{"id":21022,"date":"2008-04-25T07:41:19","date_gmt":"2008-04-25T07:41:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/im-reich-der-mitte\/"},"modified":"2022-06-06T22:44:57","modified_gmt":"2022-06-06T20:44:57","slug":"im-reich-der-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/im-reich-der-mitte\/","title":{"rendered":"Im Reich der Mitte"},"content":{"rendered":"\n<p>Via \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimiblog.de\/990\/tagessatz-die-verlorene-mitte.html\">Krimiblog.de<\/a> erreichte uns am Mittwoch ein kleiner Vorgeschmack auf die Apokalypse. \u201eDie Buchkultur\u201c, diagnostizierte Grafit-Verleger Dr. Rutger Boo\u00df zum \u201eTag des Buches\u201c in der Westfalenpost, \u201ewird bedroht von der unglaublichen Vielzahl \u00fcberfl\u00fcssiger B\u00fccher, die sich gut verkaufen.\u201c Ei, wie das denn? Bisher sind wir davon ausgegangen, es sei gerade der aus solchen B\u00fcchern gezogene Profit, der es Verlagen erlaube, auch weniger G\u00e4ngiges im Programm zu halten. Gleichwohl leuchtet des Verlegers Lamento auf den ersten Blick ein: G\u00e4be es weniger \u00fcberfl\u00fcssige B\u00fccher, die sich gut verkaufen, g\u00e4be es vielleicht mehr in ihrer Existenz legitimere B\u00fccher, die der freundlichen B\u00fcchh\u00e4ndlerin aus den H\u00e4nden gerissen werden. Vielleicht, na ja. Eher nicht, sagt mir mein hoffentlich noch halbwegs gesunder Menschenverstand, es sei denn, es gel\u00e4nge uns, Charlotte-Link-Leser zu Fred-Vargas-Lesern und Stieg-Larsson-Besoffene zu James-Sallis-Afficionados umzuschulen. Haare kann man inzwischen einpflanzen; Gehirnzellen meines Wissens noch nicht. Also vergessen wir das schnell wieder.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und was ist eigentlich \u201e\u00fcberfl\u00fcssig\u201c? Und sind es nicht die Verleger, die f\u00fcr solchen \u00dcberfluss sorgen? \u2013 Viele Fragen. Aber eins ist wohl richtig: Kriminalliterarisch leben wir in einer Zweiklassengesellschaft. \u201eEin Buch krebst vor sich hin oder wird ein Bestseller, aber dazwischen gibt es nicht mehr viel.\u201c, wei\u00df Dr. Boo\u00df. Die Mitte fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitte? N\u00e4chste Frage: Wo ist die eigentlich? Dort, wo der Verleger aufatmend vom Rot- zum Schwarzstift wechseln kann. Okay, das ist die eine Mitte. Eine andere w\u00e4re die der AutorInnen. Deren Mitte befindet sich dort, wo sie von den Ertr\u00e4gen ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Muss ja nicht in Saus und Braus sein. Spielen wir das mal kurz (wieder einmal) durch. Jemand schreibt einen Krimi und braucht, alles in allem, ein Jahr daf\u00fcr. Manchmal geht es schneller, manchmal langsamer, aber ein Jahr ist schon realistisch, wenn man \u201eArbeit\u201c nicht nur auf den Vorgang des Schreibens reduziert, sondern auch ber\u00fccksichtigt, dass eine Idee gefunden und ausgebaut, ein Handlungs- und Spannungsger\u00fcst erstellt, eine ad\u00e4quate Sprache erprobt, recherchiert werden muss, korrigiert etc&#8230; Sch\u00e4tzen wir den Umfang dieser Arbeit auf 1500 Stunden, was nun kein ganzes Arbeitsjahr ergibt, aber auch AutorInnen machen mal Pause oder haben schlichtweg keine Lust auf Arbeit, wenn die Sonne scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>1500 Stunden also. Bei einem Stundensatz von \u2013 10 \u20ac. In Worten: Zehn Euro, das liegt haarscharf \u00fcber dem Mindestlohn f\u00fcr Brieftr\u00e4ger. Ergibt die stolze Summe von 15.000 Euro, die, wenn sie denn an Honorar reink\u00e4me, DIE MITTE f\u00fcr uns Autoren sein k\u00f6nnte. Damit kann man keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge machen, gewiss nicht, aber \u2013 und jetzt kommts \u2013 das hat auch niemand vor, denn die wenigsten AutorInnen geraten jemals in die Verlegenheit, 15.000 Euro Honorar f\u00fcr einen Kriminalroman zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das w\u00fcrde bedeuten, mindestens 20.000 Taschenb\u00fccher verkaufen zu m\u00fcssen. 20.000, und das ist noch, wie man so sch\u00f6n sagt, konservativ gerechnet. Wahrscheinlich sind es mehr, und von Hardcover reden wir schon gar nicht. Da kriegt du zwar mehr Honorar pro verkauftem Exemplar, aber du verkaufst halt nicht so viel wie bei Taschenbuchausgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erspare es mir, mich hier mit gesch\u00e4tzten Prozentzahlen, wieviel deutschsprachige Krimiautoren hierzulande 20.000 Exemplare pro Titel absetzen, aus dem Fenster zu lehnen. Eins wei\u00df ich: Es sind nicht viele. Und, mal ganz ehrlich, 15.000 Euro pro Arbeitsjahr sind nicht gerade f\u00fcrstlich, wenn man bedenkt, dass davon Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge abzuf\u00fchren sind und Werbungskosten entstehen etc. Die AutorInnen sind also gen\u00f6tigt, entweder das Schreiben als Feierabendbesch\u00e4ftigung neben der Brotarbeit zu erledigen oder aber zus\u00e4tzliche Einnahmequellen zu finden, zum Beispiel Lesungen, f\u00fcr die es ein paar Hundert Euro gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres mag ja ganz nett klingen. Aber so zahlreich sind diese Gelegenheiten f\u00fcr durchschnittlich bekannte Krimischaffende auch nicht. Au\u00dferdem: Wer geht schon gerne mit seinem alten Krempel auf Tour, wenn ihm l\u00e4ngst das neue Werk im Kopf herumgeistert? \u2013 Bleibt, als K\u00f6nigsweg: die Brotarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl dem, der die M\u00f6glichkeit hat, f\u00fcr Zeitungen und Zeitschriften zu arbeiten (regelm\u00e4\u00dfig, wenns geht), f\u00fcr den Rundfunk, das Fernsehen gar. &#8212; Sind auch nicht gerade raue Mengen. Dem gro\u00dfen Rest bleibt nur der hundsgew\u00f6hnliche Job und die Hoffnung, nach Feierabend nicht zu kaputt zu sein, \u00fcberhaupt noch ein St\u00fcck richtiges oder digitales Papier angucken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal: die Mitte. F\u00fcr viele KollegInnen ein nahezu unerreichbares, au\u00dferirdisches Paradies. Und welcher Teufel hindert uns daran, es zu betreten? \u2013 Genau: der Leser, die Leserin. Die konsumieren das immer gleiche elende Zeug, die wollen sich unterhalten, ebenso flach wie spektakul\u00e4r, ein bisschen Wirklichkeit darf schon dabei sein, aber bitte nur in leicht zu transportierenden Worth\u00fclsen, aber bitte keine Perspektivwechsel, keine Zeitspr\u00fcnge, keine unvollst\u00e4ndigen Norms\u00e4tze, keine Gedanken, die nicht schon l\u00e4ngst im Leserk\u00f6pfchen drin sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder sind am Ende gar nicht die Leser und Leserinnen schuld an der Misere? Krepiert die \u201eBuchkultur\u201c am Gebaren und Gejammer der Verlage, \u201eAnspruchsvolles\u201c verkaufe sich nun mal nicht, man m\u00fcsse also auf den gro\u00dfen Misthaufen weiterhin Mist werfen, der, weil er zu Geld wird, bekanntlich nicht stinkt? Das Anspruchsvolle \u00fcberl\u00e4sst man den Selbstausbeutern, den kleinen Verlagen, deren Problem es ist, dass sie kaum an die Leser, die Leserinnen herankommen und diese nicht an sie, womit wir bei den Buchhandlungen w\u00e4ren, die auch kaum anders lamentieren als die Verlage. Oder liegt etwa auf dem Novit\u00e4tentisch der Buchhandlung Ihres Vertrauens Amir Valles \u201eFreistatt der Schatten\u201c zum Mal-rein-Lesen? &#8212; Tats\u00e4chlich? Dann werden Sie Gl\u00fcckspilz wahrscheinlich auch bald den Jackpot im Lotto knacken; Gratulation vorab.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Via \u2192Krimiblog.de erreichte uns am Mittwoch ein kleiner Vorgeschmack auf die Apokalypse. \u201eDie Buchkultur\u201c, diagnostizierte Grafit-Verleger Dr. Rutger Boo\u00df zum \u201eTag des Buches\u201c in der Westfalenpost, \u201ewird bedroht von der unglaublichen Vielzahl \u00fcberfl\u00fcssiger B\u00fccher, die sich gut verkaufen.\u201c Ei, wie das denn? 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