{"id":21019,"date":"2008-04-24T07:28:10","date_gmt":"2008-04-24T07:28:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/gisa-kloenne-nacht-ohne-schatten\/"},"modified":"2022-06-07T19:00:49","modified_gmt":"2022-06-07T17:00:49","slug":"gisa-kloenne-nacht-ohne-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/gisa-kloenne-nacht-ohne-schatten\/","title":{"rendered":"Gisa Kl\u00f6nne: Nacht ohne Schatten"},"content":{"rendered":"\n<p>Gewalt gegen Frauen. Zwangsprostitution. Benachteiligung im Beruf. Das klingt alles stark nach \u201eFrauenthemen\u201c, klingt aber nur so. Die Gewalt wird von M\u00e4nnern ausge\u00fcbt, die sexuellen Dienstleistungen werden von M\u00e4nnern gekauft, benachteiligt wird zu Gunsten von M\u00e4nnern. Es sind also allgemein wichtige Themen und ihr Platz in einer Kriminalliteratur, die auch Realit\u00e4ten reflektiert, ist ein legitimer. Theoretisch. Praktisch jedoch hat Gisa Kl\u00f6nne in \u201eNacht ohne Schatten\u201c weder Realit\u00e4ten reflektiert noch einen passablen Kriminalroman geschrieben. Das Ergebnis ist, hier wie dort, verheerend.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Krimi. Ein S-Bahnfahrer wird erstochen. Kurz darauf brennt unweit des Tatorts eine Pizzeria ab, der Besitzer ans Bett gefesselt und tot, im Keller eine schwerverletzte, ins Koma gefallene junge Frau, alles spricht daf\u00fcr, dass sie als \u201eSexsklavin\u201c gehalten wurde. Kommissarin Judith Krieger und ihre Mitarbeiter machen sich an die Ermittlungsarbeit. Eine benachbarte \u201eKunstfabrik\u201c ger\u00e4t mitsamt einiger ihrer Bewohner ins Visier, eine geheimnisvolle Frau, offensichtlich von ihrem Ehemann gewohnheitsm\u00e4\u00dfig misshandelt, kommt ins Spiel, eine K\u00fcnstlerin, die fr\u00fcher als Callgirl t\u00e4tig war, ist verschwunden. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das alles ist nicht wichtig. Das oben so genannte \u201eErmitteln\u201c erweist sich als Pfusch. Die offensichtlich von Profihand veranstaltete Brandstiftung mit eingearbeitetem Mord wird nicht weiter verfolgt, man befragt weder Angestellte noch G\u00e4ste noch Nachbarn, wie es eigentlich sein sollte, wenn man hinter der Fassade eines Restaurants auch noch einen Puff vermutet. Stattdessen stiefelt man h\u00f6chst dilettantisch durchs K\u00f6lner Rotlichtmilieu, ein jeder auf eigene Faust, Kommunikation findet, wenn \u00fcberhaupt, in einer Atmosph\u00e4re der Geringsch\u00e4tzung anderer Ansichten statt, die Ergebnisse sind zuf\u00e4llig oder sicht- und h\u00f6rbar mit dem Hammer in die Story genagelt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich erweist sich am Ende der Tod des S-Bahnfahrers, das angebliche Motiv des T\u00e4ters ist derart haneb\u00fcchen, dass man die Passage zweimal liest, um \u00fcberhaupt glauben zu k\u00f6nnen, dass man liest, was man da liest. Es macht die Sache leider auch nicht besser. Furchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, wie gesagt, das alles ist \u00fcberhaupt nicht wichtig. Gisa Kl\u00f6nne geht es um Grunds\u00e4tzlicheres, das Krimigenre dient lediglich als Klammer, die das eigentliche Anliegen der Autorin zusammenh\u00e4lt, die Darstellung von Gewalt gegen Frauen in allen Formen. Dabei st\u00f6rt noch nicht einmal so sehr, dass nahezu alle Beteiligten in diesem Buch schon einmal Opfer oder Zeugen dieser Gewalt wurden. Nichts dagegen einzuwenden, ein Thema zu komprimieren, um es in seiner ganzen Natur zu zeichnen, meinetwegen auch zu \u00fcberzeichnen. Doch genau das macht Gisa Kl\u00f6nne eben nicht. Sie entwirft kein differenziertes Bild, sondern variiert ein paar altbekannte Fakten und Thesen, vorz\u00fcglich der Protagonistin Krieger in den Mund gelegt, aus dem sie dann papieren und dogmatisch wie bei einem obligatorischen Diskussionsabend im Frauenbegegnungszentrum entfleuchen. Mit manchmal geradezu grausligen Analyseans\u00e4tzen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201e(&#8230;) und so weibliches Selbstbewusstsein wie eh und je als Resultat der erfolgreichen Erf\u00fcllung m\u00e4nnlicher W\u00fcnsche definiert. W\u00fcnsche, die seit der sogenannten sexuellen Revolution der 68er, der Erfindung der Antibabypille und erst recht mit der Legalisierung von Prostitution in Deutschland immer massiver von pornografischen Bildern bestimmt werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ersch\u00fctternd, wie hier alle m\u00f6glichen Schlagw\u00f6rter zu einer irrwitzigen Kausalkette gekn\u00fcpft, mit welcher Nonchalance dadurch Menschen (M\u00e4nner wie Frauen) denunziert werden, und es verwundert nicht, wenn 80 Seiten vorher Frauen, die eine andere Meinung zu Pornografie und Prostitution zu haben sich erdreisten, als \u201eKollaborateurinnen\u201c der \u00c4chtung anheimfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gut; all das habe ich als Leser, wenn auch mit hochgezogenen Augenbrauen und gleichzeitig zunehmender Schl\u00e4frigkeit, akzeptiert. Selbst die russische Rechtsmedizinerin, mit der Kl\u00f6nne ihr Panoptikum v\u00f6llig beliebig um Stalinismus und Schamanismus erweitert, habe ich hingenommen \u2013 in der Hoffnung, dass wenigstens der Kriminalfall selbst einigerma\u00dfen vern\u00fcnftig zu Ende gef\u00fchrt wird. Jedoch, siehe oben, der entwickelt sich zu einem v\u00f6lligen Desaster, zur schlampigen Pflicht\u00fcbung aller Beteiligten, Kl\u00f6nne inklusive, einzig und allein Transportmittel f\u00fcr die Botschaften der Autorin (und es SIND Botschaften der Autorin, nicht der Figuren!), die in einem Sachbuch besser aufgehoben gewesen w\u00e4ren, doch aber nicht das Publikum gefunden h\u00e4tten, das sich die Autorin scheinbar gew\u00fcnscht hat. Nur: Ein Krimi ist ein Krimi. Und ein v\u00f6llig uninspiriert in Szene gesetzter Krimi ist ein schlechter Krimi. Da h\u00e4tte auch eine differenziertere Behandlung des Themas nichts verbessert.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gisa Kl\u00f6nne: Nacht ohne Schatten. <br \/>Ullstein 2008. 368 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewalt gegen Frauen. Zwangsprostitution. Benachteiligung im Beruf. Das klingt alles stark nach \u201eFrauenthemen\u201c, klingt aber nur so. Die Gewalt wird von M\u00e4nnern ausge\u00fcbt, die sexuellen Dienstleistungen werden von M\u00e4nnern gekauft, benachteiligt wird zu Gunsten von M\u00e4nnern. Es sind also allgemein wichtige Themen und ihr Platz in einer Kriminalliteratur, die auch Realit\u00e4ten reflektiert, ist ein legitimer. 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