{"id":21120,"date":"2008-06-17T10:22:29","date_gmt":"2008-06-17T10:22:29","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/06\/aus-der-krimiwerkstatt-17-06-08\/"},"modified":"2022-06-05T23:47:29","modified_gmt":"2022-06-05T21:47:29","slug":"aus-der-krimiwerkstatt-17-06-08","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/06\/aus-der-krimiwerkstatt-17-06-08\/","title":{"rendered":"Aus der Krimiwerkstatt 17\/06\/08"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am Anfang eines Kriminalromans steht eine Idee. \u201eDer zu Unrecht beschuldigte X. macht sich, von der Polizei verfolgt, selbst auf die Suche nach dem T\u00e4ter.\u201c So etwas. Aus dieser Idee entwickelt sich allm\u00e4hlich der Plot, ein Personentableau formiert sich, eine Dramaturgie, die wie ein Film im Kopf des Autors abl\u00e4uft. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><em>Eine Idee also: Drei M\u00e4nner sind des Mordes dringend tatverd\u00e4chtig. Die Ermittlungen der Polizei bleiben indes ergebnislos. Da entschlie\u00dft man sich beh\u00f6rdlicherseits zu einem Experiment. Wer, wenn nicht die Tatverd\u00e4chtigen, deren b\u00fcrgerliche Existenz vernichtet ist (daf\u00fcr zu sorgen, ist der erste Schritt des Experiments&#8230;), sind motiviert genug, den T\u00e4ter zu entlarven? Indem sie gemeinsam \u2013 und zugleich gegeneinander agieren. Man muss sie nur dazu bringen, auf diese Idee zu kommen&#8230; und das Ganze nat\u00fcrlich genauestens beobachten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der aus dieser Idee zu entwickelnde Kriminalroman tr\u00e4gt den Arbeitstitel \u2013 \u201eWatching the Detectives\u201c. Er bot sich einfach an. Zum Einlesen gibt es im Folgenden das erste, noch unkorrigierte Kapitel, in dem ein namenlos bleibender Polizeibeamter \u2013 anscheinend bei einer Tagung \u2013 n\u00e4here Informationen zum Experiment mit den Detektiven in eigener Sache gibt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>1<\/p>\n\n\n\n<p>Der da. Links der. Das ist Vollmann. Entschuldigung, wenn ich ein wenig schmunzele; ich erkl\u00e4r vielleicht sp\u00e4ter, wor\u00fcber.<br \/>Ludwig Vollmann. Solider Name, ja? Ludwig Vollmann: 45 Jahre alt, kaufm\u00e4nnischer Angestellter im Au\u00dfendienst, hat sich von Staubsaugern zu optischen Pr\u00e4zisionsinstrumenten hochgearbeitet, verheiratet, drei Kinder im schulpflichtigen Alter. Man sieht, dass es ihm gutgegangen ist die letzten Jahre. K\u00f6rperfett von allerbester Qualit\u00e4t, der eine oder andere Sternefresstempel hat zugeliefert, auf den zahlreichen Dienstreisen des Vollmann, aber er war eben nicht nur gut essen, wenn er auf Tour war und Frau und Kinder weit weg.<br \/>Das ist jetzt das Einzelportr\u00e4t. Wir haben von allen drei Verd\u00e4chtigen sch\u00f6ne Polizeifotos gemacht! Gerne h\u00e4tten wir den Herren gesagt, sie sollten sich doch etwas ins Zeug legen, schlie\u00dflich w\u00fcrden die Bilder bald in der Presse erscheinen. Aber sie wollten nicht. Vollmann nicht mal frontal in die Kamera schauen. Deshalb wirkt das jetzt so, als h\u00e4tte der Mann einen Sehfehler. Aber zur\u00fcck zum Ausgangsfoto.<br \/>In der Mitte: Pascal Ratius. Das traut man dem gar nicht zu, oder? Ich meine \u2013 Sie wissen schon. Ein beruflich erfolgreicher Junggeselle, Unternehmer, wenn wir das etwas weiter fassen wollen, Unternehmer in einer Branche, die den Begriff des One Night Stand quasi erfunden hat, gutaussehend. Man steckt jedoch nicht drin. Ich hab schon Dinge in meinem Leben gesehen, ojoi, das glaubt keiner!<br \/>Ratius hat vor sieben Tagen die Schwelle zu den F\u00fcnfzigern \u00fcberschritten, wie der Dichter sagen w\u00fcrde. Er hat als einziger der Verd\u00e4chtigen noch volles, nicht ergrautes Haar, ein irgend wie liebenswerter, ewig Lausbub gebliebener Wuschelkopf, der das Ganze zuerst f\u00fcr einen Gag mit &#8222;versteckter Kamera&#8220; hielt, aber den haben wir dann schnell vom Gegenteil \u00fcberzeugt. Das Portr\u00e4tfoto \u2013 hier \u2013 k\u00f6nnte der praktisch auch als Passbild verwenden. Teilnahmsloser Blick, der Psychologe meint, das l\u00e4ge an einem leichten Trauma, aber, unter uns: Das ist Quatsch, das sagen die immer, davon leben die.<br \/>So, und jetzt der Dritte. Logischerweise ganz rechts, Sebastian Wasm\u00fcller. Auch so ein solider Name. Mit 56 der \u00e4lteste des Trios, auch der mit dem h\u00f6chsten Bildungsabschluss, was mich aber noch nie irritiert hat oder eingesch\u00fcchtert. Kam mit seinem Anwalt angetanzt, einem sehr \u00fcblen Winkeladvokaten, wenn man mich fragt, clever, aber teuer. Wasm\u00fcller ist trotz seines Alters k\u00f6rperlich sehr fit. Und der einzige Nichtraucher unter den Verd\u00e4chtigen, das sollte man erw\u00e4hnen, weil wir bei Raucherverh\u00f6ren immer sehr sch\u00f6ne Erfolge erzielen, weil die Zeit auf unserer Seite ist. Sie verstehen? Halten Sie so einen drei Stunden vom Nikotin fern und er kollabiert. Okay \u2013 hat diesmal nicht geklappt.<br \/>Das Polizeifoto noch? Hier. Wasm\u00fcller emp\u00f6rt, die Backen aufgeblasen. Was Sie hier nicht sehen k\u00f6nnen: Der Anwalt zeterte im Hintergrund, das sei nicht erlaubt, was wir hier machen w\u00fcrden. Wir dagegen: Es sei sehr wohl erlaubt. Die Herrschaften bef\u00e4nden sich allesamt im Verd\u00e4chtigenstatus, k\u00f6nnten zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort gesehen worden sein, was zu verifizieren respektive falsifizieren \u2013 dr\u00fccke ich mich verst\u00e4ndlich aus? Danke. \u2013 nur durch intensive und vollst\u00e4ndige Zeugenbefragung gelingen k\u00f6nne, wozu wir aber neutrale Fotografien ben\u00f6tigten. Haben Sie einen dieser drei M\u00e4nner schon einmal gesehen? Wann? Wo? \u2013 Der Anwalt hat nat\u00fcrlich Dienstaufsichtsbeschwerde angedroht, ob er sie gestellt hat, davon ist mir im Moment nichts bekannt.<br \/>So weit das. Ach so: die Gruppenaufnahme. Unsere drei Verd\u00e4chtigen nebeneinander sitzend, auf ziemlich unbequemen Holzst\u00fchlen vor einer schmutzig wei\u00dfen Wand, die Kamera an der Decke. Das war in unserem Wartezimmer. Sie haben dort zwei Stunden gesessen, allein, verzweifelt, zerst\u00f6rt. Nachdem wir die ersten Schritte&#8230; aber ich sollte das vielleicht etwas genauer, chronologisch erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 12. Februar diesen Jahres wurde, gegen 17 Uhr, die Leiche der zwanzigj\u00e4hrigen Annika Storch in ihrer Wohnung Akazienallee 34, dritter Stock, aufgefunden. Dort lebte die Storch zusammen mit zwei, hmhm, Freundinnen, wovon eine, die siebenundzwanzigj\u00e4hrige Gabi Heuer, auch die Entdeckerin der Toten gewesen ist. Die drei in der Akazienallee residierenden Damen gingen dem Gewerbe der privaten Prostitution nach. Sie geh\u00f6rten \u2013 und was die beiden Mitbewohnerinnen der Storch anbetrifft: geh\u00f6ren noch immer \u2013 der sogenannten Luxusklasse an, was auch durchaus verst\u00e4ndlich ist. Junge M\u00e4dels mit makellosen K\u00f6rpern und jener gewissen Unschuld, jener Allt\u00e4glichkeit im Blick, Studentinnen k\u00f6nnten es sein (sind sie aber nicht; die Heuer hat Realschulabschluss, die beiden anderen sind \u00fcber die Hauptschule nicht hinaus gekommen), blitzsaubere Matratzen, wie es der Pascal Ratius beim Verh\u00f6r formuliert hat, keine, denen man das Metier an den Gesichtern ablesen kann.<br \/>Der sofort verst\u00e4ndigte und zum Tatort geeilte Kriminaldauerdienst samt wissenschaftlich-technischem Anhang findet das Opfer nackt auf seiner Arbeitsst\u00e4tte vor, einem franz\u00f6sischen Bett. Die H\u00e4nde der Annika Storch sind mit dem G\u00fcrtel ihres eigenen Bademantels auf den R\u00fccken gefesselt, die Leiche weist zahlreiche Spuren massiver Gewaltanwendung auf, H\u00e4matome, offene Wunden, gebrochene Rippen, die ganze Palette, wenn jemand w\u00fctend und r\u00fccksichtslos auf eine wehrlose Frau eindrischt. Der Tod selbst trat ein, nachdem der T\u00e4ter den Kopf seines Opfers wiederholt und rustikal gegen die Wand hinter den Bett gehauen hat. Sch\u00e4delbruch gleich in mehrfacher Ausf\u00fchrung, innere Blutungen. Als Tatwaffen haben die H\u00e4nde des T\u00e4ters zu gelten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir haben an den H\u00e4nden der drei Verd\u00e4chtigen keine Spuren gefunden, die darauf hindeuten k\u00f6nnten, sie, die H\u00e4nde, seien diejenigen welche. Wir gehen davon aus, dass der T\u00e4ter dicke Handschuhe, Lederhandschuhe getragen hat.<br \/>Bei der Durchsuchung der Wohnung wurde ein kleines Notizbuch aus dem Besitz der Storch entdeckt, und in diesem Notizbuch standen die Namen der Stammkunden, welche das Opfer zu Lebzeiten in seinem Zimmer zu empfangen pflegte. Dreiundzwanzig Namen. Alle Achtung. In einem Papierkorb neben dem franz\u00f6sischen Bett wurden drei gebrauchte Pr\u00e4servative aufgefunden, der Arbeitsnachweis f\u00fcr den 12. Februar, sozusagen, drei Kunden also hat die Storch an diesem Tag empfangen, und ich brauche hier nur am Rande zu erw\u00e4hnen, dass wir von den dreiundzwanzig Stammkunden entsprechende Genproben entnommen und mit dem in den Pr\u00e4servativen befindlichen Sperma verglichen haben. Volltreffer. Die vollgespritzten Gummis befanden sich mit absoluter Sicherheit an diesem 12. Februar auf den Penissen der Herren Vollmann, Ratius und Wasm\u00fcller.<br \/>Was die drei denn auch, nach mehr oder weniger standhaftem Leugnen, zugaben. Ach ja, warum ich vorher bei der Nennung des Namens Vollmann ein wenig ins Schmunzeln gekommen bin: Das vollste Pr\u00e4servativ stammte von \u2013 Ludwig Vollmann. \u2013 Okay, kleiner Scherz. Das ist nat\u00fcrlich alles nicht zum Lachen.<br \/>Eigentlich muss man sagen, das so etwas eine Routineuntersuchung ist. Man hat drei Tatverd\u00e4chtige, man verh\u00f6rt sie, irgendwann gesteht der T\u00e4ter, der Fall ist abgeschlossen. Und wenn der T\u00e4ter nicht gesteht, gibt es in der Regel gen\u00fcgend Indizien, die f\u00fcr eine Verurteilung allemal ausreichen. Das war hier leider anders.<br \/>Es begann damit, dass der Anwalt des Wasm\u00fcller \u00e4u\u00dferst spitzfindig darlegte, gerade der Fakt des &#8222;Abspritzens&#8220; seines Mandanten entlaste diesen. Denn welcher M\u00f6rder befriedigt sich zuerst an seinem Opfer, l\u00e4sst dieses das Gummi entsorgen und schl\u00e4gt es dann tot? Es sei doch logisch, dass die Ejakulation in solch perversen F\u00e4llen gerade erst DURCH das Totschlagen des Opfers ausgel\u00f6st werde \u2013 und dann, meine Herren, in ein PR\u00c4SERVATIV? Dass der T\u00e4ter \u2013 das Opfer ist dazu ja kaum in der Lage \u2013 selbst ins Abfalleimerchen expediert? Kurzum: Die Tatsache des korrekten Orgasmus bei den Herren Vollmann, Ratius und Wasm\u00fcller entlaste diese vom Tatvorwurf ebenso wie die Tatsache der Stammkundschaft. Man fickt nicht 99 Mal orts\u00fcblich und beim 100. Mal wie der Marquis de Sade. Zack, da standen wir aber dumm da.<br \/>Niemand kann uns vorwerfen, wir h\u00e4tten geschlampt. Die Tatzeit kann auf die Stunde zwischen 16 und 17 Uhr eingegrenzt werden, nicht zuletzt, weil Sybille Korney, die andere der beiden Kolleginnen, kurz vor vier einen branchen\u00fcblichen Kontrollanruf bei der Storch gemacht hat. Die war n\u00e4mlich den ganzen Tag allein in der Wohnung, der Rest des Kollektivs absolvierte Haus- und Hotelbesuche. Um 16 Uhr also lebte die Storch noch. Wasm\u00fcller gab zu Protokoll, die Dienste der Dame bereits vormittags, kurz nach zehn, in Anspruch genommen zu haben. Vollmann nutzte, nach eigener Aussage, die Mittagspause f\u00fcr seine hormonelle Reinigung, Ratius nennt halb drei als den Zeitpunkt seines Eintreffens in der Akazienallee 34. Er habe die Wohnung gegen halb vier verlassen, da habe ihm die Storch noch quietschvergn\u00fcgt K\u00fc\u00dfchen auf die Wangen verabreicht und um baldige Wiederholung seines Besuchs gebeten.<br \/>Somit w\u00e4re Ratius unser Hauptverd\u00e4chtiger, da am n\u00e4chsten dran am Todeszeitpunkt. Das Dumme ist nur, dass es keine Zeugen gibt, die die Aussagen best\u00e4tigen oder ab absurdum f\u00fchren k\u00f6nnen. Ist nicht vielleicht Vollmann NACH Ratius bei der Prostituierten vorstellig geworden? Oder Wasmann? Hat Ratius die Wohnung tats\u00e4chlich schon gegen halb vier verlassen? \u2013 Alibis f\u00fcr die Tatzeit hat keiner der drei Verd\u00e4chtigen. War unterwegs, war allein zu Haus, bin spazieren gegangen, nein, keiner hats gesehen. Andererseits sind die Angaben zu den Besuchszeiten auch nicht durch neutrale Dritte zu entkr\u00e4ften. Keine Fingerabdr\u00fccke, keine sonstigen Spuren. Wir mussten die Burschen laufen lassen.<br \/>Und dann hatten wir diese Idee. Nein, es gibt keine Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle. Das ist schon auf unserem eigenen Mist gewachsen. Nicht ganz hasenrein. Vergleichen Sie es mit einem Balanceakt zwischen Recht und Gerechtigkeit. Nein, das ist jetzt Bl\u00f6dsinn. Nennen wir es lieber: Wir wollen Gerechtigkeit herstellen, ohne das Recht \u00fcber Geb\u00fchr brechen zu m\u00fcssen. Aber brechen m\u00fcssen wir es schon; da f\u00fchrt kein Weg dran vorbei.<br \/>Ich muss aber etwas weiter ausholen. Wie Sie wissen, experimentieren wir seit geraumer Zeit mit der Opferhypothese. Sie ist einem altbekannten Sprichwort verpflichtet, dem, welches besagt, dass ein jedes T\u00f6pfchen sein Deckelchen findet und, folgerichtig, jedes Opfer seinen M\u00f6rder. Man m\u00fcsste nur lange genug leben, weit genug herumkommen auf diesem Planeten, um einem zu begegnen, der einen ermordet. Wenn dem aber so sei, lautet die Hypothese, dann l\u00e4sst sich aus dem Opfer ein Muster herausarbeiten, welches komplement\u00e4r ist zum T\u00e4termuster. \u2013 Ich wei\u00df jetzt nicht, ob Sie die Powerpoint-Pr\u00e4sentation&#8230; Genau; darauf wollte ich hinaus. Wir haben uns lange, viel zu lange mit der Frage besch\u00e4ftigt, welcher Natur diese Muster sein k\u00f6nnten. Genetisch bedingt? Wird man geboren und ist schon Opfer eines bestimmten T\u00e4ters? Und T\u00e4ter eines bestimmten Opfers? Oder formt die Umwelt letztlich diese Muster? \u2013 Das mag alles hoch interessant sein, aber es bringt uns nicht weiter. Schon die Ausgangshypothese ist ja dubios. Nicht jedes T\u00f6pfchen findet sein Deckelchen \u2013 und auf jedes T\u00f6pfchen passen eigentlich viele Deckelchen, genau genommen. Als Auswahlverfahren immerhin taugt diese Methode, da ist sie unver\u00e4chtlich \u2013 ich verweise noch einmal auf die Powerpoint-Pr\u00e4sentation, das statistische Schaubild jetzt \u2013, weil sie den Kreis der Tatverd\u00e4chtigen eingrenzt.<br \/>Nur: Wir sind da in eine Sackgasse gestolpert. Der Fall Annika Storch legt den Finger in die offene Wunde. Wer n\u00e4mlich war Annika Storch? Eine \u2013 Pardon \u2013 Hure. Ein Deckelchen, das sich jedem T\u00f6pfchen anpasst. Ich will mir und Ihnen die Aussagen der Verd\u00e4chtigen ersparen, diese von uns minuti\u00f6s und hyperdetailliert zu Tage gef\u00f6rderten Abl\u00e4ufe des geschlechtlichen Vollzugs, Cunnilingusaktionen, f\u00fcr die die Storch von ihrer Gesamtkundschaft hoch gelobt wurde, die routinierten Handgriffe, von der Storch an den K\u00f6rpern ihrer Kunden vollzogen, das mechanistische Erzeugen von Lust, von Abh\u00e4ngigkeit, von Hingabe, von Weltvergessenheit, von orgiastischem Zelebrieren. \u2013 Das k\u00f6nnen Sie alles gerne in den Vernehmungsprotokollen nachlesen, soweit sie es nicht schon in den Ausz\u00fcgen getan haben, die ja in den Zeitungen aufgetaucht sind. Wichtiger ist mir die Erkenntnis, dass die Annika Storch, eine simple zwanzigj\u00e4hrige Hure, eine Art multiples Opfer war, ein Generalopfer sozusagen, so wie es einen Generalschl\u00fcssel gibt, der s\u00e4mtliche T\u00fcren zu \u00f6ffnen vermag, so eben auch ein Generalopfer, das ungez\u00e4hlte M\u00f6rder anzieht.<br \/>Nein, das brachte uns nicht weiter. Nichts schien uns weiter zu bringen, die Tatverd\u00e4chtigen schwiegen sich aus, ihre sozialen Umfelder waren ermittlungstechnisch gesehen \u00f6de Brachen, wir nahmen uns die sonstigen Sexpartner der Verd\u00e4chtigen vor \u2013 Ehefrauen, fr\u00fchere Verlobte, im Falle des Ratius, der ja die letzten zwanzig Jahre in der Gastronomie t\u00e4tig gewesen ist, auch Heere ehemaliger Bedienungen und K\u00fcchenhilfen, nat\u00fcrlich auch viele, unglaublich viele Prostituierte, denn alle drei Verd\u00e4chtigen f\u00fchlen sich von diesem Milieu magisch angezogen, sie kommen, wie es besagter Ratius ausgedr\u00fcckt hat, an keinem Puff vorbei, ohne dass der Hahn zu tropfen beginnt. Das Resultat: nichts. Keiner der Verd\u00e4chtigen verkehrte in sogenannten &#8222;Bondage&#8220;-Kreisen oder praktizierte das Fesseln als sexuelle Stimulans in seiner Privatsph\u00e4re. Sadistische Neigungen? Schon. Bei allen dreien. Aber nichts, was \u00fcber das Gew\u00f6hnliche hinausgehen w\u00fcrde, ein Zwicken in weibliche Oberschenkel, mal ein etwas festerer Klapps auf den Po, seltener eine Ohrfeige oder ein kurzzeitiges Zudr\u00fccken des Halses. Robuste k\u00f6rperliche Gewalt, wie im Fall Storch offensichtlich, hat keiner angewandt.<br \/>Sollten uns wir am Ende get\u00e4uscht haben? Sind die drei M\u00e4nner unschuldig? Nichts weiter als durchschnittliche Bordellg\u00e4nger? Hat ein Vierter, uns bis dato noch unbekannter Mann die Tat begangen? \u2013 Wir wissen es nicht. Unsere Intuition aber sagt uns, dass einer der drei, Vollmann, Ratius oder Wasm\u00fcller, der T\u00e4ter sein muss. Und deshalb machen wir dieses Experiment.<br \/>Es bedient sich in seinem fundamentalen Denkansatz aus dem Fundus der Motivationstheorie. Wir, die Polizisten, tun gewiss unser Bestes, um ein solch furchtbares Verbrechen wie das an der Annika Storch ver\u00fcbte aufzukl\u00e4ren. Wir sind, im Rahmen unserer Berufsphilosophie, motiviert. Doch reicht das? Oder anders gefragt: Gibt es Personen, deren Motivation, den Fall aufzukl\u00e4ren, noch gr\u00f6\u00dfer, h\u00f6her, weiter sein k\u00f6nnte als die unsere? \u2013 Ich sehe: Einige von Ihnen nicken wissend. Der Aha-Effekt. Wer, wenn nicht die drei Verd\u00e4chtigen, hat ein gr\u00f6\u00dferes Interesse, dass der T\u00e4ter gefasst und seiner Bestrafung zugef\u00fchrt wird? Geht es doch f\u00fcr unser Trio um die Rehabilitation, um die Wiedergewinnung der B\u00fcrgerlichkeit \u2013 zumal dann, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Kurzum: Wir entschlossen uns, die Verd\u00e4chtigen selbst zu Detektiven werden zu lassen, zu Detektiven in eigener Sache.<br \/>Der erste Schritt musste darin liegen, die Existenzen der drei Verd\u00e4chtigen nachhaltig zu vernichten. Das klingt nat\u00fcrlich hart, und das ist es auch. Aber bedenken Sie: Wir befinden uns mitten in einem noch nie durchgef\u00fchrten Experiment, auf dem Weg zu einem neuen Paradigma der Verbrechensbek\u00e4mpfung. Wir hobeln, es fallen Sp\u00e4ne, wir sch\u00fctten das Bad aus und das Kind gleich mit.<br \/>Die Weitergabe der von uns gefertigten Portr\u00e4tfotografien sowie s\u00e4mtlicher Personalien der Verd\u00e4chtigen an die Presse leitete den Prozess der Existenzvernichtung ein. Mit gro\u00dfem Erfolg. Die Frau Vollmanns trennte sich von ihrem Mann, seine Firma legte ihm die K\u00fcndigung nahe, bevor sie sich selbst gezwungen s\u00e4he, eine solche aus Gr\u00fcnden des Betriebsklimas und der Kundenzufriedenheit auszusprechen. Bei Ratius, der eine Kneipe in der Altstadt f\u00fchrte, war es schwieriger. Der Mann ist Junggeselle, seine Entlarvung als Bordellg\u00e4nger und Mordverd\u00e4chtiger f\u00fchrte zun\u00e4chst zu einer Belebung seiner Gesch\u00e4fte, da viele Neugierige ihre Feierabendbier in Ratiussens Lokal zu sich nehmen wollten, um IHN zu sehen \u2013 einen m\u00f6glichen M\u00f6rder. Hier halfen uns schlie\u00dflich gute Kontakte zum Gesundheitsamt weiter. Noch heute erz\u00e4hlt man sich in der Polizeikantine, wie schwierig es war, einer Familie fetter Kakerlaken habhaft zu werden und in der K\u00fcche des Lokals unseres Verd\u00e4chtigen auszusetzen. Dieses wurde also nach unangemeldeter Inspektion mit sofortiger Wirkung geschlossen, was Ratius in massive finanzielle Schwierigkeiten gebracht hat.<br \/>Auch Wasm\u00fcller ist unverheiratet. Zudem sehr verm\u00f6gend und auf die Aus\u00fcbung eines Brotberufes nicht mehr angewiesen. Dennoch war es ein Leichtes, ihn in seiner B\u00fcrgerlichkeit zu vernichten, gen\u00fcgte der wiederum in der Presse lancierte Hinweis auf p\u00e4dophile Fotos, welche sich auf dem Computer Wasm\u00fcllers gefunden h\u00e4tten. Das ist ungut f\u00fcr den Ruf eines Kinderarztes, sehr ungut.<br \/>Dies also der Stand der Dinge. Wir haben drei Tatverd\u00e4chtige, von denen zwei \u2013 die Unschuldigen \u2013 ein vitales Interesse an der \u00dcberf\u00fchrung des M\u00f6rders haben m\u00fcssen. Die Schwierigkeit besteht nun darin, es ihnen auch plausibel zu machen, dass nur sie, sie allein in der Lage sind, das Verbrechen aufzukl\u00e4ren. Indem sie zusammenarbeiten \u2013 und gleichzeitig gegeneinander. \u2013 Betrachten Sie bitte noch einmal das Gruppenfoto. Die drei Personen sitzen nebeneinander, aber sie kommunizieren nicht miteinander. Sie starren geradeaus. Stundenlang. Kein einziges Wort, kaum ein Blick, und wenn einer, dann ein zuf\u00e4lliger, ein auf der Stelle zur\u00fcckgenommener. Mag sein, dass unser Experiment zum Scheitern verurteilt ist, weil es uns nicht gelingt, die Kommunikation zwischen den Verd\u00e4chtigen, die Detektive werden sollen, herzustellen. Das ist der Stand der Dinge. Und jetzt zum n\u00e4chsten Schritt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang eines Kriminalromans steht eine Idee. \u201eDer zu Unrecht beschuldigte X. macht sich, von der Polizei verfolgt, selbst auf die Suche nach dem T\u00e4ter.\u201c So etwas. 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