{"id":21031,"date":"2008-05-01T08:24:43","date_gmt":"2008-05-01T08:24:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/amir-valle-freistatt-der-schatten\/"},"modified":"2022-06-09T23:00:08","modified_gmt":"2022-06-09T21:00:08","slug":"amir-valle-freistatt-der-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/amir-valle-freistatt-der-schatten\/","title":{"rendered":"Amir Valle: Freistatt der Schatten"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eEine Menge Schei\u00dfe\u201c: So beginnt Amir Valles \u201eFreistatt der Schatten\u201c, vierter Teil und vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt seiner Havanna-Krimis. Und es trifft zu: Valles Kuba stinkt; nach Blut und Verwesung, nach Hoffnungs- und Skrupellosigkeit, nach Gier, nach Tod. Und doch ist es Amir Valles Kuba, auch wenn der Autor, dem man nach einem Auslandsaufenthalt die R\u00fcckkehr in seine Heimat verweigert, schon seit Jahren in Berlin lebt. Es ist auch Leonardo Paduras Kuba \u2013 dies nur, weil der Name nat\u00fcrlich fallen muss, wenn man von kubanischer Kriminalliteratur spricht -, und der mag die Schei\u00dfe anders beschreiben, aber so poetisch kann gar nichts sein, dass es den Gestank \u00fcberlagern k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein klassischer Showdown steht am Anfang des Romans. Eine Lagerhalle, in der sich diverses Personal versammelt hat, zwei Parteien, die sich gegenseitig mit Schusswaffen in Schach halten. Patt. Nichts geht mehr und es braucht 300 Seiten, um dieses Stillstehen zu durchbrechen, 300 Seiten, auf denen uns Valle erz\u00e4hlt, wie und warum all diese Personen in die Lagerhalle gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlen. Das stimmt so nicht. Wir h\u00f6ren Stimmen. Stimmen, die zuzuordnen manchmal nicht einfach ist, aber Sinn macht, weil sie nicht nur als Stimmen wichtig sind, sondern als Teile dieses Meers aus Schei\u00dfe, in das uns Valle da wirft. Das Meer spielt die Hauptrolle in \u201eFreistatt der Schatten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Meer trennt Kuba von Florida, die in immer gr\u00f6\u00dferem Elend versinkende Insel vom gelobten Land. \u00dcber das Meer zu gelangen, ist nicht einfach. Vor allem aber: Es kostet Geld. Und wo Geld im Spiel ist, kann das Verbrechen nicht weit sein. Irgend jemand bringt die Fl\u00fcchtlinge auf seine Jacht, 8000 Dollar soll das kosten, Anlandung am Strand von Miami garantiert. Nat\u00fcrlich kommt es anders. Auf offener See werden die Fl\u00fcchtlinge liquidiert, bei Kindern macht man manchmal eine Ausnahme, da sie als Organspender zus\u00e4tzlichen Profit abwerfen k\u00f6nnen. Einige wenige \u00fcberleben die Massaker. Und diese wenigen kommen eines Tages nach Kuba zur\u00fcck, um die Hinterm\u00e4nner der Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Transvestit zum Beispiel, dessen Liebster ermordet wurde; ein junges M\u00e4dchen, das zwar fliehen konnte, doch nur, um in der Dominikanischen Republik als Prostituierte zu landen. Oder dieser Mann, der nicht \u201eich\u201c sagt, sondern \u201ewir\u201c, weil er nicht alleine ist, weil seine Frau und die drei Kinder, die man wie Schei\u00dfe entsorgt hat, immer bei ihm sind. Ihnen zur Seite stehen die Konstanten der Valle\u2019schen Krimis, Kommissar Alain Bec und der alte Exgangster Alex Varga, heute Autorit\u00e4t seines Viertels und immer noch Gangster, aber einer aus Notwendigkeit. Sie jagen also die Verantwortlichen \u2013 denn es sind tats\u00e4chlich zwei, und dass sie Zwillinge sind, macht die Sache kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und alle reden. Perspektivwechsel, wie er berechtigter nicht sein k\u00f6nnte, st\u00e4ndig nuanciert sich das Bild, steigt aus dem uns\u00e4glichen Morast hoch in die Etagen der Skrupellosigkeit, aus dem Deskriptiven (was nichts f\u00fcr schwache Nerven ist) ins Poetische, Anr\u00fchrende. Und je klarer sich das Bild Kubas dabei konturiert, desto unweigerlicher erkennen wir das globale Muster dahinter, weil eben nicht nur zwischen Kuba und den USA Menschen fl\u00fcchten (wobei, dies allen Bedenkentr\u00e4gern ins Stammbuch, die USA mitnichten als Paradies geschildert werden), sondern auch zwischen Afrika und Europa, Asien und Australien etc. Das ist, nun ja, \u201etrue crime\u201c des Alltags, der normale Tsunami eben, leider ohne Fernsehkameras und packende Bilder der Katastrophe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFreistatt der Schatten\u201c ist ein Roman, der uns Wirklichkeit mit gro\u00dfem schriftstellerischem Verm\u00f6gen schildert. Manchmal sperrig, wo es sperrig sein muss, manchmal pointiert, wo man Nadeln braucht, um durch die Speckschicht der Gleichg\u00fcltigkeit zu stechen. Mehr als empfehlenswert also \u2013 Ein Valle wiegt hundert \u201eharte Triller\u201c allemal auf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>*Der Rezensent ist f\u00fcr die Edition K\u00f6ln als Herausgeber t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Amir Valle: Freistatt der Schatten. <br \/>Edition K\u00f6ln 2008. 313 Seiten. 17,90 \u20ac<br \/>(\u201eSantuario de sombras\u201c, 2004, deutsch von Bernhard Straub)<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine Menge Schei\u00dfe\u201c: So beginnt Amir Valles \u201eFreistatt der Schatten\u201c, vierter Teil und vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt seiner Havanna-Krimis. Und es trifft zu: Valles Kuba stinkt; nach Blut und Verwesung, nach Hoffnungs- und Skrupellosigkeit, nach Gier, nach Tod. 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