{"id":21021,"date":"2012-04-10T07:35:59","date_gmt":"2012-04-10T07:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/induktion-deduktion\/"},"modified":"2022-06-08T05:09:11","modified_gmt":"2022-06-08T03:09:11","slug":"induktion-deduktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/induktion-deduktion\/","title":{"rendered":"Induktion, Deduktion"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"190\" height=\"286\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/rohmkiller.jpg\" alt=\"rohmkiller.jpg\"\/>Keine Rezension. Nicht dass mich Guido Rohms &#8222;Die Sorgen der Killer&#8220; sprachlos gemacht h\u00e4tte. Das schafft nur das unterirdisch Schlechte, das Schriftstehlerische, das also, dem das fehlt, was Rohms 13 Erz\u00e4hlungen allemal bieten: die Pr\u00e4gnanz der S\u00e4tze, die Unmittelbarkeit, mit der das Ungeheuerliche neben dem beil\u00e4ufig Allt\u00e4glichen erz\u00e4hlt wird, das gut gef\u00fcllte stilistische Arsenal des Autors, das es ihm auch erlaubt, eine Geschichte in einem einzigen, seitenlangen Satz zu erz\u00e4hlen, ohne dass der innere Geschmackstaxameter auf &#8222;Manierismus!&#8220; pegelt. All das steckt in den Erz\u00e4hlungen wie zuvor schon in den Romanen Guido Rohms, auch Humor, der nicht zum Lachen ist und das Tragische, das nat\u00fcrlich zum Lachen ist. Nennen wir das ruhig einmal die Dialektik des Seins, gar nicht philosophisch, einfach nur beobachtend, in W\u00f6rter kondensiert, aufgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nein, noch einmal: keine Rezension. F\u00fcr wen? F\u00fcr diejenigen, die das gleiche Brandzeichen tragen, den g\u00e4hnenden Mund als Protest gegen das Uniforme der Kriminalliteratur, das Antlitz des gelangweilten Lesers, die Liebhaber der ewig gleichen Spannungsbegattung&#8230; und f\u00fcr die anderen, die den g\u00e4hnenden Mund nicht in der Haut sp\u00fcren, diejenigen, die ihn besitzen? Keine Chance. Selbst wenn ich mit g\u00f6ttlichen Zungen reden k\u00f6nnte, es w\u00fcrde mir nicht gelingen, hoffnungslos. So tragen wir weiter das Brandzeichen der anderen, nur um nie zu vergessen, dass wir nicht dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, desto klarer wird mir: Es gibt zwei Kriminalliteraturen, grob gesprochen. Zwischen ihnen verl\u00e4uft eine rote Linie, die nur von wenigen \u00fcberschritten wird. Ich nenne sie die Induktions-Deduktions-Grenze. Die Deduktionisten wissen, dass alle Menschen sterblich sind und schlie\u00dfen daraus, dass auch sie der Tod ereilen wird. Sie m\u00f6chten nicht \u00fcberrascht werden, sie bleiben auf der sicheren Seite. Die Induktionisten sehen, wie ein Mensch stirbt und schlie\u00dfen daraus, dass alle Menschen sterben. Und das \u00fcberrascht sie selbst am meisten. Die Deduktionisten irren nie, die Induktionisten k\u00f6nnen immer irren. Diese sind die waghalsigen, jene die vorsichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer induziert, ist niemals fertig. Sobald ein Mensch stirbt, muss sich der Induktionist entscheiden, ob dies der Beweis f\u00fcr die allgemeine Sterblichkeit des Menschen sei oder nur die Ausnahme von der Regel. Die Deduktionisten der Kriminalliteratur formulieren ihre Texte als das Besondere aus dem Allgemeinen der Genregesetze, die ihnen auf Ton-Bild-Schrifttafeln vom kritischen Berg Sinai des Medialen zugeworfen werden. Die Induktionisten schreiben zuerst einen Text und bestimmen dann die Naturgesetze, denen er verpflichtet ist. Mit jedem neuen Buch versinkt die Physik der alten Welt und eine neue Welt entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dreizehnmal erschreibt Guido Rohm die Welt. Dreizehnmal kommt der Tod und dreizehnmal stellt sich der Autor die Frage, was der Tod bedeutet und dreizehnmal liefert er Antworten, die allesamt das Scheitern in sich bergen. Literatur, die nicht scheitern kann: Literatur, die ein Naturgesetz abnickt: Literatur, die postuliert, der Himmel sei blau, also k\u00f6nne es nicht regnen: Literatur, die so ist: ist keine Literatur. Guido Rohm schreibt keine Literatur, die keine Literatur ist.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Rezension. Nicht dass mich Guido Rohms &#8222;Die Sorgen der Killer&#8220; sprachlos gemacht h\u00e4tte. 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