{"id":21078,"date":"2008-05-23T07:55:27","date_gmt":"2008-05-23T07:55:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/manfred-wieninger-oder-miert-bla\/"},"modified":"2022-06-17T18:34:48","modified_gmt":"2022-06-17T16:34:48","slug":"manfred-wieninger-oder-miert-bla","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/05\/manfred-wieninger-oder-miert-bla\/","title":{"rendered":"Manfred Wieninger oder Miert-Bla"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer verstehen will, warum Wien Wien hei\u00dft und als Hauptstadt \u00d6sterreichs und des Weltmorbiden fungiert, der muss die Krimis der Alpenrepublik lesen. Denn die Wiener Autoren, auch wenn sie keine sind, sondern vielleicht Burgenl\u00e4nder oder Tiroler, sind immer auch Wie&#8217;ner: <em>&#8222;Meine bisherigen Ermittlungsergebnisse waren so viel wert wie ein angebissener Kinderkeks.&#8220; <\/em>So wienern sie \u00fcber die Stringenz der Sprache, bis die vor lauter Vergleichen zwischen den Diametralit\u00e4ten m\u00e4andert. Fast alle machen das, und wenn sie&#8217;s mal nicht tun, dann muss ein &#8222;als wenn&#8220; her, jedenfalls ein schr\u00e4ges Bild,und das gibt dann schr\u00e4ge Kriminalliteratur. Oder etwa nicht?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Von den \u00f6sterreichischen Krimischaffenden ist Manfred Wieninger mit der den Genrekonventionen am meisten verpflichtete und ganz bestimmt der, dem diese Konventionen am allerwurschtigsten sind. Das beginnt mit seinem Protagonisten Marek Miert, einem erfolglosen, \u00fcbergewichtigen, verlotterten Privatdetektiv, dessen Herz dazu so unverr\u00fcckbar auf dem rechten Fleck sitzt, dass man fast heulen m\u00f6chte ob solcher Klisch\u00f6nheit. Miert besitzt ein altert\u00fcmliches Auto, mit dem er durch Harland f\u00e4hrt, eine ost\u00f6sterreichische Provinzstadt von ersch\u00fctternd empirischer Fiktionalit\u00e4t, und in dem altert\u00fcmlichen Auto liegen die abges\u00e4gte Schrotflinte von Opa Miert und eine Handgranate des n\u00e4mlichen, was wir jetzt mal kauzig nennen und anmerken wollen, dass so etwas \u00fcberhaupt nicht qualit\u00e4tsrelevant ist, sondern h\u00f6chstens originell, also ziemlich gew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Romane beginnen, wie Privatdetektivgeschichten seit Urzeiten beginnen. Der Held sitzt in seinem sch\u00e4bigen B\u00fcro, hat Geldsorgen und wartet auf Kundschaft, die seit Monaten nicht gekommen ist, jetzt aber kommen muss und prompt kommt. In &#8222;Kalte Monde&#8220;, dem letzten Miert-Abenteuer, kommt der Schlappenschammes eines rechten Provinzpolitikers und engagiert den Detektiv als Leibw\u00e4chter f\u00fcr seinen Herrn, der sich schwer bedroht f\u00fchlt. Miert merkt schnell, dass das Ganze nur ein PR-Gag ist, der Politiker hetzt gegen Ausl\u00e4nder, die alle kriminell seien, und weil er das in praxi begr\u00fcndet muss, w\u00e4hnt er sich von attentatsbereiten Ausl\u00e4ndern verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser wartet. Er wei\u00df ja, was passieren muss, was n\u00e4mlich immer schon passiert ist, seit der erste Krimi vom Baum fiel. Miert nimmt das Spielchen nicht ernst \u2013 und dann ist der Politiker eben doch tot. Der Leser kann lange warten. Es kommt n\u00e4mlich etwas anderes und der Politiker segnet mitnichten das Zeitliche. Ein Mann, der eine Katze sucht, taucht auf. Ein anderer Mann, der Frauen zerschneidet. Neue F\u00e4lle, von denen aber jetzt schon gesagt sei, dass Miert, ehemaliger Polizist, nur einen einzigen l\u00f6sen wird, ich sag aber nicht welchen, und den auch nur, weil ihm die Katze zuf\u00e4llig \u00fcber den Weg l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wenig stringenter geht es in &#8222;Der Engel der letzten Stunde&#8220; zu. Hier soll Miert ein elfj\u00e4hriges abg\u00e4ngiges M\u00e4dchen wiederfinden, und das schafft er tats\u00e4chlich, aber irgendwie auch nicht so wie in &#8222;Wie schreibe ich einen Kriminalroman&#8220; beschrieben. Daf\u00fcr findet er eine afghanische Familie und \u2013 gro\u00dfes Herz \u2013 verhilft ihr zu einem besseren Leben in \u2013 Deutschland (Wieninger schreckt vor keiner Ironie zur\u00fcck), was aber nicht schwer ist, denn ein besseres Leben als in \u00d6sterreich scheinen Fl\u00fcchtlinge according to Miert \u00fcberall zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt: Das ist das Thema des Manfred Wieninger. Rechtsradikalismus als nat\u00fcrliches Volksempfinden, Durchgeknalltsein als Normalzustand (trifft nicht nur auf den Polizeihauptmann Gabloner zu, Mierts ewigen Qu\u00e4lgeist), dazwischen immer wieder die armen Teufel und die h\u00f6llischen, die Spieler und die Bespielten, Harland als Musterstadt, die man sich nur grau und diesig und schwefelig vorstellen mag, und das alles zieht Wieninger aus seiner gut gef\u00fcllten Wortkiste heraus, vergleicht es miteinander, reiht es aneinander, reibt es gegeneinander, sch\u00fcttelt es durcheinander, bis es zum unverkennbaren Miert-Bla geworden ist, jeder Satz eine fabuliertrunkene Ern\u00fcchterung, die syntaktische Hilflosigkeiten durchschnittlicher Kriminalliteratur auf das sch\u00f6nste bla-miert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kriminalliteratur, das erkennt der Genreasket sofort, hat das nur noch bedingt etwas zu tun. Wer m\u00f6chte schon einen Krimi (&#8222;Kalte Monde&#8220;) lesen, in dem die avisierten Morde an der Peripherie des Miertschen Bewusstseins stattfinden und ihre Aufl\u00f6sung lapidar aus einer Zeitungsnotiz zu erfahren? Mit akkurat gezirkelten, auf die Nervenverfassung der \u00fcblichen Kundschaft abgestimmten Spannungsb\u00f6gen hat das wenig bis nichts zu tun, eher damit, dass Kriminalliteratur durchaus auch einmal Erwartungen entt\u00e4uschen darf, ja, manchmal muss, wenn es zu abgeschlossen hergeht, wenn &#8222;wieder alles in Ordnung kommt&#8220;, wenn die Welt, wie sie nicht ist, dazu herhalten soll, die Welt, wie sie ist, zu ertragen, wenn sich also im Sprachzentrum des Lesers ein durchaus krimiaffiner, jetzt aber so gar nicht zum Zeremoniell geh\u00f6render Satz formiert: Hier stimmt doch etwas nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt genau. Hier stimmt etwas nicht, n\u00e4mlich die Genreaskese, das Versatzst\u00fcckhafte, das zu nichts anderem gut ist als zu seiner fugenlosen Verm\u00f6rtelung, stures Thrillermauern, bis p\u00fcnktlich zum Feierabend die Kelle fallengelassen wird und der Krimi aus ist und vorbei und vergessen und morgen kommt der n\u00e4chste und mauert was Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieninger mauert nicht. Er nimmt die Versatzst\u00fccke und dann darf man zuschauen, wie er sie als fl\u00fcchtige Spur in Harland auslegt, den Weg finden muss der Leser schon alleine, und das ist halt der gro\u00dfe Spa\u00df, wenn man vor lauter sprachlichem Zickzack selber Windungen ins Hirn kriegt, was die Natur ja eigentlich auch so vorgesehen und daf\u00fcr extra die Literatur erfunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Irgendwie hat er ja recht, dachte ich.&#8220;<\/em> Aber muss der Kerl auch noch WIEninger hei\u00dfen?<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde. <br \/>Unionsverlag 2007 (Original: Haymon 2005). 185 Seiten. 8,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Manfred Wieninger: Kalte Monde. <br \/>Unionsverlag 2008 (Original: Haymon 2006). 248 Seiten. 8,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer verstehen will, warum Wien Wien hei\u00dft und als Hauptstadt \u00d6sterreichs und des Weltmorbiden fungiert, der muss die Krimis der Alpenrepublik lesen. 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