{"id":21184,"date":"2008-08-06T07:45:52","date_gmt":"2008-08-06T07:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/robert-b-parker-der-gute-terrorist\/"},"modified":"2022-06-15T00:38:18","modified_gmt":"2022-06-14T22:38:18","slug":"robert-b-parker-der-gute-terrorist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/robert-b-parker-der-gute-terrorist\/","title":{"rendered":"Robert B. Parker: Der gute Terrorist"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Unser momentan zur Krimi-Couch delegierter Jung-Geselle Jochen hat uns eine seiner gef\u00fcrchteten Rezensionen \u00fcbermittelt. Sie wollen sie unbedingt lesen? Gerne! Auf wie immer auf eigene Gefahr!<\/em><br \/>\u201eValediction\u201c (\u201eSpensers Abschied\u201c) aus dem Jahr 1984 h\u00e4tte ein beeindruckendes Finale einer Romanreihe sein k\u00f6nnen, die den klassischen Detektiven Chandlerscher Pr\u00e4gung um einige Facetten erweiterte, ohne den Status des edlen Ritters in rostiger R\u00fcstung g\u00e4nzlich abzuschaffen. Parkers Detektiv Spenser hatte mehr Freunde und Helfer als Philip Marlowe, kochte f\u00fcr sein Leben gern \u2013 lie\u00df sich deshalb lang und breit \u00fcbers Essen aus \u2013 und lebte, bis auf eine kurze, aber dramatische Auszeit, in einer offenen Beziehung mit seiner Freundin Susan Silverman, die diese gerne mit dem Bund f\u00fcr\u2019s Leben geschlossen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Doch daf\u00fcr war Spenser seinen literarischen Vorl\u00e4ufern zu sehr verhaftet. Auch wenn die jeweilige Klientin keine ernsthafte Gefahr f\u00fcr Spensers Hormonhaushalt darstellte, blieb er dem romantischen Typus des Westerners treu, der unabh\u00e4ngig von den Verpflichtungen einer festen Bindung auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und neuen Grenzen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider belie\u00df es Parker nicht bei Spensers Abschied, sondern verfasste in den ausgehenden 80ern und beginnenden 90ern weitere Romane mit seinem Helden Spenser, welche die besseren B\u00fccher der Reihe schlechter kopierten (\u201eWer z\u00e4hmt April Kyle\u201c) oder in ihrer Larmoyanz die Grenze zur unfreiwilligen Persiflage nicht selten \u00fcberschritten (\u201eBleiche Schatten im Schnee\u201c, \u201eStarall\u00fcren\u201c). Der einsame Killer Hawk wurde zur Ikone hochstilisiert, Freundin Susan Silverman erging sich in schwer vertr\u00e4glicher K\u00fcchenpsychologie, und Spenser selbst war gef\u00e4hrdet, von der Wucht der eigenen schlechten Scherze erschlagen zu werden. Seine Entwicklung stockte, und aus dem ehemals charmanten, weltoffenen und trotzdem harten Burschen, war ein weinerliches Abziehbild geworden, das sich bei \u00e4hnelnden F\u00e4llen ohne Biss, Jahr f\u00fcr Jahr \u00fcber die Runden schleppte. Gl\u00fccklicherweise fing sich Parker wieder und bot mit den neueren F\u00e4llen mindestens solide Kost.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2007 erschien als derzeit letztes Spenser-Abenteuer der Roman \u201eNow &amp; Then\u201c, den es jetzt unter dem leicht irref\u00fchrenden Titel \u201eDer gute Terrorist\u201c auf Deutsch im Handel gibt. Es beginnt wie erwartet: ein Klient sucht Spenser auf, damit dieser seine vermutlich untreue Gattin beschattet. Eher gelangweilt als am\u00fcsiert \u00fcbernimmt der Detektiv den Auftrag und findet schnell heraus, dass Dennis Doherty mit seinem Verdacht recht behalten soll. Seine Frau Jordan hat ein Verh\u00e4ltnis mit dem charismatischen Professor Perry Alderson. Eine heimlich aufgenommene Kassette belegt nicht nur den Ehebruch, sondern zeigt auch, dass Alderson Kontakt zu einer mutma\u00dflichen terroristischen Gruppe besitzt. Nach der \u00dcbergabe der Aufnahme an den betrogenen Doherty \u00fcberschlagen sich die Ereignisse: es gibt die ersten Toten. Spenser macht die Aufkl\u00e4rung der Morde zu seiner pers\u00f6nlichen Angelegenheit \u2013 immer tapfer auf den Spuren der eigenen Vergangenheit \u2013 und heftet sich an die Fersen des omin\u00f6sen Perry Alderson. Was er herausfindet, bringt nicht nur ihn, sondern vor allem seine Dauerfreundin in Gefahr, und es bedarf eines konzertierten Einsatzes Spensers und seines Freundes Hawk \u2013 plus den Nachz\u00fcglern Vinnie und Chollo \u2013 die leidige Geschichte zu einem halbwegs befriedigenden Ende zu bringen. Nicht zuletzt dank der Deckung durch das FBI werden die Hochzeitspl\u00e4ne Susan Silvermans und ihres Galans Spenser als M\u00f6glichkeit einer gemeinsamen Zukunft so konkret wie nie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer gute Terrorist\u201c hat etwas von einer Heimkehr in vertraute Gefilde. Gleich zu Beginn darf Spenser mit sarkastischen Einzeilern gl\u00e4nzen und auch mal daneben treffen. Das wohlbekannte Szenario, in dem der Ermittler den potenziellen Klienten mit unversch\u00e4mter Humorigkeit nervt, wird derart beil\u00e4ufig serviert, dass selbst die hochgezogene Augenbraue ob der teilweise ausgelutschten Witze immer noch eine anerkennende ist. Parker spielt mittlerweile mit geschlossenen Augen auf der Klaviatur klassischer Muster. Unaufgeregt, mit knappen, kurzen S\u00e4tzen, in denen kaum ein Wort zu viel verloren wird, skizziert er seine Figuren und die Situationen, die sie bew\u00e4ltigen m\u00fcssen. Hier gibt es kein gro\u00dfes Geschrei: alles, was Spenser und seine Kollegen tun, folgt einem \u00fcberlegten Pragmatismus, dessen Antrieb die Suche und Herbeif\u00fchrung von Gerechtigkeit ist. Wobei Spenser egoistisch genug ist, die Jagd und Entlarvung der m\u00f6glichen \u00dcbelt\u00e4ter auch als sp\u00e4ten Kehraus f\u00fcr m\u00f6gliche Vers\u00e4umnisse in seiner eigenen Vergangenheit in Anspruch zu nehmen. Im Gegensatz zu den fr\u00fcher gern ausufernden Eskapaden, ist \u201eDer gute Terrorist\u201c ein Paradebeispiel zum Thema Zweckm\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hobbykoch Spenser bekommt zwar seinen Auftritt, aber lange nicht so ausschweifend wie in fr\u00fcheren Romanen, Susan Silvermans Analysen sind knapp und meist treffend, endlose Beziehungsdiskussionen entfallen gl\u00fccklicherweise. Spenser und seine Helfer ziehen ihr Ding durch, lassen sich gleichzeitig den R\u00fccken vom FBI freihalten, was in vergangenen Zeiten ein Unding gewesen w\u00e4re. Doch hier herrscht ein beinahe freundschaftliches Joint Venture, von dem alle profitieren. Mit Perry Alderson hat Parker zudem einen faszinierenden Gegenpol zu Spenser geschaffen. Denn Alderson glorifiziert seine Vergangenheit, deren Wahrhaftigkeit bis zum Ende angezweifelt werden darf, geht dabei \u00fcber Leichen, wenn ihm und seinen h\u00f6chst privaten Vergehen jemand auf die Schliche kommt. Spenser dagegen hinterfragt sein eigenes Gestern best\u00e4ndig, auf der Suche nach M\u00f6glichkeiten, ihm im Heute gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u201eguten Terroristen\u201c geht es viel mehr um Lebensl\u00fcgen und die Wahrnehmung der eigenen Biographie, als um politische Implikationen. Jene Gruppe von Terroristen, der Alderson so selbstgerecht vorsteht, dient letztlich nur der eigenen Legendenbildung und der Wahrung pers\u00f6nlicher Interessen. Dass mit der Verk\u00fcndung radikal-politischer Phrasen immer noch der ein oder andere Dollar gemacht werden kann, wird allerdings gerne in Kauf genommen. Alderson erweist sich au\u00dferdem als geschickter Manipulator, der labile Heranwachsende dank seines rhetorischen Talents f\u00fcr seine Sache rekrutieren kann. Spenser, der maltr\u00e4tierte Jugendliche bereits in fr\u00fcheren B\u00fcchern gerne rettete und zu sozialisieren versuchte, handelt diesmal wesentlich pragmatischer: es bleiben zumindest zwei von einem halben Dutzend Revolution\u00e4ren am Leben; die dem FBI \u00fcbergeben werden, anstatt ihnen einen eigenst\u00e4ndigen Weg zur\u00fcck ins Leben zu spendieren. Dar\u00fcber verlieren Spenser und Hawk auch kein erkl\u00e4rendes Wort, denn die \u00dcberlebenden sind zwar jung und verwirrt \u2013 aber auch Killer. Und als solche geh\u00f6ren sie bestraft.<br \/>\u201eDer gute Terrorist\u201c ist weit davon entfernt innovativ zu sein; aber Parker zeigt, das kaum alternde Privatdetektive auch heutzutage noch dazu taugen, ansprechende Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Spenser und seine illustre Clique sind zu Freunden geworden, die man gerne einmal pro Jahr besucht und in deren Gesellschaft man sich wohl f\u00fchlt. Der Abschied f\u00e4llt nicht schwer, denn solange Parker fit genug ist, wei\u00df man, man wird sie n\u00e4chstes Jahr wiedersehen. Und freut sich drauf.<\/p>\n\n\n\n<p>good times, bad times,<br \/>You know I had my share<br \/>(Led Zeppelin)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert B. Parker: Der gute Terrorist. Ein Fall f\u00fcr Spenser <br \/>(Now &amp; Then, 2007). Pendragon 2008. 208 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser momentan zur Krimi-Couch delegierter Jung-Geselle Jochen hat uns eine seiner gef\u00fcrchteten Rezensionen \u00fcbermittelt. Sie wollen sie unbedingt lesen? Gerne! 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