unbedarfteste Leser mitbekommt, wie und wohin der Hase laufen soll. Doch der l\u00e4uft leider gar nicht. Er steht still. Vor Barbies pinkfarbener Luxusvilla, in der Ken bedrohlich die Kettens\u00e4ge schwingt, aber nicht mal die Plastikblumen im Vorgarten zers\u00e4gt bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>SPOILERWARNUNG (muss man so machen, damit das wahnsinnig spannende Finale nach dem Finale nicht zu dem Blindg\u00e4nger mutiert, der es ist.)!!! Zu allem \u00dcberfluss existiert auch noch ein Epilog, in dem Holly Spring (vastehste? Was hei\u00dft Lenz auf Englisch? Jenau! Und dann noch \u201eHolly\u201c. Heiliger Wald, \u00e4h, Fr\u00fchling! Cool. Witzig. Gezz wei\u00dfte auch, warum Mutti auffe Flucht imma am Kotzen war.) in der mittleren Zukunft die Hinterlassenschaften ihrer Mutter entdeckt. Und entsetzt kapiert, warum M\u00fctterlein die Leidenschaft der f\u00fcnffachen Tour De France Gewinnerin f\u00fcr\u2019s Radfahren nicht teilen konnte. WOW. Obwohl, vielleicht w\u00e4re das der Ansatz gewesen, der aus dem \u201eM\u00e4dchenm\u00f6rder\u201c lesenswerte Literatur h\u00e4tte zaubern k\u00f6nnen. Vielleicht auch nicht. Eine Frau. F\u00fcnffache Tour de France Gewinnerin. Science Fiction. Definitiv kein Krimi. Parodie???<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Ein H\u00f6hepunkt der abstrusen Albernheit, die das ganze Buch durchzieht, findet sich gegen Ende von Part 2: in einem Cameo-Auftritt stilisiert Dorn sich selbst zum M\u00f6chtegern-Opfer hoch. Lediglich ihr Alter lie\u00dfe sie aus Davids Beuteschema fallen, stellt die erz\u00e4hlende, blutgeile Teenagequeen Julia beil\u00e4ufig fest, bevor unsere \u201eReiseschriftstellerin\u201c mit ihrem Berliner Auto entschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>PPS.: W\u00e4re ich Natascha Kampusch, w\u00fcrde ich alle Rezensenten, die meinen Namen in Bezug zu Julia Lenz setzen, wegen \u00fcbler Nachrede verklagen. Das zumindest hat die Autorin erreicht: blind wird \u00fcber einen Kamm geschoren, was nicht zu vereinbaren ist. Welche gnadenlose Unbedarftheit ma\u00dft sich da ein Urteil \u00fcber eine reale Person anhand einer klischeetriefenden Fiktion an? Wenn es Dorns Absicht war, zu zeigen, wie leichtgl\u00e4ubig der letzte mediale Mist als Abbild der Realit\u00e4t aufgesogen wird \u2013 dieses Ziel hat sie m\u00fchelos erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen K\u00f6nig<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thea Dorn: M\u00e4dchenm\u00f6rder \u2013 Ein Liebesroman. \nMannhattan 2008. 336 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Unser Azubi Jochen mag die Frauen. Aber m\u00f6gen die Frauen unseren Azubi Jochen? Wir hegen starke Zweifel. Frau Thea Dorn jedenfalls wird unser liebestrunkener Lehrling endg\u00fcltig von der Liste der begehrenswerten Objekte f\u00fcr seine grenzenlose Libido streichen m\u00fcssen. 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