{"id":21038,"date":"2008-05-09T07:23:38","date_gmt":"2008-05-09T07:23:38","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/der-moerder-mit-den-drei-gesichtern\/"},"modified":"2022-06-06T21:28:10","modified_gmt":"2022-06-06T19:28:10","slug":"der-moerder-mit-den-drei-gesichtern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/der-moerder-mit-den-drei-gesichtern\/","title":{"rendered":"Der M\u00f6rder mit den drei Gesichtern"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/ratekrimi.jpg\" alt=\"ratekrimi.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Kurz-Rate-Krimi erlebt eine bemerkenswerte Renaissance. Mit jenem suspense gesegnet, den Patricia Highsmith einst als \u201efucking thrilly\u201c literarisch adelte, ist er l\u00e4ngst zum unterhaltsamen Kuckucksei geworden, das uns in geb\u00fcndelter Form den politisch-sozialen Status Quo abbildet, \u00fcber die Abgr\u00fcnde der Seele informiert und \u2013 als von Medizinern empfohlenes Training gegen die Alzheimer-Erkrankung \u2013 zugleich unser Deduktionsverm\u00f6gen herausfordert. Der Kurz-Rate-Krimi hat hinsichtlich seines volksaufkl\u00e4rerischen Gehalts l\u00e4ngst die \u201eSendung mit der Maus\u201c als wichtigstes Informationsmedium des deutschen Durchschnittsb\u00fcrgers distanziert. Auch in unserem heutigen Kurz-Rate-Krimi, wie immer von Kurz-Rate-Krimi-Papst Dale Patrick Rutherford verfasst, geht es um Wissenswertes und Essentielles, um das Grauen des Alltags und die Allt\u00e4glichkeit des Unfassbaren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Madeleine Lustig schaute zufrieden auf ihre Armbanduhr. Es war jetzt 18 Uhr 50, ein herrlich sonniger Dienstag; sp\u00e4testens zwanzig nach sieben w\u00e4re der Fall hier abgeschlossen und einem \u2013 zun\u00e4chst kulinarischen \u2013 Am\u00fcsement mit Kriminalrat Fred G\u00e4rtner st\u00fcnde nichts mehr im Wege. Denn \u201edas hier\u201c, wie es die Lustig nannte, war der eindeutigste Mord ihrer noch jungen Beamtenlaufbahn. In einem breiten Pl\u00fcschsessel hockte Dr. Meinrad Barenberg, Direktor der Sigmund-Freud-Grundschule, leicht gekr\u00fcmmt und mit offenem, staunendem Blick, was angesichts der Tatsache, dass ein Messer im ansehnlichen Bauch des Akademikers stak, nicht \u00fcberraschte. Die Tat war vor der Augen einer gehobenen Gesellschaft aus lauter St\u00fctzen derselben geschehen, welche hier, in einer der exklusivsten Villen des Seeviertels, ihren Five-o\u2019clock-Tea zu sich nahmen und \u00fcber Gott, die Welt sowie deren effiziente Ausbeutung redeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der T\u00e4ter hockte, jetzt von zwei Wachtmeistern flankiert, auch schon abf\u00fchrfertig am Tisch. Die Lustig n\u00e4herte sich ihm interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Tathergang hatte sie sich durch die Aussage des Hausm\u00e4dchens instruieren lassen. Ihrzufolge war mitten im traditionellen Five-o\u2019clock-Tea des \u201eFreundeskreises der lithiumverarbeitenden Industrie\u201c ein Fremder am Dienstboteneingang erschienen, habe zuerst sehr devot und unsicher gewirkt, dann aber das Hausm\u00e4dchen, welches auf den sch\u00f6nen Namen Emma h\u00f6rte, mit den Worten \u201eVerpiss dich, du Domestikenschlampe!\u201c aus dem Weg ger\u00e4umt, sei ins Teezimmer gepoltert, pl\u00f6tzlich ein Messer in der Hand \u2013 und das habe sich schlie\u00dflich t\u00f6dlich im Hausherrn, dem Hern Doktor Barenberg, befunden, von dem Manne mit einem z\u00fcnftigen und sehr mordlustigen \u201eJetzt geh\u00f6rt die Weltherrschaft mir, du dreckiger polygamer Lump!\u201c dort zielsicher appliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie hei\u00dfen Sie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGerd Bunse. Paul Wirsch. Gunther von der Hitzelburg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Madeleine Lustig verschlug es die Sprache. Dann wurde sie \u00e4rgerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHallo? EINEN Namen, bitte! Dass Sie Herrn Doktor Barenburg heimt\u00fcckisch vor Zeugen ermordet haben, werden Sie aber doch wohl gestehen!?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Ja. Nein\u201c antworteten Bunse \/ Wirsch \/ von der Hitzelburg in nicht festzulegender Reihenfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTotal meschugge\u201c, murmelte Kriminalassistent Fritz Wiegler, doch bevor die Lustig dies zu best\u00e4tigen in der Lage war, betraten zwei M\u00e4nner und eine Frau, alle in legerer F\u00fcnfuhrtee-Garderobe, das Wohnzimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntschuldigung\u201c, begann der \u00c4lteste des Trios, ein schlanker H\u00fcne mit Spitzbart und Elvistolle, \u201eaber wir m\u00fcssen das merkw\u00fcrdige Verhalten des Herrn wohl erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer sind denn SIE?\u201c fragte die Lustig mit einer gewissen akustischen Sch\u00e4rfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sprecher verbeugte sich leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas hier \u2013\u201c er wies mit eleganter Handbewegung auf die Frau, eine eher unscheinbare, dabei nicht g\u00e4nzlich von einer gewissen Apartheit entfernte Br\u00fcnette \u2013 \u201eist Frau Doktor Krimhild Grimm, Psychiaterin. Daneben Herr Professor Willibrord Aschinger, ebenfalls Psychiater. Und meine Wenigkeit nat\u00fcrlich, gestatten: Ludwig Hirn, ich bin \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e- Psychiater\u201c, erg\u00e4nzte die Lustig, und der Psychiater nickte distinguiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErz\u00e4hlen Sie mir aber bitte nicht, gn\u00e4dige Frau, Sie h\u00e4tten mich an meinem Namen identifiziert\u201c, l\u00e4chelte Hirn, \u201eDer Witz verfolgt mich seit dem Physikum.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd \u2013 dieser Herr&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230; ist unser Patient\u201c, meldete sich nun Aschinger zu Wort, ein mit stechenden Augen begabter, schmalschultriger Mittvierziger.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230; UNSER Patient? Wie darf ich das verstehen? Unterhalten Sie eine Gemeinschaftspraxis?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein\u201c, fl\u00fcsterte Frau Dr. Grimm, \u201edieser Herr, der aus f\u00fcr uns unerfindlichen Gr\u00fcnden den lieben Doktor Barenburg \u2013 vor unser aller Augen! \u2013 erstach, ist eine multiple Pers\u00f6nlichkeit, also, um es f\u00fcr Laien verst\u00e4ndlich zu machen, er ist eigentlich DREI Herren: Bunse, Wirsch und von der Hitzelburg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch verstehe trotzdem nicht, was&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist doch ganz einfach\u201c, viel Hirn der Kommissarin ins Wort. \u201eDrei Pers\u00f6nlichkeiten \u2013 drei Psychiater. Die Kollegin Grimm behandelt jeden Montag die mittelschwere, auf diversen Minderwertigkeitskomplexen beruhende Psychose des Gerd Bunse. Kollege Aschinger ist mittwochs f\u00fcr die Allmachtsphantasien des notorischen Bettn\u00e4ssers und Proletariers Wirsch zust\u00e4ndig und meine Wenigkeit widmet sich an allen Freitagen den inzuchtbedingten hysterischen Anf\u00e4llen des Ritters von der Hitzelburg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas hei\u00dft&#8230;\u201c, folgerte die Lustig und musste kichern, \u201eSie kassieren dreimal Honorar von EINEM Patienten? \u2013 Und das macht die Krankenkasse mit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich ist der Herr Privatpatient!\u201c stellte Professor Aschinger mit gereizter Stimme richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann wissen Sie auch, warum Herr Bunse respektive Herr Wirsch respektive Herr \u00e4h&#8230; Ritter von der Hitzelburg pl\u00f6tzlich mit einem Messer in ihre Teestunde platzt und das Opfer hier absticht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei Mediziner schwiegen betroffen und Kommissarin Lustig wandte sich seufzend dem T\u00e4ter zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso \u2013 wer von Ihnen drei hat warum gemordet? Klare Ansage!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bunse-Wirsch-von der Hitzelburg gr\u00fcbelte angestrengt und sichtbar. Dann sprach eine ordin\u00e4re, gewaltige Stimme:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wars! Die Sau musste abgestochen werden! Stand im Weg! Hat man mir gesagt! Jetzt wird alles gut!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr ist unzurechnungsf\u00e4hig!\u201c sagte nun das Trio unisono und Hirn f\u00fcgte hinzu: \u201eEin bedauerlicher Exzess, v\u00f6llig grundlos. Der Mann \u2013 \u00e4h, die M\u00e4nner geh\u00f6ren in sofortige psychiatrische Behandlung. \u2013 Wir stehen selbstverst\u00e4ndlich zur Verf\u00fcgung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder schaute die Lustig zufrieden auf ihre Armbanduhr. Es war zwanzig nach sieben. Die drei Psychiater hatten sich unbedreht und standen im Begriff, den Raum zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht so schnell!\u201c rief ihnen Madeleine Lustig nach. \u201eNur zwei verlassen dieses Zimmer als freie Menschen \u2013 die dritte Person wird wegen Anstiftung zum Mord festgenommen! Das Motiv wird sich schon noch finden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wer war\u2019s? Und wie ist La Lustig drauf gekommen? Am Montag gibt es die L\u00f6sung! Wer err\u00e4t&#8217;s schon vorher? Ruhm und Ehre winken!*<\/p>\n\n\n\n<p>Dale Patrick Rutherford<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus den Kurz-Rate-Krimi-Spielregeln: <em>&#8222;Jeweils zu Weihnachten wird unter allen richtigen Erstratern (TrittbrettfahrerInnen haben keine Chance!) der Gewinner, die Gewinnerin des AMOKL\u00c4UFERS durch Losentscheid ermittelt! Der AMOKL\u00c4UFER ist eine formsch\u00f6n gestaltete Statuette aus vergoldetem Blei, bestens als Corpus Delicti bei Totschlag im Affekt geeignet, auch als Eye-Catcher auf Anrichten oder Couchtischen von pr\u00e4gender Eleganz. Der Gewinner, die Gewinnerin dieses ersten europ\u00e4ischen Preises f\u00fcr Rate-Kurz-Krimis wird von Ratekurzkrimifee Anobella gezogen!&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kurz-Rate-Krimi erlebt eine bemerkenswerte Renaissance. 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