{"id":21191,"date":"2008-08-11T07:51:29","date_gmt":"2008-08-11T07:51:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/alltag-eines-rezensenten-enttaeuschte-erwartungen\/"},"modified":"2022-06-07T00:40:58","modified_gmt":"2022-06-06T22:40:58","slug":"alltag-eines-rezensenten-enttaeuschte-erwartungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/alltag-eines-rezensenten-enttaeuschte-erwartungen\/","title":{"rendered":"Alltag eines Rezensenten: Entt\u00e4uschte Erwartungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wieder ist es in aller Munde: das Gezetere um die ach so selten gewordene literaturkritische Streitkultur, die Frage nach dem Sinn von Rezensionen und wen sie zu welchem Zweck erreichen sollen. Die Kritik als Kaufempfehlung oder die Kritik als Wetzstein feuriger Debatten? Und, selbstverst\u00e4ndlich, die Suche nach den Urteilskriterien , die nicht weniger als &#8222;objektiv&#8220; sein sollen. Wer aber Literatur f\u00fcr eine messbare Wissenschaft h\u00e4lt, liegt ebenso falsch wie der, dem als einziger Ma\u00dfstab &#8222;der Geschmack&#8220; dient.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seien wir ehrlich: F\u00fcr ca. 90 plus ein paar zerquetschte Prozent aller Krimikonsumenten z\u00e4hlt allein, ob ihnen ein Buch gefallen oder nicht gefallen hat. Diese Leute haben, wenn es an Begr\u00fcndungen geht, zum Teil grotesk wirkende Artikulationsschwierigkeiten, wie man diversen Foren entnehmen kann. Aber das ist in Ordnung so. Es hat ihnen halt gefallen oder nicht gefallen, mehr gibt es dazu nicht zu sagen, die Erwartungen wurden erf\u00fcllt oder nicht, \u00fcbertroffen oder nicht und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Minderheit von Krimilesern gilt dies allerdings nicht; es w\u00e4re einfach zu wenig, zu billig, die Qualit\u00e4t eines Textes daran zu messen, ob er die Erwartungen erf\u00fcllt, gut unterhalten hat. Wenn es so war, auch hier: sch\u00f6n so. Freut mich. Mit &#8222;Kritik&#8220; hat aber auch das nichts zu tun. Kritik bedeutet, sich mit jeder neuen Lekt\u00fcre auch neu auf das Abenteuer Literatur einzulassen, und das wiederum setzt voraus, seine Erwartungen auf die Basis dessen herunterzuschrauben, was Literatur bewirken soll: staunen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir als erstes Beispiel Rainer Gross und seinen Roman &#8222;Wei\u00dfe N\u00e4chte&#8220;. Nach dem Deb\u00fcterfolg von &#8222;Grafeneck&#8220; ist &#8222;Wei\u00dfe N\u00e4chte&#8220; eines gewiss: eine Entt\u00e4uschung aller Erwartungen. Aber nicht deshalb ist er gescheitert, im Gegenteil. Gerade dass hier dramaturgisch gegen die Konventionen angegangen wird, gegen die Konventionen, die in &#8222;Grafeneck&#8220; ja durchaus noch eingehalten wurden, bewahrt &#8222;Wei\u00dfe N\u00e4chte&#8220; vor dem Totalabsturz und n\u00f6tigt zumindestens Respekt vor dem Mut des Autors ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder nehmen wir Leonardo Paduras &#8222;Der Nebel von gestern&#8220; und Iain Levinsons &#8222;Tiburn&#8220;. Zwei Romane, die ich &#8222;gerne&#8220; gelesen habe, will hei\u00dfen: Sie haben meine Erwartungen erf\u00fcllt. \u2013 Und sind dennoch misslungen. Das ist der Punkt, an dem die Urteilskriterien greifen und \u00fcber meinen pers\u00f6nlichen Geschmack hinaus gehen sollten. Bei Padura war es zum Beispiel so, dass ich als Kenner der bisherigen OEuvres das Mechanische in &#8222;Der Nebel von gestern&#8220; identifizieren konnte, das blo\u00dfe Repetieren einmal erfolgreicher Muster. Selbst wenn der Roman einige un\u00fcbersehbare handwerkliche Schw\u00e4chen NICHT aufgewiesen h\u00e4tte, w\u00e4re er daher f\u00fcr mich doch als KRIMINALroman misslungen, weil ich eins dort NICHT erkennen m\u00f6chte: das Versatzst\u00fcckhafte. \u00c4hnlich ist es mir bei &#8222;Tiburn&#8220; ergangen. Ein St\u00fcck aus dem Labor, alles ausgelotet mit festen Grenzen, \u00fcber die der Leser nicht zu springen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re ich ein Nurleser ohne den Ehrgeiz, meine Meinungen \u00fcber Kriminalliteratur der \u00d6ffentlichkeit mitzuteilen, h\u00e4tte mich all das nicht zu interessieren brauchen. Ich h\u00e4tte &#8222;Wei\u00dfe N\u00e4chte&#8220; entt\u00e4uscht zur Seite gelegt, &#8222;Der Nebel von gestern&#8220; und &#8222;Tiburn&#8220; jedoch mit dem Wohlbehagen dessen, der seine Erwartungen erf\u00fcllt sieht. Nicht gerade H\u00f6chstleistungen des Genres, aber immerhin. Als Kritiker darf ich es mir nicht so leicht machen. Ich muss meinen Kriterienkatalog f\u00fcr &#8222;gute Kriminalliteratur&#8220; zu Rate ziehen, und in dem steht nun einmal, den Mut eines Autors anzuerkennen und ihm auch im Scheitern aufmunternd auf die Schulter zu klopfen respektive das allzu Kalk\u00fclhafte, und sei es noch so gut gemacht, zu gei\u00dfeln. Ich trenne also meinen &#8222;Geschmack&#8220; hier gewisserma\u00dfen von jenen \u00fcbergeordneten Richtschn\u00fcren, die \u2013 wer h\u00e4tte es gedacht \u2013 letztlich so subjektiv sind wie dieser Geschmack selbst, aber eben durch Erfahrung gewachsen, abstrahiert \u2013 und immer wieder auf dem ber\u00fcchtigten Pr\u00fcfstand stehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Leser von Rezensionen braucht nun auch das nicht zu interessieren. Was er zur Kenntnis nimmt, ist der Versuch eines Kritikers, seine Ansichten mit Hilfe von Ma\u00dfst\u00e4ben durchsichtig zu machen, zu sagen, warum er ein Werk genau so und nicht anders im gro\u00dfen Mosaik des Genres ortet und bewertet. Nebenbei: Man kann das nur, wenn man bewusst auch &#8222;schlechte&#8220; Krimis liest, dr\u00f6hnend misslungene, hochpeinliche, schreiend dilettantische. Ich muss die nicht unbedingt besprechen, ich kann mich als Kritiker nach der Maxime richten, Empfehlungen abzugeben, dem Leser ein treuer Cicerone durch das Dickicht der Neuerscheinungen zu sein. Aber meine Kategorien wachsen und gedeihen nur, wenn ich auch das Miserable kenne und nicht nur das Grandiose.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ist es in aller Munde: das Gezetere um die ach so selten gewordene literaturkritische Streitkultur, die Frage nach dem Sinn von Rezensionen und wen sie zu welchem Zweck erreichen sollen. Die Kritik als Kaufempfehlung oder die Kritik als Wetzstein feuriger Debatten? 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