{"id":21026,"date":"2008-04-28T07:55:02","date_gmt":"2008-04-28T07:55:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/gilbert-adair-blindband\/"},"modified":"2022-06-17T21:45:58","modified_gmt":"2022-06-17T19:45:58","slug":"gilbert-adair-blindband","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/gilbert-adair-blindband\/","title":{"rendered":"Gilbert Adair: Blindband"},"content":{"rendered":"\n<p>Was f\u00fcr ein genial heimt\u00fcckisches St\u00fcck Kriminalliteratur! Was f\u00fcr ein Beleg der These, jedes Werk stehe und falle mit der Wahl der erz\u00e4hlerischen Mittel! Was f\u00fcr eine Widerlegung des Dogmas von den \u201eehernen Gesetzen des Genres\u201c!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Irgend wann muss Gilbert Adair eine Idee gehabt haben; eine, wir werden es noch erfahren, teuflische Idee. Ein fr\u00fcher erfolgloser Schriftsteller hat sich nach einem Autounfall aus der \u00d6ffentlichkeit, ja, aus der Welt zur\u00fcckgezogen. Ihm ist nicht nur sein Augenlicht, ihm sind gleich die Augen selbst abhanden gekommen, auch sonst bietet er einen \u201eh\u00e4sslichen Anblick\u201c, schwerster Brandverletzungen wegen. Dann beschlie\u00dft der Autor, seinen Lebenserinnerungen aufzuschreiben, ausgehend von dieser Blindheit \/ Augenlosigkeit, diese philosophisch durchdringend, auf die Existenz selbst hochrechnend. Was er nun braucht, ist ein Sekret\u00e4r, der ihn mit Informationen \u00fcber die Welt versorgt und einen Computer bedienen kann. Er findet ihn leicht. Nicht sehr helle will uns der Bursche vorkommen, ein wenig devot ist er zudem. Aber Autor und Sekret\u00e4r raufen sich rasch zusammen, die Arbeit kann beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit die Idee. Als n\u00e4chstes d\u00fcrfte sich Adair \u00fcberlegt haben, wie er die Geschichte erz\u00e4hlt. Aus der Ichperspektive eines der beiden Protagonisten? Aus der zentral-distanzierten des Autors? Mit Perspektivwechseln? \u2013 Adair hat all dies verworfen und sich daf\u00fcr entschieden, die Geschichte \u00fcberhaupt nicht zu erz\u00e4hlen. Statt dessen w\u00e4hlt er die Form des Dialogs, wir h\u00f6ren genau das, was der blinde Autor auch h\u00f6rt, von der Welt wahrnimmt. Unterbrochen wird dies nur durch einige Selbstreflexionen, \u201einnere Monologe\u201c, glaubt man.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze ist also ein H\u00f6rspiel ohne Nebenger\u00e4usche, die perfekte konstruktionstechnische Adaption des Szenarios selbst. \u2013 Und nat\u00fcrlich gleich ein Fauxpas. Denn es ist ja kein H\u00f6rspiel, es ist ein ROMAN, dem f\u00fcr gew\u00f6hnlich andere Mittel zur Verf\u00fcgung stehen, aber eines keinesfalls: die direkte Wiedergabe der menschlichen Stimme mit all ihren Tonf\u00e4llen. Das bleibt dem H\u00f6rspiel vorbehalten. Eines jedoch haben Roman und H\u00f6rspiel gemein: Sie zwingen uns zur Bildproduktion. Wir sehen nicht mit den Augen, sondern der Imagination.<\/p>\n\n\n\n<p>Autor und Sekret\u00e4r beginnen also mit der Arbeit \u2013 und dem Leser will scheinen, Adair lege es darauf an, seinem Krimigenreprodukt auch noch den letzten Rest \u201eSpannung\u201c auszutreiben. Der Autor diktiert, der Sekret\u00e4r tippt. Der Autor fordert den Sekret\u00e4r auf, ihm das Geschriebene noch einmal vorzulesen. Der Sekret\u00e4r liest vor. Wir lesen \/ h\u00f6ren mit. So etwas nennt man Redundanz und verabscheut es nicht nur in Krimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und WAS der Autor da diktiert! H\u00f6chst philosophisches Gedankengut ist das, durchaus bedenkenswert, manchmal ein wenig \u00fcberkandidelt. Wollen wir das wirklich lesen? Ist es f\u00fcr die Handlung von Bedeutung? Oh ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was hei\u00dft \u201eHandlung\u201c. Nichts Krimim\u00e4\u00dfiges geschieht zun\u00e4chst, kein Mord, rein gar nichts. Dass irgend etwas \u201enicht stimmt\u201c, ahnen wir wohl. Aber wir \u201esehen\u201c es noch nicht. Das \u00e4ndert sich irgendwann. Der Sekret\u00e4r n\u00e4mlich nimmt es mit seinen Informationen nicht immer so genau. Sp\u00e4testens als er Tony Blair zum Aidskranken macht, betrachten wir das Ganze als Witz, als Satire auf die Naivit\u00e4t der Informationsgesellschaft, die glaubt, rundum und ersch\u00f6pfend mit der faktischen Wahrheit versorgt zu sein, aber doch so blind ist, dass man ihr jedes X f\u00fcr ein U vormachen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzig. Ja. Und dann wird es pl\u00f6tzlich ernst. Dann kriegen wir auch unseren Mord. Etwas ganz anderes ist jedoch wichtiger: die Fallh\u00f6he. Wir st\u00fcrzen aus den H\u00f6hen philosophischer Reflexion ungebremst in den dreckigsten Morast. Und haben gelernt, weder unseren Augen noch unseren Ohren wirklich zu trauen. Denn auch die Geschichte mit dem H\u00f6rspiel ist so ganz rein nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gilbert Adair demonstriert in \u201eBlindband\u201c, wie das so ist mit den Gesetzen. Sie sind keine eindeutige Gebrauchsanweisung, sie wollen interpretiert, ausgelegt werden. Auch im Genre Krimi. Alfred Hitchcock jedenfalls (den Adair ja in \u201eEin stilvoller Mord in Elstree\u201c so herrlich durch den Kakao gezogen hat) h\u00e4tte seine Freude an diesem Buch gehabt \u2013 und wir LeserInnen haben sie garantiert. Denn wer so viel \u201efalsch\u201c macht, muss am Ende vieles richtig gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gilbert Adair: Blindband <br \/>(\u201eA Closed Book\u201c, 1999, deutsch von Thomas Schlachter, deutsche EA 1999). <br \/>239 Seiten. 18,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein genial heimt\u00fcckisches St\u00fcck Kriminalliteratur! Was f\u00fcr ein Beleg der These, jedes Werk stehe und falle mit der Wahl der erz\u00e4hlerischen Mittel! 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