{"id":21072,"date":"2008-05-22T08:23:28","date_gmt":"2008-05-22T08:23:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/laura-lippman-das-dritte-maedchen\/"},"modified":"2022-06-17T21:41:46","modified_gmt":"2022-06-17T19:41:46","slug":"laura-lippman-das-dritte-maedchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/laura-lippman-das-dritte-maedchen\/","title":{"rendered":"Laura Lippman: Das dritte M\u00e4dchen"},"content":{"rendered":"\n<p>Vielleicht ist das eine schn\u00f6de \u00f6konomische \u00dcberlegung: Ich m\u00f6chte einen \u201eGesellschaftsroman\u201c schreiben, wei\u00df aber aus Erfahrung, dass sich so etwas nicht gut verkaufen l\u00e4sst. Also verpacke ich das Ganze in einer Krimihandlung \u2013 und es verkauft sich pr\u00e4chtig. Laura Lippman, deren \u201eDas dritte M\u00e4dchen\u201c zu solchen Spekulationen Anlass geben k\u00f6nnte, ist hingegen eine bew\u00e4hrte Sch\u00f6pferin von Spannungsliteratur und somit eigentlich \u00fcber diese Zweifel erhaben. Dennoch: Ein wenig missbraucht sie das Genre schon. Schlimm ist das nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auf der M\u00e4dchentoilette einer Kleinstadtschule nahe Baltimore vollzieht sich eine Trag\u00f6die. Drei Freundinnen treffen sich dort konspirativ, kurz darauf ist eine erschossen, eine andere \u2013 offenbar die Sch\u00fctzin \u2013 liegt hoffnungslos im Koma und das titelgebende dritte M\u00e4dchen bleibt leicht verletzt zur\u00fcck. Die Polizei taucht auf und beginnt zu ermitteln, obwohl der Fall klar zu sein scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass er nicht klar ist \u2013 wir wissen das. Ein Geheimnis gilt es zu l\u00fcften, ein vielleicht schreckliches Geheimnis, jedenfalls schrecklich genug f\u00fcr eine Bluttat. Wir m\u00fcssen mehr erfahren \u00fcber diese drei M\u00e4dchen und ihr Milieu, und Laura Lippman tut uns den Gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie! Auf den n\u00e4chsten gut 350 Seiten zeichnet sie das Psychogramm der amerikanischen Mittelschicht mit ihren Obsessionen und \u00c4ngsten, sie f\u00fchrt uns durch die verwirrten Gedanken von M\u00e4dchen, die unbedingt auf \u201eihre richtige Uni\u201c m\u00fcssen \u2013 kurz: So geht es wohl zu, in Abstufungen auch bei uns, immer dort, wo die Wohn- und Finanzverh\u00e4ltnisse \u00fcber dem Durchschnitt liegen, aber die realen Anforderungen ebenfalls, von den eingebildeten ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall selbst ger\u00e4t beinahe in Vergessenheit, das Ganze wird seltsam \u201eentkriminalisiert\u201c, jedenfalls kann von einem \u201eSpannungsbogen\u201c die Rede nicht sein. Den zu bauen, w\u00e4re u.a. das Ermittlerteam zust\u00e4ndig, das aber bewegt sich unwirklich distanziert durch die Ereignisse, sichert Beweismittel nur z\u00f6gerlich, verzichtet auf intensive Verh\u00f6re etc. Dass wir dennoch bei der Stange bleiben, liegt nicht allein daran, dass Lippman die Geschichte dieser M\u00e4dchen, ihrer Eltern und Lehrer sehr lesenswert und spannend erz\u00e4hlt. Die andere, die Krimispannung, ist nat\u00fcrlich stets pr\u00e4sent, jener legend\u00e4re Suspense, dieser Verdacht, alles ende in einem unerh\u00f6rten Twist, einer ungeheuerlichen Inszenierung wie etwa bei den j\u00fcngst erschienenen Romanen \u201eSniper\u201c von Lee Child oder \u201eDie Menschenleserin\u201c von Jeffery Deaver.<\/p>\n\n\n\n<p>Fehlanzeige. Dass \u201ealles anders\u201c war, nun, es stellt sich am Ende heraus. Spektakul\u00e4r ist das aber nicht. Muss es das? \u2013 Ich gebe zu, dass mich das von Lippman sorgf\u00e4ltig bearbeitete Thema nicht sonderlich interessiert, ich es aber durchaus mit Gewinn gelesen habe. Dass ich dabei Opfer einer wohlinszenierten Verf\u00fchrung geworden bin, von den Pawlowschen Instinkten des Krimilesers auf die genre\u00fcblichen Umlaufbahnen geschickt und jenem verfluchten Suspense d\u00fcpiert \u2013 das nehme ich der Autorin nicht \u00fcbel. Vielleicht musste das Ende auch so, nun ja, l\u00e4ppisch sein, doch wenn ich bei Beginn der Lekt\u00fcre gewusst h\u00e4tte, was mich erwartet, ich h\u00e4tte das Buch trotzdem gelesen. Ein \u201ePsychothriller\u201c, wie auf dem Cover vermerkt, ist es aber nicht. Oder ein g\u00e4nzlich unspektakul\u00e4rer, was vielleicht ein gr\u00f6\u00dferer Reiz sein kann.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Laura Lippman: Das dritte M\u00e4dchen. <br \/>R\u00fctten &amp; Loening 2008 (To the Power of Three, 2005, deutsch von Ursula Walther). <br \/>394 Seiten. 16,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht ist das eine schn\u00f6de \u00f6konomische \u00dcberlegung: Ich m\u00f6chte einen \u201eGesellschaftsroman\u201c schreiben, wei\u00df aber aus Erfahrung, dass sich so etwas nicht gut verkaufen l\u00e4sst. Also verpacke ich das Ganze in einer Krimihandlung \u2013 und es verkauft sich pr\u00e4chtig. 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