{"id":21028,"date":"2008-04-28T11:17:55","date_gmt":"2008-04-28T11:17:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/rasch-in-ein-vorlaeufiges-fixierbad-getauchte-gedanken\/"},"modified":"2022-06-05T02:03:06","modified_gmt":"2022-06-05T00:03:06","slug":"rasch-in-ein-vorlaeufiges-fixierbad-getauchte-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/04\/rasch-in-ein-vorlaeufiges-fixierbad-getauchte-gedanken\/","title":{"rendered":"Rasch in ein vorl\u00e4ufiges Fixierbad getauchte Gedanken"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Was muss sich dort abgespielt haben \u2026 welcher Schriftsteller \u00fcbernimmt einen Versuch der Darstellung ?<\/em>(Bernd)<\/p>\n\n\n\n<p><em>je l\u00e4nger ich mir das anschaue, um so weniger kann ich glauben, da\u00df die Literatur (oder die Kriminalliteratur) das richtige Medium f\u00fcr dergleichen ist.<\/em> (JL)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hier geht\u2019s \u2192<a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2008\/04\/28\/24-jahre-im-kellerverlies\/\">ums Eingemachte<\/a>. Vierundzwanzig Jahre lang h\u00e4lt ein Mann in \u00d6sterreich seine Tochter im Keller gefangen. Er zeugt mit ihr Kinder, von denen einige ebenfalls in diesem Keller verbleiben m\u00fcssen, andere von \u201eOma und Opa\u201c gro\u00dfgezogen werden. Niemand will etwas davon gewusst haben: die Oma nicht, die Nachbarn nicht, die Beh\u00f6rden nicht. Das ist der Stoff, aus dem man starke Romane schreibt (oder, um Arno Schmidt zu paraphrasieren, starkgeb\u00e4rdige), Gewichtsklasse griechische Trag\u00f6die. Aber zun\u00e4chst ist es nun einmal Stoff; Stoff wie jeder andere, Rohstoff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss gestehen, dass mir, als dieser Fall am Wochenende bekannt wurde, erst einmal zwei recht zynische Gedanken eingefallen sind. Der erste bemitleidete Thea Dorn, die in \u201eM\u00e4dchenm\u00f6rder\u201c das Verh\u00e4ltnis T\u00e4ter \/ Opfer am Beispiel der Entf\u00fchrung einer Gymnasiastin durch einen \u201eserial killer\u201c thematisiert und damit all die Spekulationen des Schicksals von Natascha Kampusch genregerecht inszeniert hat. Jetzt holt sie \u201edie Wirklichkeit\u201c ein. Der neue \u201eFall\u201c ist noch ungeheuerlicher, noch besserer Stoff \u2013 wenn (und das war der zweite zynische Gedanke) wenigstens die inzesti\u00f6se gezeugte neunzehnj\u00e4hrige Tochter eine halbwegs passable mediale Erscheinung abgibt, also h\u00fcbsch, adrett ist und (jetzt steigere ich den Zynismus noch ein wenig) vielleicht auch von ihrem Gro\u00dfvater \/ Vater vergewaltigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich solche Gedanken um einen \u201eStoff\u201c zu machen, ist aber genaugenommen gar nicht zynisch. Es sind die ersten Verarbeitungsversuche einer Darstellung und sie f\u00fchren nat\u00fcrlich voll in die Richtung \u201eKrimi\u201c. Ich entnehme der Wirklichkeit ein paar Fitzelchen Fakta und z\u00fcchte meine Literatur aus ihnen. Wirklichkeit, wie sie unter Laborbedingungen entsteht. Etwas in die Petrischale legen, manipulieren, warten, was sich daraus entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bernds spontanes Verlangen nach wenigstens dem Versuch einer Darstellung ist verst\u00e4ndlich, gibt er doch das wieder, was wir von Literatur erwarten: Sie soll uns das Unfassbare fassbar machen. JLs Replik misstraut dieser Kraft des Wortes \u2013 nicht generell, wage ich zu vermuten, aber doch dort, wo mit \u201eDarstellung\u201c \u201ead\u00e4quate Abbildung\u201c intendiert wird. Und tats\u00e4chlich scheint es nicht m\u00f6glich, qua \u201eAbbildung\u201c Fassbarkeit zu erwarten. Erstens, weil es eine Abbildung von Wirklichkeit im fotografischen Sinne ja nicht gibt \u2013 weder in der Literatur noch anderswo (auch nicht, nebenbei, in der Fotografie selbst, die nicht nur ein Ausschnitt ist, der aus dem Kontext gel\u00f6st wird, sondern obendrein einen Zustand fixiert, den es so niemals \u201ein Wirklichkeit\u201c gibt). Zweitens ist das, was wir literarische Abbildung nennen k\u00f6nnten, schon im Moment des ersten Schritts Inszenierung, Manipulation eines Stoffes in Richtung seiner Fassbarkeit, seiner Beherrschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist jetzt schon zu theoretisch, ich will es praktischer zu erkl\u00e4ren versuchen, gewisserma\u00dfen autobiografisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns hier, noch bevor uns die Nachricht aus \u00d6sterreich zugetragen wurde, um \u201eSpannung\u201c gestritten, um die Dramaturgie also, die einen (Krimi-)Stoff zu transportieren hat. Nun ist die Wirklichkeit selbst (ich nenne sie jetzt mal so; die LeserInnen wissen schon, dass Wirklichkeit etwas h\u00f6chst Eigenes \u2013 und gar nicht Fassbares ist) alles andere als \u201espannend\u201c, wenn man hinter ihr so etwas wie eine Dramaturgie mutma\u00dft. Anders: Wirklichkeit ist ein verdammt schlechter und langweiliger Krimi, und wir ertragen sie nur, weil wir sie best\u00e4ndig in einem \u201eVersuch der Darstellung\u201c interpretieren, beherrschen wollen und,wenn schon keinen Krimi, so doch wenigstens eine soap opera aus ihr machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriminalliteratur nun ist ein solcher Versuch der Darstellung von Wirklichkeit \u2013 nein, schon falsch. Kriminalliteratur ist der Versuch, auf Wirklichkeit hinzuweisen, mit dem eigentlich unlauteren Mittel der Spannung. Wenngleich weit davon entfernt, erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, was Krimi eigentlich sei (es ist n\u00e4mlich so, dass sich mit jeder Definition des Gegenstandes Krimi dieser weiter von einer Definierbarkeit entfernt), habe ich eine f\u00fcr mich (f\u00fcr viele andere nicht) plausible Arbeitshypothese entwickelt, in der \u201eKrimi\u201c mit seiner Notwendigkeit, justitiable Verbrechen zu thematisieren, immer auf \u201edie Wirklichkeit\u201c zur\u00fcckweisen sollte, die durch nicht justitiable Verbrechen als Wirklichkeit \u00fcberhaupt zusammengehalten wird (auch eine Inszenierung). Ein in diesem Sinne idealtypischer Krimi h\u00e4tte also die Aufgabe, uns zu zeigen, dass justitiable Verbrechen als auf Spannung getrillte \u201eF\u00e4lle\u201c zuv\u00f6rderst die Funktion haben sollten, auf die durch Paragraphen des Strafgesetzbuches nicht fassbare, allt\u00e4gliche und dabei Gesellschaft konstituierende Verbrechen hinzuweisen. Sie w\u00e4ren also dramatische Gestalt gewordene Unsichtbarkeit, denn der Clou nicht justitiabler Verbrechen besteht gerade darin, nicht als Verbrechen erkannt zu werden.<br \/>Als ich meinen Kriminalroman \u201eMenschenfreunde\u201c fertig geschrieben hatte, bat mich der Herausgeber der Funny Crimes Reihe, Richard Betzenbichler, um einen kleinen Mehrwert f\u00fcr die hoffentlich zahlreiche Leserschaft, einen Aufsatz. Ich habe auf drei Seiten versucht, die oben genannte Hypothese ein wenig zu explizieren, weil sie auf \u201eMenschenfreunde\u201c durchaus anwendbar ist \u2013 oder doch sein soll. Der kleine Aufsatz hei\u00dft \u201eThe true but not so funny crimes\u201c und wird hier in den n\u00e4chsten Tagen \/ Wochen ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hypothese von den genregeeigneten Verbrechen (was nur ein anderes Wort ist f\u00fcr justitiabel), die uns die Verheerungen aufzeigen sollen, die durch als solche nicht erkannte Verbrechen im Alltag angerichtet werden, hat etwas mit einer anderen Hypothese zu tun, der n\u00e4mlich, dass Kriminalliteratur genau so entstanden ist: als Versuch, das \u201eUnspannende\u201c des Alltags via spannender Stoffbearbeitung aufzuzeigen. Es gibt sogar einen Roman, den ich \u2013 zuf\u00e4lligerweise gerade jetzt, ich sitze n\u00e4mlich am Nachwort \u2013 als Prototyp dieser \u201eGenrewerdung\u201c bezeichnen kann. Einen Roman, in dem genau das zu beobachten ist, wie n\u00e4mlich aus dem verbrecherischen Alltag das krimitaugliche Verbrechen hervorgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Ausgangspunkt, den Ereignissen in \u00d6sterreich. Wir haben hier einen \u201eStoff\u201c, der nicht fassbar ist, aber ein Gutes (ich werde schon wieder zynisch) hat, er ist n\u00e4mlich justitiabel. Vergewaltigung, Inzest, Freiheitsberaubung \u2013 das IST geradezu Krimi, das braucht nicht mehr zu Krimi gemacht zu werden, sieht man einmal von den handwerklichen Dingen ab wie Spannungsaufbau, Figurenzeichnung etc. Hier wird Wirklichkeit nicht etwa zur Literatur \u2013 sie ist es eigentlich schon. Wozu also br\u00e4uchten wir hier die Literatur noch, was k\u00f6nnte sie bewirken? Eines jedenfalls nicht: etwas fassbar zu machen. Aber sie k\u00f6nnte den oben skizzierten Weg, von den justitiablen Verbrechen auf die nicht justitiablen, vom \u201eunerh\u00f6rten Ereignis\u201c auf das Allt\u00e4gliche zu verweisen, gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ansatz: Jemand sitzt 24 Jahre in einem Keller, wird missbraucht, gequ\u00e4lt, ist also f\u00fcr jeden erkennbar Opfer. Das n\u00e4mlich ist es, was das justitiable vom nicht justitiablen Verbrechen unterscheidet: Das letztere kennt nur Opfer, aber keine T\u00e4ter, denn das T\u00e4tersein ist eine Definitionsfrage, eine Rechtsfrage, mithin auch das Privileg von Kriminalliteratur, die ja nicht zuf\u00e4lligerweise dem T\u00e4ter weit mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Opfer (es bleibt ihr auch gar nichts anderes \u00fcbrig, weil Opfer Bestandteil des Allt\u00e4glichen sind, T\u00e4ter aber immer als Sonderf\u00e4lle behandelt werden und Spannung erst konstituieren).<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte sich also dem Opfer zuwenden und es ganz vom T\u00e4ter trennen, was bedeuten w\u00fcrde: Man trennt es vom Genre, man st\u00f6\u00dft es ins Allt\u00e4gliche. Konkret: Es w\u00e4re ein vielleicht fruchtbarer Ansatz, die vierundzwanzig Jahre des Martyriums mit dem krimitauglichen Verbrechen beginnen zu lassen (Vergewaltigung, Freiheitsberaubung etc.) und dann allm\u00e4hlich den Genre zu entrei\u00dfen und die Geschichte in der schieren Allt\u00e4glichkeit eines gew\u00f6hnlichen, so gar nicht von Strafgesetzen fassbaren Lebens ausklingen zu lassen. Am Ende st\u00fcnde also \u2013 die Normalit\u00e4t, eine ganz gew\u00f6hnliche Frau, der man das Leben gestohlen hat, die in ihrem Keller dahinvegetiert \u2013 und dieser Keller k\u00f6nnte alles m\u00f6gliche sein, ein Einfamilienhaus, ein beschissener Job, eine Folge von Abl\u00e4ufen (heiraten, Kinder kriegen, arbeiten, fernsehen, Urlaub machen&#8230;).<\/p>\n\n\n\n<p>Man w\u00fcrde damit einen Stoff aus seinem Stoffsein, seiner Eignung als Grundlage f\u00fcr sinn- und erkl\u00e4rungschaffende Literatur nehmen und auf seinen urspr\u00fcnglichen Zustand zur\u00fcckwerfen. Literatur k\u00f6nnte also erreichen, etwas der Literatur zu entziehen, indem man einem Stoff die Spannung geradezu aussaugt, so lange, bis er derart unspannend ist, dass er wiederum spannend w\u00e4re, nicht mehr krimispannend, aber doch so spannend, dass &#8212; Aber gut; ich schreibe das hier nur mal so hin. Wie das Ergebnis aussehen w\u00fcrde, ist eine ganz andere Frage, und wenn ich jetzt weiter dar\u00fcber nachdenke, muss ich vielleicht feststellen, mich im Kreis zu drehen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was muss sich dort abgespielt haben \u2026 welcher Schriftsteller \u00fcbernimmt einen Versuch der Darstellung ?(Bernd) je l\u00e4nger ich mir das anschaue, um so weniger kann ich glauben, da\u00df die Literatur (oder die Kriminalliteratur) das richtige Medium f\u00fcr dergleichen ist. 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