{"id":21186,"date":"2008-08-08T08:41:33","date_gmt":"2008-08-08T08:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/kritikerstammtisch-lucie-klassen-der-13-brief\/"},"modified":"2022-06-06T16:49:28","modified_gmt":"2022-06-06T14:49:28","slug":"kritikerstammtisch-lucie-klassen-der-13-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/kritikerstammtisch-lucie-klassen-der-13-brief\/","title":{"rendered":"Kritikerstammtisch: Lucie Klassen, &#8222;Der 13. Brief&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/stammtisch.gif\" alt=\"stammtisch.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wenn vier Menschen ein Buch lesen, dann lesen vier Menschen vier B\u00fccher. Selbst dann, wenn die Meinungen nicht so weit auseinander driften. Bestes Beispiel: \u201eDer 13. Brief\u201c von Lucie Klassen. Die HonoratiorInnen am Kritikerstammtisch sind sich (fast) einig. Erfrischend und nett sei das Debut geraten, aber. Interessant jedoch, wie doch im Detail die Perspektiven der Kritiker voneinander abweichen. Lesen Sie selbst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Henny Hidden meint:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erster Teil. Ein M\u00e4dchen geht in die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lila Ziegler, eine zwanzigj\u00e4hrige Abiturientin, die mit dem Zug unterwegs nach Bielefeld zu einem Jurastudium ist, zerrei\u00dft kurzentschlossen ihr Uni-Einschreibeformular, um sich fortan auf einen Selbstfindungstrip zu begeben. Geografisch gesehen endet er in Bochum, vor einem Mietshaus, vor dem sie durchgefroren steht, ohne einen Cent in der Tasche, nah am Aufgeben, mit dem einzigen Wunsch, eine trockene Unterkunftsm\u00f6glichkeit zu finden.<br \/>Wie sie es schafft, auf dem Sofa des Privatdetektivs Ben Danner im obersten Stockwerk des Mietshauses zu landen, ist schon eine kleine \u00dcberraschung f\u00fcr den Leser, der so gut eingestimmt dem weiteren Verlauf entgegensieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohnehin ist er von dieser Figur fasziniert. Ein schnoddriger M\u00e4dchentyp, der uns da begegnet, \u00fcbergeschnappte G\u00f6re und gewohnheitsm\u00e4\u00dfige L\u00fcgnerin, dabei durchaus scharfsinnig und scharfz\u00fcngig &#8211; kurz gesagt- frech bis in die lila Haarspitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unwillk\u00fcrlich fragt man sich, warum die meisten deutschen KrimiautorInnen immer so deutschschwer r\u00fcberkommen m\u00fcssen? Und es st\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht, dass da oft Einsichten aus ihrem Munde flie\u00dfen, die ein Mensch unm\u00f6glich in diesen jungen Jahren gewonnen haben kann. So am\u00fcsant hat ein deutscher Krimiautor, soweit mir bekannt, seine Hauptfigur schon lange nicht agieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Nebenfiguren \u00fcberzeugen. Wir erleben Lilas neue Mitmenschen als kleine anarchistische Zelle, die in der im Erdgeschoss des Mietshauses befindlichen Kneipe ihren Sammlungsraum gefunden hat. Da sind Molle, der Kneipenwirt, der den versorgenden Part \u00fcbernommen hat, Staschek, der Polizeikommissar, der \u00fcber die Verbindung zur Ordnungsmacht dessen Aktivit\u00e4ten kontrolliert und Danner, dem zur Erreichung eines Auftrages jede subversive T\u00e4tigkeit recht und billig ist. Und so f\u00fcgt es sich, dass Danner seine Einwohnerin gleich in seinen aktuellen Fall einspannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freundin von Stascheks sechzehnj\u00e4hriger Tochter Lena hat sich aus dem Fenster eines Klassenraums gest\u00fcrzt. W\u00e4hrend die Polizei von einem Selbstmord ausgeht, glauben Staschek und Danner, dass etwas anderes dahinter steckt. Sie k\u00f6nnen Lila \u00fcberreden, sich in der zehnten Klasse anzumelden, damit sie von den Mitsch\u00fclern intimere Details \u00fcber die Beweggr\u00fcnde der Tat erfahren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn man als Au\u00dfenstehender glaubt, dass Schluss mit lustig ist, wenn man in die Schule kommt, verkennt man das heutige Schulgetriebe. Die Sch\u00fcler haben schon l\u00e4ngst die Oberhand und es verwundert nicht, dass ein M\u00e4dchen wie Lila sich m\u00fchelos in den Schulalltag einpassen kann. Der unengagierte Unterricht der resignierten Lehrer als eine Folge ihres Autorit\u00e4tsverlustes wird ebenso anschaulich geschildert wie die r\u00fcden Umgangsformen, die die Jugendlichen untereinander pflegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der allgemeinen \u00dcberalterung der Lehrerschaft darf auch er nicht fehlen, der staubtrockene, pullundertragende Lehrer, der allem scheinbar wehrlos ausgeliefert ist und es dennoch versteht, die angenehmen Seiten des Ortes mit seinen Vorlieben zu verbinden. Er ger\u00e4t unter Verdacht, weil er die zickigen Sch\u00fclerinnen bei ihren Sehns\u00fcchten packt, indem er ihre aufbl\u00fchenden K\u00f6rper in lasziven Posen ablichtet. Und pl\u00f6tzlich kommt einem als Leserin wieder vieles sehr bekannt vor, so als h\u00e4tte sich seit ewigen Zeiten nichts ge\u00e4ndert.<br \/>Letztlich werden Lilas Informationen zu keinen bedeutenden Erkenntnissen f\u00fchren. Was auch nicht zu erwarten war. Daf\u00fcr erfahren wir mehr \u00fcber das traumatisierte M\u00e4dchen, das aus dem Elternhaus floh, weg vom pr\u00fcgelnden Vater und einer egozentrischen Mutter, und das keine N\u00e4he zu anderen Menschen vertragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso mehr f\u00fchlt sie sich bei ihren neuen Freunden in der Kneipe aufgehoben.<br \/>Aber die aufm\u00fcpfigen M\u00e4nner proben dort so wenig den Aufstand wie zu heutiger Zeit das Tragen von schwarzen Pullovern, auch ein von Danner bevorzugtes Kleidungsst\u00fcck, eine Gesinnung widerspiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird nur ein kleines Aufb\u00e4umen gegen den b\u00fcrokratischen Polizeiapparat sein, den sie wagen, und genau besehen ger\u00e4t es noch eine Stufe tiefer, letztendlich steht ihr Feind an der Spitze desselbigen Apparates, in Gestalt einer verflossenen Geliebten Danners und wartet auf seine Ernennung zur Vizepolizeipr\u00e4sidentin. Eine Karriere, die auf Kosten Danners erfolgte, und es ist nicht uninteressant, bei der Gesamtbetrachtung des Buches dar\u00fcber nachzudenken, warum die Autorin eine beruflich vorw\u00e4rts kommende Frau mit einem derart negativen Bild ausgestattet hat. Dass diese Frau noch immer auf Danner scharf ist, versteht sich von selbst, denn auch der Leser ahnt sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt, wo die Geschichte hinstrebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweiter Teil. Der Schn\u00fcffler und das M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Liebesakt an der K\u00fchlerhaube nach dem Polizistenball driftet das Ganze in eine Schmonzette ab. Nicht nur, dass die Geschichte mit der Polizeipr\u00e4sidentin mehr und mehr verquaschter wird, sie dient zudem, Danner als Opfer einer Intrige aufzuwerten. Und auch alle weiteren Ermittlungen werden der Romanze untergeordnet. Da f\u00e4hrt Danner unerkl\u00e4rlich im Alleingang zu einem Verd\u00e4chtigen, um sich von Lila retten zu lassen, ebenso wie Lila bei einer versuchten Vergewaltigung von Danner im letzten Moment von ihrem Peiniger erl\u00f6st wird. \u00dcberhaupt diese Vergewaltigungsszene, bei das Verhalten beider Beteiligter nicht so richtig einleuchten will. Dennoch fand ich die Idee der T\u00f6tung durch einen Stich mit dem F\u00fcllfederhalter originell.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re die Tat nicht aus einer Notwehrhandlung erfolgt, sondern konsequenter mit einem herbeigef\u00fchrten Befreiungsakt vom despotischen Vater unterlegt gewesen, w\u00e4re es f\u00fcr mich eine runde Geschichte geworden. Aber so kann ich nur seufzen, wenn ich sehe, dass ihr emanzipatorisches Streben geradewegs in den wohligen Armen ihrer m\u00e4nnlichen Besch\u00fctzer endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach Lila, M\u00e4dchen.<br \/>Zu anderen Zeiten h\u00e4tte eine Autorin die Namenswahl mit einem politischen Programm verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Georg Patzer meint:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen Lila, das Jura studieren soll, aber statt in Bielefeld in Bochum aussteigt. Ein \u00e4lterer, rotziger und trotziger Detektiv, Ben Danner, der sie aufnimmt und auf der Couch schlafen l\u00e4sst. Der dicke Kneipenwirt Molle mit viel Herz, der sie verpflegt und ihr einen Job gibt. Und dann arbeitet sie als Detektivin gleich mit, weil Danner einen Fall in einer Schule aufkl\u00e4ren soll, wo ein M\u00e4dchen aus dem Fenster gesprungen ist. Er arbeitet undercover als Sportlehrer, und Lila wird in die Klasse geschmuggelt, um von innen her zu ermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Lucie Klassen hat mit \u201eDer 13. Brief\u201c einen recht netten, lesbaren Krimi geschrieben, der flott und manchmal witzig geschrieben ist und einen Haufen stilistische M\u00e4ngel hat, die man noch h\u00e4tte rausnehmen k\u00f6nnen. Vor allem am Anfang ist sie sehr pathetisch-kitschig: \u201eDie Enge dieser Stadt hatte etwas Bedrohliches, das mich schneller gehen lie\u00df\u201c, ihre st\u00e4ndigen Vergleiche sind meist v\u00f6llig daneben: \u201eDie Wahrheit blieb mir gew\u00f6hnlich im Hals stecken, wie ein vergiftetes Apfelst\u00fcck\u201c, ihre Sprache ist allgemein etwas zu \u00fcberladen, und manchmal bleibt sie in Klischees stecken (die Liebesgeschichte zwischen Lila und Danner, die Personenzeichnung, oben schon angedeutet). Daf\u00fcr hat sie Witz (den sie manchmal \u00fcberstrapaziert), und ihre Story mit den vielen M\u00e4dchengeschichten (Freundschaften, Briefeschreiben, Sexgeschichten, Partys) geht ziemlich schnell \u00fcber die B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist \u201eDer 13. Brief\u201c ein Krimi, den man ohne allzu gro\u00dfen Schaden liest, und das ist im Land der bottinisierten Romane ja schon eine Leistung. Mehr ist er allerdings auch nicht. Dass Lilas Vater sie st\u00e4ndig geschlagen hat, dass der Vater der Toten seine Tochter und seine Frau tyrannisiert und vergewaltigt hat \u2013 gut, das kommt vor in Juristen- und Lehrerfamilien. Dass sich das M\u00e4del in den viel \u00e4lteren Mann verliebt und er in sie, auch das kommt vor. Aber da sind wir dann ja schon wieder bei den Klischees. Und ich wollte doch loben. Geht aber nicht: Der Roman hat mich nicht ber\u00fchrt, hat mir keine neuen Welten er\u00f6ffnet und auch keine alten etwas n\u00e4her erkl\u00e4rt, hat nicht auffallend sch\u00f6n erz\u00e4hlt, hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nur der eine Witz, den fand ich gut: \u201eHorst zuckte zusammen, als h\u00e4tte Danner auf einer Zaubererversammlung laut \u201aVoldemort\u2019 gerufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/klassen.jpg\" alt=\"klassen.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Joachim Feldmann meint:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen leichtfertig habe ich mich als N\u00f6rgler an diesem Stammtisch eingefunden, denn ich war in dem festen Glauben, die Lekt\u00fcre von Lucie Klassens Deb\u00fctkrimi \u201eDer 13. Brief\u201c sei keine rundum erfreuliche gewesen. Und dies habe vor allem sprachliche Ursachen gehabt. Beim zweiten Blick in das Buch allerdings musste ich mein spontan harsches Urteil revidieren. Was mich, abgesehen von einem Satz, in dem behauptet wird, Jugendliche verst\u00e4ndigten sich \u201edurch eine Sprache\u201c, st\u00f6rte, war schlicht das Tempus der Erz\u00e4hlung. Das gem\u00e4chliche Pr\u00e4teritum scheint mir so gar nicht zu Lila Ziegler, der frechen 20-j\u00e4hrigen Heldin des Romans, zu passen. Ein Beispiel gef\u00e4llig: \u201eTats\u00e4chlich war ich so ziemlich das genaue Gegenteil einer karrieregeilen Anw\u00e4ltin\u201c. W\u00fcrde das Pr\u00e4sens hier nicht erheblich besser passen? Zumal es sich dann er\u00fcbrigte, fr\u00fchere Geschehnisse im oft krampfigen Plusquamperfekt zu schildern. Probieren wir es einmal aus: \u201eLandschaft taucht hinter dem Fenster des Zuges auf, saust vorbei und ist wieder verschwunden, bevor ich hingesehen habe. An meiner Stirn sp\u00fcre ich das Zittern der Scheibe, an der mein Kopf lehnt, und das Dr\u00f6hnen der der R\u00e4der auf den Schienen summt in meinen Ohren.\u201c (S. 8) Klingt doch erheblich besser als die Vergangenheitsform, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wahrscheinlich ist das auch Geschmacksache. Ansonsten ist \u201eDer 13. Brief\u201c ein ausgesprochen unterhaltsamer Kriminalroman, der seinen Reiz vor allem aus der Figurenkonstellation bezieht. Lila mit dem losen Mundwerk, Danner, der m\u00fcrrische Privatdetektiv, und Molle, der gutm\u00fctige Kneipier, geben ein feines, durchaus serientaugliches Trio ab. Einem taffen Ermittler eine vorlaute G\u00f6re zur Seite zu stellen, ist eine gute, wenn auch keine neue Idee. Der amerikanische Autor Dick Lochte hat vor einigen Jahren mit \u201eLaughing Dog\u201c (1985) und \u201eSleeping Dog\u201c (1988) zwei Krimis vorgelegt, die das Komikpotential dieser Genrevariante erfolgreich nutzen. Allerdings ist Serendipity Dahl Quist, die dem trinkfesten Privatschn\u00fcffler Leo Bloodworth das Leben manchmal schwer macht, erst 14. Lila Ziegler gibt sich zwar manchmal rebellisch wie ein pubertierender Teenager, ist aber immer hin bereits zwanzig, was der Beziehung zu Danner eine erotische Komponente verleiht.<br \/>Der Plot, es geht um den r\u00e4tselhaften Selbstmord einer Sch\u00fclerin, ist stimmig und recht spannend. Ob es wirklich 345 Seiten h\u00e4tten sein m\u00fcssen, m\u00f6chte ich bezweifeln. Wie die meisten aktuellen Krimis w\u00fcrde \u201eDer 13. Brief\u201c von einigen beherzten K\u00fcrzungen durchaus profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>dpr meint:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum macht man als Kritiker mit diesem Buch nicht einfach kurzen Prozess? Es stimmt n\u00e4mlich fast gar nichts an der Geschichte des M\u00e4dchens Lila, das Hals \u00fcber Kopf in einen ziemlich merkw\u00fcrdigen Kriminalfall ger\u00e4t. Gut, dass sie, auf dem Weg nach Bielefeld zum Jurastudium, lieber in Bochum aussteigt \u2013 man kann es verstehen. Dort irrt sie ein paar Minuten durch die Stadt und findet sofort ein neues Zuhause. So einfach ist das. Man klingelt aufs Geratewohl bei einem Privatdetektiv, erz\u00e4hlt eine L\u00fcge und hat sein Obdach. Und bequemerweise befindet sich auch eine Kneipe im Haus, wo man jobben kann und fein vom Wirt bekocht wird, der zugleich Vater und Mutter ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt noch schlimmer. Lila ger\u00e4t in einen Fall ihres Obdachgebers. Der untersucht den Tod eines Schulm\u00e4dchens und hat sich zu diesem Zweck als Sportlehrer anheuern lassen. Von wem? Von einem befreundeten Polizisten, dessen Tochter die Tote kannte und in eine Klasse mit ihr ging. Fortan wird auch Lila in diese Klasse gehen, als &#8222;die Neue&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh Gott. Man muss das deutsche Schulb\u00fcrokratiesystem nicht kennen, um ob solcher Nonchalance die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen zu schlagen. Aber dann erinnern wir uns: Das ist nat\u00fcrlich &#8222;Feuerzangenbowle&#8220;! Ein Film, \u00fcber den Generationen von Deutschen bei jeder neuerlichen Wiederholung immer noch herzlich lachen. Und dass, obwohl keiner der dort agierenden &#8222;Sch\u00fcler&#8220; unter 25 gewesen sein d\u00fcrfte. Also auch bei Lila: Schwamm dr\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, jetzt mal ganz ernsthaft: Warum lassen wir Lucie Klassen all das durchgehen? Die Antwort: Weil wir dem Jungm\u00e4dchencharme ihrer Heldin und ihrer Abenteuer erlegen sind. Lucie ist eines dieser Girlies, wie sie durch Viva oder MTV geistern, der l\u00e4ppischen Gedanken \u00fcbervoll, unbeeindruckt von Regeln und sonstigen Konventionen, st\u00e4ndig plappernd und geh\u00f6rige Nervens\u00e4gen, wenn\u2019s denn sein muss. Da kann man nicht erwarten, dass s\u00e4mtliche &#8222;Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Genres&#8220; ernstgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie assoziiert man diesen Roman mit den guten alten Zeiten, als mit dem Anlesen eines Krimis die Logik sogleich in den Standby-Modus zur\u00fcckschaltete, Edgar-Wallace-Verfilmungen fallen einem auch spontan ein. Und vielleicht brauchen wir genau das heute wieder: eine im Grunde irrwitzige Protagonistin, die uns ihre irrwitzigen Stories erz\u00e4hlt, eine auf Bochumformat heruntergekochte Modesty Blaise. Das n\u00e4mlich tut Lila, und sie tut es gut. Es ist unterhaltsam, man sieht \u00fcber manche Stilbl\u00fcte hinweg, man bewegt sich in einer eigentlich fremd gewordenen Welt jugendlicher Unbek\u00fcmmertheit und jugendlicher Maximaltrag\u00f6dien, die mit dem Fehlen eines Eyeliners oder \u00e4hnlicher existentieller Gegenst\u00e4nde zusammenh\u00e4ngen. Ungetr\u00fcbter Lesegenuss also.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis auf zwei Dinge, die wir Lucie Klassen wirklich nicht durchgehen lassen k\u00f6nnen. Einmal: Lilas innerer D\u00e4mon. Doch, den hat sie. Sie ist n\u00e4mlich von ihrem Vater verpr\u00fcgelt worden. Das st\u00f6rt, weil es irgendwie drangepappt r\u00fcberkommt, wenigstens ein echtes Problem sollte es schon sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zweitens: Dass sie sich dem Privatdetektiv hingibt. Okay, so sind nun einmal die Hormone. Aber gerade diese Verliebtheit, die nicht gleich im Vollzug endet, h\u00e4tte noch mehr Charme in den Text bringen k\u00f6nnen. Zumal im Hinblick auf weitere Folgen mit Lila und Co. Denn die werden so sicher kommen wie das &#8222;Geil!&#8220; in der Disko.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Lucie Klassen: Der 13. Brief. <br \/>Grafit Verlag, 346 S., 9.95 Euro<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn vier Menschen ein Buch lesen, dann lesen vier Menschen vier B\u00fccher. 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