{"id":21153,"date":"2008-07-12T10:13:02","date_gmt":"2008-07-12T10:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/vorlaeufiges-aus-der-zwischenzeit\/"},"modified":"2022-06-07T18:38:38","modified_gmt":"2022-06-07T16:38:38","slug":"vorlaeufiges-aus-der-zwischenzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/vorlaeufiges-aus-der-zwischenzeit\/","title":{"rendered":"Vorl\u00e4ufiges aus der Zwischenzeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Zukunft der Krimikritik ist digital und liegt im Internet. Ja. Nein. Eventuell. Aber ganz anders. Jedenfalls: Der kalte, weil niemals erkl\u00e4rte Krieg zwischen den Parteien hat l\u00e4ngst begonnen. Voila, die Frontlinien in diesem Stellungskrieg: Hier die \u201eProfessionellen\u201c; Journalisten, manche mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund, manche nur im Gewerbe, weil sie \u201eauch Krimis\u201c lesen. Sie schreiben f\u00fcr Geld, und das ist v\u00f6llig in Ordnung. Dort die \u201eDilettanten\u201c in Schopenhauerscher Definition. Liebhaber, die um des geliebten Gegenstands willen schreiben, nicht f\u00fcr den schn\u00f6den Mammon, der durch andere T\u00e4tigkeiten in die Haushaltskasse flie\u00dfen muss.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Pfr\u00fcnde der Professionellen waren \u00fcber Jahrhunderte die sogenannten Printmedien. Das hat sich ge\u00e4ndert, seit jede Dorfzeitung ihre Online-Ausgabe hat und etwa Krimirezensionen auch digital abrufbar sind. Genau das nun bringt Professionelle und Dilettanten zusammen. Denn im Netz wird traditionell f\u00fcr Informationen nicht gezahlt, Bezahlblogs gar sind g\u00e4nzlich abwegig. F\u00fcr die Dilettanten mit ihren Blogs kein Problem; f\u00fcr die Professionellen schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hei\u00dfen deshalb professionell, weil sie Geld mit ihrer Arbeit verdienen. Nicht unbedingt, weil sie diese Arbeit besonders gut, kenntnisreich, unparteiisch verrichten. Ein Literaturstudium bef\u00e4higt nicht per se zum kundigen Rezensieren, ja, es ist ein best\u00e4ndiger Kampf gegen den drohenden Verlust der Ausdrucksf\u00e4higkeit (Das sch\u00fcttele ich jetzt nicht so als Anklage aus dem \u00c4rmel. Das kann man auch von Professionellen selber h\u00f6ren, einem sicheren Thomas W\u00f6rtche etwa, der die Untriebe der Professionellen mehrfach schon angeprangert hat. Und der Hier-Schreiber selbst kann nur wiederholen, dass ihm st\u00fccker 80% des professionell gegen Zeilengeld \u00fcber Krimi Abgesonderten nicht auf den Blog k\u00e4men. Aus Qualit\u00e4tsgr\u00fcnden und jetzt mal ganz arrogant in den Raum gestellt). Aber auch die Liebhaberei hat ihre T\u00fccken. Was ich mag, muss ich nicht unbedingt verstehen. Und selbst wenn ich es verstehe, muss ich es nicht logischerweise erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Professionellen und die Dilettanten unterscheiden sich also nicht per definitionem qualitativ. Was sie trennt, ist der Schreibantrieb \u2013 und der Ort ihrer publizistischen Aktivit\u00e4ten. W\u00e4hrend die Professionellen das Internet misstrauisch be\u00e4ugen, weil es ihre Erwerbsm\u00f6glichkeiten verringern kann, lobpreisen die Dilettanten eben dieses Netz als das gro\u00dfe basisdemokratische Becken f\u00fcr alle, die etwas zu sagen haben \u2013 oder dies zumindest glauben. Die Folgen sind bekannt. Unglaubliche Mengen Unsinn, aber auch viele peinliche Versuche von Professionellen, auf den unaufhaltsam fahrenden Zug Richtung Digitalien aufzuspringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft der Krimikritik ist digital und liegt im Internet. Das sagt sich so leicht. Ein kleiner Exkurs. Meine dilettantischen Versuche, \u00fcber Kriminalliteratur zu schreiben, verdiene ich mir seit Jahren u.a. auf dem Gebiet der \u201eNeuen Medien\u201c. Wir erinnern uns. Das waren einmal die Darlings der B\u00f6rsen, bis es zum gro\u00dfen Crash kam. Jahrelang nun habe ich den kalten Krieg der Krimirezensenten auf seinem ureigenen Gebiet, den \u201eNeuen Medien\u201c miterlebt, war selbst involviert. Ich habe Menschen getroffen, die von E-Learning begeistert fanterten, als sei es das endg\u00fcltige Aus f\u00fcr das \u201etradionelle Lernen\u201c und die Heilung aller PISA-Mal\u00e4ssen. Ich sah mich mit Menschen konfrontiert, die jede digitale Neuerung bis aufs Blut bek\u00e4mpften. Ihnen allen gemein: Sie hatten keine Ahnung von der Materie. Sie wussten nichts \u00fcber die M\u00f6glichkeiten des elektronischen Lernens respektive nichts \u00fcber die des tradierten. Sie waren technikbesoffen oder steckten bis zum Hals in kruden Weltkulturuntergangsvisionen. Und tun es heute noch. Wenn ich Interessenten \u00fcber die M\u00f6glichkeiten digitalen Lernens aufkl\u00e4re, dann besteht meine Hauptarbeit darin, ihnen \u2013 auf Deutsch gesagt \u2013 erst einmal die Flausen auszutreiben. Gelingt nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur\u00fcck zur Krimikritik. Sie wird in B\u00e4lde fast ausschlie\u00dflich im Internet stattfinden. Eigentlich tut sie das schon. Weder ein Thomas W\u00f6rtche in \u201eFreitag\u201c noch ein Tobias Gohlis in der \u201eZeit\u201c erreichen das Gros ihres eigentlichen, d.h. an der Materie wirklich interessierten Publikums \u00fcber den Printbereich ihrer medialen Plattformen. Hier werden aus den Professionellen wenigstens zum Teil auch Dilettanten, die ihre Arbeit frei zug\u00e4nglich machen (m\u00fcssen). Da liegt es auf der Hand, auch das Gegenteil zu bedenken. Dilettanten, die zu Professionellen werden, ihre Arbeit honoriert bekommen. In Blogs wird das nicht geschehen, kein Mensch zahlt daf\u00fcr. Also brauchen wir Formen, die nicht mehr technisch definiert sind (hier Blogs mit Kommentarfunktionen, dort \u201enormale Artikel\u201c ohne), sondern inhaltlich und \u00f6konomisch. Ich m\u00f6chte in Zukunft zu etwas \u201eMist\u201c sagen d\u00fcrfen, ohne erw\u00e4hnen zu m\u00fcssen, es sei professioneller Mist oder dilettantischer Mist. Ich m\u00f6chte eine Krimikultur, die unter Konkurrenzdruck funktioniert, von dilettantischen Professionellen oder professionellen Dilettanten etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun pikanterweise keine Frage der technischen Voraussetzungen, sondern der \u00f6konomischen und der ideellen. So wie etwa \u201eE-Learning\u201c nur dort sich wirklich sinnvoll durchsetzt, wo entsprechende bezahlte Arbeitskraft und flexibles, auf den Gegenstand ausgerichtetes Denken vorhanden sind. Ob ich ein Projekt nun mit Java, Python, PHP, Flash, Shockwave, ASP, MySql oder HTML verwirkliche, ist dabei genauso nebens\u00e4chlich wie die Frage, welche Varianten ich w\u00e4hle, um \u201eKrimikultur\u201c zu schaffen. Das Ding wird sich schlicht tragen m\u00fcssen. Finanziell und ideell. Wo das Geld herkommen soll? Spannende Frage. Ich kann sie im Moment nicht beantworten. Wo das Ideelle herkommen soll? Noch spannenderer Frage. Aber die kann ich beantworten: Von den Produzenten. Und von den Konsumenten. Von den Professionellen und den Dilettanten. Und ganz oben steht: Qualit\u00e4t. Kompetenz. Gesichertes Wissen. Wer das nicht aufbringt, darf zur\u00fcck auf seine Blogs wandern oder weiterhin die Krimikolumne des Itzehoer Volksboten betreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befinden uns in einer Zwischenzeit. Zwischenzeiten sind ideal f\u00fcr Experimente. Zwischenzeiten sind kein Platz f\u00fcr kalte Kriege. F\u00fcr kr\u00e4ftiges R\u00fctteln und Sch\u00fctteln, leichtes bis schweres Provozieren aber durchaus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zukunft der Krimikritik ist digital und liegt im Internet. Ja. Nein. Eventuell. Aber ganz anders. Jedenfalls: Der kalte, weil niemals erkl\u00e4rte Krieg zwischen den Parteien hat l\u00e4ngst begonnen. 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