{"id":21090,"date":"2012-04-13T07:02:49","date_gmt":"2012-04-13T07:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/norbert-sahrhage-blutiges-zeitspiel\/"},"modified":"2022-06-08T05:08:36","modified_gmt":"2022-06-08T03:08:36","slug":"norbert-sahrhage-blutiges-zeitspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/norbert-sahrhage-blutiges-zeitspiel\/","title":{"rendered":"Norbert Sahrhage: Blutiges Zeitspiel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"283\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/sahrhage.jpg\" alt=\"sahrhage.jpg\"\/>Sollen wir&#8217;s kurz machen? Dieser Krimi ist nicht besser oder schlechter als viele andere auch. Es regionalt ein wenig (Bielefeld und Umgebung!), ein paar biedere Bullen grasen auf der schon arg gem\u00e4hten Wiese des Polizeikrimis, es geht um Handball und Mord und, am Rande, auch um etwas ganz, ganz Schreckliches. Gelesen, vergessen. Sollen&#8217;s doch die Piraten ins Internet stellen und als Umsonstkultur verscherbeln. Aber etwas bleibt haften. Nichts Gutes. Nein, diesmal nicht die Sprache, \u00fcber die wollen wir gn\u00e4dig hinweglesen. Es ist etwas anderes, nennen wir es einmal: den Ton.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Inhalt, der schnell erz\u00e4hlt ist: Handballspieler wird ermordet, war es der neidische Kollege, war es der M\u00e4zen (Nazi!), war es ein Zuh\u00e4lter, dem der Ermordete einst die Frau &#8222;abgekauft&#8220;, aber noch nicht vollst\u00e4ndig bezahlt hatte? Oder war es&#8230; genau: Das sind alles falsche Spuren, man wei\u00df es sofort, denn der Roman beginnt mit einer Szene aus dem Krieg, dem sogenannten Jugoslawienkrieg, der tote Handballer war bosnischer Serbe. Daher also weht der Wind, aber den Beamten d\u00fcftelt er nat\u00fcrlich erst reichlich sp\u00e4t um die Nasen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, diese Beamten. Man stelle sich folgende Szene vor: Zwei Polizeibeamte vernehmen einen Zuh\u00e4lter. Der Zuh\u00e4lter erz\u00e4hlt ganz frank und frei, ja, er habe eines seiner Pferdchen f\u00fcr 80.000 Euro verscherbelt, der K\u00e4ufer sei in Zahlungsverzug geraten, einmal z\u00fcnftig zusammengeschlagen worden, aber mit dem Mord habe man selbstverst\u00e4ndlich nichts zu tun. Was macht die Polizei? Den Kerl verhaften, der soeben ein Gest\u00e4ndnis in puncto Zuh\u00e4lterei, Menschenhandel und K\u00f6rperverletzung abgelegt hat? N\u00f6. Der Typ kann gehen, es passiert ihm nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch was Sch\u00f6nes: Auch unsere grasenden Bullen sind irgendwann einmal auf die Idee gekommen, der Mord (es ist inzwischen nicht mehr der einzige) k\u00f6nne etwas mit dem Krieg damals in Bosnien zu tun haben. Sie verh\u00f6ren also ein paar inzwischen in der Gegend ans\u00e4ssige Bosnier. Eine Familie hat Schwierigkeiten mit der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, ist von Abschiebung bedroht. Sie findet Unterst\u00fctzung bei einer deutschen Familie, die wie folgt eingef\u00fchrt wird (und das muss man wirklich zitieren, es ist n\u00e4mlich zu &#8222;sch\u00f6n&#8220;):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8222;Sie f\u00fchrte Korff in die K\u00fcche, wo f\u00fcnf Personen um einen kleinen Tisch herum sa\u00dfen: ein s\u00fcdl\u00e4ndisch aussehendes Ehepaar mit zwei halbw\u00fcchsigen Kindern und ein etwa 50-j\u00e4hriger Mann, vermutlich ein Deutscher, der an einer Zigarette sog. Vor ihm stand ein halbvoller Aschenbecher, daneben lag eine Zigarettenschachtel. Dass Kinder im Raum waren, die den Qualm einatmen mussten, schien den Mann nicht zu st\u00f6ren.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns st\u00f6rt hier weniger der eindringliche Appell gegen die Gefahren des Passivrauchens. Aber diesen Mann kennen wir doch, es ist der gleiche, der durch die Berichterstattung \u00fcber Hartz-IV-Empf\u00e4nger und sonstige Arbeitsscheue geistert, nur ist er hier eben ein \u2013 so w\u00f6rtlich im weiteren Text \u2013 &#8222;Gutmensch&#8220;. Und das macht Korff, den Polizisten, zornig. Uns hingegen machen solche wohlfeilen Blaupausen zornig, deren allergr\u00f6\u00dfte ja noch kommt. Es ist das Motiv f\u00fcr die Tat, und dieses Motiv liegt, wie schon erw\u00e4hnt, in der Vergangenheit, im bewaffneten Konflikt, den Gr\u00e4ueln des Bosnienkrieges. Was wir davon erfahren, ist leicht zu googelndes Faktenwissen, in Ordnung, aber \u00fcber die Gef\u00fchlswelt der T\u00e4ter erfahren wir \u2013 nichts. Es h\u00e4tte auch ein fr\u00fchkindliches Trauma sein k\u00f6nnen oder eine \u00fcberfahrene Katze als Ausl\u00f6ser der Tat. Spielt keine Rolle, aber Krieg und Massaker kommen halt besser, ein tagesschaunachrichtengetr\u00e4nkter Krimi am Puls der Zeit, der inzwischen so flach ist, dass nicht einmal mehr ein Arzt helfen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So kommt einiges zusammen: Realit\u00e4tsferne Polizeiarbeit, \u00e4rgerliche Klischees und allgegenw\u00e4rtige Beliebigkeit. Das muss nicht sein, das ist aber halt so, Sahrhage pars pro toto. Qui Bono? Denkende Leserinnen und Leser bestimmte nicht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Norbert Sahrhage: Blutiges Zeitspiel. <br \/>Pendragon 2012. 248 Seiten. 9,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sollen wir&#8217;s kurz machen? 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