{"id":21154,"date":"2008-07-14T08:25:01","date_gmt":"2008-07-14T08:25:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/berufsbild-krimirezensent\/"},"modified":"2022-06-06T14:45:16","modified_gmt":"2022-06-06T12:45:16","slug":"berufsbild-krimirezensent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/07\/berufsbild-krimirezensent\/","title":{"rendered":"Berufsbild: Krimirezensent"},"content":{"rendered":"\n<p>Traumberuf Krimirezensent! All die dicken B\u00fccherpakete, die einem der treulich seinen tariflichen Mindestlohn ablatschende Postbote schwitzend ins Haus bringt! Kostenlos! Und die Kugelschreiber zu Weihnachten! Die Taschenkalender! Anl\u00e4sslich der Buchmesse gibt\u2019s gratis lauwarmen Kaffee, der Verleger kotaut, als w\u00e4rs eine \u00dcbung in der Muckibude, und die blutjunge Praktikantin \u2013 nat\u00fcrlich eine blonde Germanistikstudentin! \u2013 h\u00e4ngt einem bewundernd an den Lippen und spielt versonnen mit dem Schl\u00fcssel zu ihrem Hotelzimmer. Ja! Traumberuf!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Doch wo viel Licht, da auch ein wenig Schatten. Der Beruf des Krimirezensenten offenbart dem Insider seine d\u00fcstere Seite, die wie die abgewandte des Mondes durch blo\u00dfes Betrachten aus dem Irdischen nicht sichtbar wird. Denn wie jeder Beruf will auch der des Krimirezensenten erlernt sein. Nur: wie? Wo?<\/p>\n\n\n\n<p>Einen staatlich genehmigten Ausbildungsgang gibt es nicht. Wozu auch?, wird der naive Leser fragen. Kann nicht jeder Krimis besprechen? Ging es dabei jemals um etwas anderes als \u201eSpannung\u201c und die Frage, ob man erst auf den letzten zwei Seiten den \u00dcbelt\u00e4ter kennenlernt? Gen\u00fcgt also zum karrierem\u00e4\u00dfigen Einstieg ins Besprechergewerbe nicht die Kenntnis von, sagen wir, einhundert Kriminalromanen? \u2013 Liest man einschl\u00e4gige Rezensionen (die an gewissen \u00d6rtlichkeiten auch \u201eRezessionen\u201c genannt werden \u2013 aber okay, die Krimi-Couch-Bashing-Weeks sind vor\u00fcber), so trifft dies wohl zu. Eine Ouvert\u00fcre wie \u201eIch lese seit 50 Jahren Krimis\u201c hei\u00dft etwa so viel wie \u201eIch bin approbierter Arzt, habilitiere mich soeben \u00fcber die Geschichte der Windpocken im 16. Jahrhundert und kann ergo beurteilen, ob ein Auge ausgelaufen ist oder nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nein, das gen\u00fcgt nat\u00fcrlich nicht, wie die akademisch gebildeten unter unseren Lesern sofort einwenden m\u00f6gen. Ein Studium muss her! Literatur! Abgeschlossen! \u2013 Nun, sagen wir mal so: es kann nicht unbedingt schaden. Wer etwa als Zweiundzwanzigj\u00e4hriger mit der Frage nach der \u201eShakespeare-Rezeption bei Wieland und Herder\u201c konfrontiert wurde, hat vor allem eines gelernt: Lesen muss nicht unbedingt Spa\u00df machen. Es kann \u2013 man glaubt es kaum \u2013 sogar Arbeit sein und, wenn diese Arbeit Ergebnisse zeitigt, dann doch wieder Spa\u00df machen. Muss nicht. Legionen von ebenso erfolgreichen wie letztlich ahnungslosen Hochschulabsolventen legen davon ein beredtes Zeugnis ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zauberwort wurde genannt: Arbeit. Lesen = Arbeit, eine unerh\u00f6rte Gleichung. Denn noch nie war es bei der Beurteilung eines Menschen von Interesse, WAS er liest, sondern immer, WIE er das tut. Okay, das sind nat\u00fcrlich \u201eshocking news\u201c, wie mein Verleger zu schreiben pflegt, wenn er mir die aktuellen Verkaufszahlen meiner B\u00fccher mitteilt. \u00c4ndern indes kann ich es nicht. Ist einfach so.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn machen wir uns doch nichts vor. Ein Rezensent liest kein Buch, um sich dabei gut zu unterhalten. Wenn er sich gut unterh\u00e4lt \u2013 sch\u00f6n f\u00fcr ihn. Aber eigentlich liest er ein Buch, um seiner Kundschaft zu begr\u00fcnden, warum es ihm gefallen hat \u2013 oder nicht. Diese Kundschaft hat das Buch entweder noch nicht gelesen und m\u00f6chte wissen, ob sie es nun lesen soll oder zu anderer Lekt\u00fcre greifen. Oder aber sie hat es gelesen und wartet nun auf die Begr\u00fcndung f\u00fcr ihr eigenes Urteil oder das gerade Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Rezensieren hei\u00dft also: Ich bilde mir ein Urteil, das durchaus ein Geschmacksurteil sein darf, aber ich muss es nachvollziehbar machen. Sehr schlecht dazu eignen sich Worth\u00fclsen wie \u201eDieses Buch ist mehr als ein Krimi\u201c. Ich werde mir in einer meiner n\u00e4chsten Rezensionen z.B. den Spa\u00df erlauben zu schreiben: \u201eDieses Buch ist mehr als ein Roman. Es ist ein Kriminalroman.\u201c \u2013 und das muss ich dem d\u00fcpierten Publikum dann auch erl\u00e4utern. Dazu wiederum brauche ich so etwas wie eine Theorie des Kriminalromans. Wenn ich eine des Romans generell auftreiben k\u00f6nnte, w\u00e4re das noch besser. Nun wissen wir alle, dass es keine Theorie des Kriminalromans gibt, weil es so viele gibt. Also brauche ich eine Teiltheorie oder eine tempor\u00e4re Theorie, die auf das von mir zu besprechende Buch zugeschnitten ist. Die muss ich den Lesern ebenso erl\u00e4utern wie meine Schlussfolgerungen, die Kongruenz von Theorie und Lekt\u00fcrepraxis betreffend.<\/p>\n\n\n\n<p>Puh, das ist kompliziert! Man beurteilt also nicht einfach \u201eein Buch\u201c, sondern sieht es in einem theoretischen und historischen Kontext. Man verfolgt nicht mehr einfach nur die Handlung, sondern analysiert u.a. den Aufbau, die Dramaturgie, die Dialoge, die Verwendung von Versatzst\u00fccken (was in Krimis immer passiert und was ja nichts Schlechtes ist), die Intention des Autors&#8230; kurzum: Ich bin gezwungen, ANDERS zu lesen, auf ein imagin\u00e4res Publikum hin ausgerichtet, dem es herzlich egal ist, ob mir ein Buch nun gefallen hat oder nicht. Sie wollen blo\u00df wissen, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte jetzt noch endlos ins Detail gehen, doch diese Einf\u00fchrungen sind quantitativ ebenso limitiert wie eine Rezension. Was, nebenbei, eine weitere Schattenseite des Berufes ist. Schreibe ich f\u00fcr Zeitungen, habe ich selten mehr als 50 \u2013 100 Zeilen zur Verf\u00fcgung. Aber selbst im Lande der unbeschr\u00e4nkten Schreibm\u00f6glichkeiten, dem Internet, kann ich keine drei\u00dfig Seiten Buchbesprechung anbieten, obwohl es vielleicht manchmal n\u00f6tig und hilfreich w\u00e4re. Ich muss mich, wie fr\u00fcher beim Telefonieren, kurz fassen. Auf den Punkt kommen. M\u00f6glichst wenig schwadronieren, und wenn es sich irgendwie vermeiden l\u00e4sst auch darauf verzichten, meine eigene tolle Bildung, meine un\u00fcbertroffene Krimikompetenz zur Schau zu stellen. Das ist nicht einfach. Das muss man lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wo? Ich wei\u00df es nicht. Schreibkurse bietet inzwischen jede Volkshochschul-Dependance an. Aber Lesekurse? Dabei w\u00e4ren sie dringend vonn\u00f6ten. Nicht nur f\u00fcr Anw\u00e4rter auf den Traumberuf des Krimirezensenten. Denn es gibt nur eine Sache, die noch schwieriger ist als gut schreiben: gut lesen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traumberuf Krimirezensent! All die dicken B\u00fccherpakete, die einem der treulich seinen tariflichen Mindestlohn ablatschende Postbote schwitzend ins Haus bringt! Kostenlos! Und die Kugelschreiber zu Weihnachten! Die Taschenkalender! 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