{"id":21141,"date":"2008-07-04T07:19:27","date_gmt":"2008-07-04T07:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/analogie\/"},"modified":"2022-06-06T14:33:57","modified_gmt":"2022-06-06T12:33:57","slug":"analogie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/analogie\/","title":{"rendered":"Analogie"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor manchen Fragen scheut man ja instinktiv zur\u00fcck; und vor keiner so angewidert wie vor der, was denn &#8222;Krimi&#8220; eigentlich sei. Meine Erfahrung sagt mir: Je intensiver ich mich um eine Definition bem\u00fche, desto mehr zersplittert der Begriff an sich. Eine andere Frage jedoch bleibt fruchtbar; nicht weil sie sich schl\u00fcssig beantworten lie\u00dfe, sondern weil die Besch\u00e4ftigung mit ihr immer neue Fragen aufwirft, die f\u00fcr sich schon Erkenntnisse sein k\u00f6nnen. Wann wird etwas als Krimi wahrgenommen \u2013 und wann nicht? Und warum?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber werde ich mich anl\u00e4sslich einer Rezension von Hans Leberts &#8222;Die Wolfshaut&#8220; in der zweiten Ausgabe von <em>watching the detectives \u2013 die Zeitschrift <\/em>auslassen. Das Thema beginnt mit der Frage, warum eigentlich der &#8222;Glauser&#8220; Glauser hei\u00dft und nicht &#8222;Perutz&#8220;. Nun, daf\u00fcr gibt es einige offensichtliche und gute Gr\u00fcnde, aber etwas tiefer soll schon gegraben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Arbeitshypothese st\u00fctzt sich indes auf eine Analogie. Analogien k\u00f6nnen, um Tatbest\u00e4nde verst\u00e4ndlicher zu machen, n\u00fctzlich sein; allerdings nur, wenn man wei\u00df, wo sie f\u00fcglich aufh\u00f6ren sollten. Ich habe mich aber etwas erinnert, das meine Jugend wie ein Fluch begleitet hat: Das Suchen nach einem Radiosender.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4ltere werden sich vielleicht noch erinnern. Man hockte auf dem Bett, das Kofferradio (TELEFUNKEN Bajazzo oder wie das hie\u00df) auf den Knien und versuchte, einen der in der Nordsee d\u00fcmpelnden Piratensender (Radio Caroline zum Beispiel) &#8222;reinzukriegen&#8220;. Ich glaube, das Ganze funktionierte im Langwellenbereich, bin mir aber nicht ganz sicher. Sicher bin ich mir aber, dass es eine unglaubliche Pr\u00e4zisionsarbeit war, die Frequenznadel zehntel-millimeter-genau auf der Skala zu platzieren, um die geliebte Musik h\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Nur dass das selten der Fall war und auch nie wirklich &#8222;rein&#8220;. Abgesehen davon bedurfte es st\u00e4ndigen Neujustierens, da die Frequenzen irgendwie &#8222;schwankten&#8220; (ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet). Im Grunde war man zufrieden, wenn sich zwei Sendequellen nur so weit \u00fcberlagerten, dass die erw\u00fcnschte die unerw\u00fcnschte einigerma\u00dfen \u00fcbert\u00f6nte. Ich habe deshalb manchen Song als einen der Kakophonie be\u00e4ngstigend nahen Soundteppich in Erinnerung, &#8222;Black Night&#8220; von Deep Purple beispielsweise, in dessen Hintergrund gerade die Nachrichten in serbokroatischer Sprache verlesen werden. So etwas bleibt einem f\u00fcr den Rest des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktisch sah das also so aus: Es gab eine Frequenzbandbreite, auf der \u2013 sagen wir: Radio Caroline zu h\u00f6ren war. Innerhalb dieser Bandbreite gab es zwei Toleranzbereiche (bildlich gesprochen: links und rechts vom &#8222;Idealzustand&#8220;), die das H\u00f6rerlebnis als &#8222;ungef\u00e4hr passabel&#8220; deklarierten. Man konnte etwa den neuesten Song der Rolling Stones H\u00d6REN. Nicht sauber, manchmal verwischte er auch wieder ins Kakophonische, dann musste man nachjustieren, aber immerhin. Man konnte ihn h\u00f6ren. Den Idealzustand hat man nur h\u00f6chst selten erreicht; eigentlich nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit die Analogie. Auf unsere Ausgangsfrage \u00fcbertragen bedeutet sie: Ob etwas als Krimi wahrgenommen wird oder nicht, liegt an der Position eines Textes auf der Frequenz- = Genrebandbreite. Wir tolerieren dabei ein gewisses Ma\u00df an &#8222;Unreinheit&#8220;, weil es uns gen\u00fcgt, Krimi zu &#8222;erahnen&#8220;. Die Entwicklung des Genres zwingt uns zu st\u00e4ndigem Nachjustieren, aber irgendwann, wenn &#8222;der Konkurrenzsender&#8220; zu sehr die Oberhand gewinnt, sind wir nicht mehr gewillt, etwas als &#8222;Krimi&#8220; zu bezeichnen. Bei Lebert zum Beispiel hie\u00dfe diese Konkurrenz &#8222;hohe Literatur&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Und dar\u00fcber mache ich mir jetzt in aller Ruhe meine Gedanken. Das Ergebnis gibt es dann Ende Juli. Hoffentlich noch im Toleranzbereich der geneigten Leserschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor manchen Fragen scheut man ja instinktiv zur\u00fcck; und vor keiner so angewidert wie vor der, was denn &#8222;Krimi&#8220; eigentlich sei. Meine Erfahrung sagt mir: Je intensiver ich mich um eine Definition bem\u00fche, desto mehr zersplittert der Begriff an sich. 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