{"id":21033,"date":"2008-05-05T07:55:35","date_gmt":"2008-05-05T07:55:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/kontraere-zwillinge-eineiige-fremde\/"},"modified":"2022-06-06T23:52:58","modified_gmt":"2022-06-06T21:52:58","slug":"kontraere-zwillinge-eineiige-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/kontraere-zwillinge-eineiige-fremde\/","title":{"rendered":"Kontr\u00e4re Zwillinge, eineiige Fremde"},"content":{"rendered":"\n<p>Vier Monate 2008. Zeit und Gelegenheit, die gelesenen B\u00fccher zwischen Januar und April noch einmal zu begutachten. Aber nicht St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, sondern einzelne St\u00fccke, die nicht zusammen zu geh\u00f6ren scheinen, miteinander in Beziehungen gesetzt. Gegen alle limitierten Ansichten von \u201eGenre\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man kann die Schatten von Vergangenheit und Zukunft mit den Mitteln des Irrealen beschw\u00f6ren wie Michael Niemi es in \u201eDer Mann der starb wie ein Lachs\u201c getan hat \u2013 oder mit den Mitteln des n\u00fcchternen Hinschauens: Amir Valle tut es in \u201eFreistatt der Schatten\u201c. Beides f\u00fchrt zum gleichen Ergebnis, zur Transzendenz, zum Ineinandergleiten von \u00e4u\u00dferen und inneren Wirklichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann geradeaus erz\u00e4hlen wie Laurence Block in \u201eVerluste\u201c oder gnadenlos abschweifend wie Thomas Raab, der seinen Helden Metzger zum zweiten Mal durch dessen eigene Gedankenlabyrinthe schickt und rot sehen l\u00e4sst. Auch hier Verwandtschaften, \u00dcberschneidungen, Seitenwechsel: Blocks Straightness lebt von der Abschweifung ins Banale, Raabs Abschweifungen f\u00fchren geradewegs ins Allt\u00e4gliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann die \u201eGenreregeln\u201c brechen wie Linus Reichlin in \u201eDie Sehnsucht der Atome\u201c oder sie akribisch befolgen wie Jeffery Deaver in \u201eDie Menschenleserin\u201c. Bei Reichlin geschieht der Regelversto\u00df mit Hilfe der Regeln, gegen die versto\u00dfen wird, bei Deaver wird sich so lange an die Regeln gehalten, bis sie obsolet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann einen Kriminalroman als H\u00f6rspiel schreiben wie es Gilbert Adair in \u201eBlindband\u201c beweist. Oder als opulentes, \u00fcberbordendes, bonbonbuntes Kino wie Matt Ruff, \u201eBad Monkeys\u201c. Am Ende schaust du doch in die gleichen traumatisierten K\u00f6pfe der Protagonisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann mit gro\u00dfem Engagement schreiben wie Gisa Kl\u00f6nne (\u201eNacht ohne Schatten\u201c) oder mit eiskaltem Kalk\u00fcl wie Thea Dorn (\u201eM\u00e4dchenm\u00f6rder\u201c): in diese Hose geht beides, wenn die Story l\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann eine Geschichte v\u00f6llig unspektakul\u00e4r entwickeln wie Thomas Cook in &#8222;Das Gift des Zweifels&#8220; oder leichenbepflastert a la Arimasa Osawa in \u201eRache auf chinesisch\u201c. Einmal w\u00e4chst eine ganze Welt aus wenigen Details, einmal schrumpft eine ganze Welt auf wenige Details zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann unter dem Grauen in Mordechai Richlers \u201eCocksure\u201c mit sehr viel Witz begraben werden oder sich das Grauen von Frank G\u00f6hre in \u201eMo\u201c in winzigen Dosen injizieren. Das machtkeinen gro\u00dfen Unterschied, nur den, dass es eben v\u00f6llig anders ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so soll es sein: Die Kriminalliteratur verf\u00fcgt \u00fcber ein grenzenloses Arsenal von Werkzeugen und Methoden. Sie darf alles machen wie sie will, sogar ihre Spannung neu erfinden. Manchmal muss sie nichts aufkl\u00e4ren, manchmal das aufkl\u00e4ren, was schon klar zu sein scheint, manchmal darf sie karg sein, manchmal opulent, manchmal bringt sie uns zum Lachen, manchmal fr\u00f6stelt uns, manchmal werden wir atemlos, manchmal hyperventilieren wir, manchmal ignorieren wir das Rattern von Maschinengewehren, manchmal treibt uns das Verplatzen eines Wassertropfens zum Wahnsinn, manchmal fordern wir Recht, manchmal das Unrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und vielleicht sollten wir mit jedem neuen St\u00fcck Kriminalliteratur, das wir lesen, vergessen, dass es ein Genre gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Monate 2008. 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