{"id":21196,"date":"2012-04-30T09:54:13","date_gmt":"2012-04-30T09:54:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/christine-lehmann-totensteige\/"},"modified":"2022-06-08T05:01:37","modified_gmt":"2022-06-08T03:01:37","slug":"christine-lehmann-totensteige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/04\/christine-lehmann-totensteige\/","title":{"rendered":"Christine Lehmann: Totensteige"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"168\" height=\"263\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/lehmann.jpg\" alt=\"lehmann.jpg\"\/> Vorweg: Das ist kein Roman \u00fcber die Finanzkrise, das Eurorettungskarussell oder einen zu lockeren Bundespr\u00e4sidenten, der waidgerecht zur Strecke gebracht wird. Und weil er das nicht ist, ist er genau das: Ein Roman \u00fcber den Mechanismus, der solchen Dingen innewohnt, sie antreibt, manchmal erst erschafft. Sagen wir also: Christine Lehmanns &#8222;Totensteige&#8220; ist ein fundamentaler Roman, in einigem sogar ein fundamentalistischer, der keine literarische Ideologie neben der kriminalliterarischen duldet. Und diese Ideologie zugleich gnadenlos vorf\u00fchrt. 537 Seiten lang.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es geht um Aberglauben und Manipulation. Irgendwie ist Schwabenreporterin Lisa Nerz an die Tischr\u00fccker und Geisterseher geraten. Bei ihren weiteren Recherchen st\u00f6\u00dft sie auf ein parapsychologisches Institut, lernt Derya, die aparte Doktorin kennen und leider auch den Chef des Ganzen, den aber im toten, ausgeweideten Zustand. Wohl ist der T\u00e4ter, ein Mann namens Juri Katzenjacob, schnell ermittelt, doch damit beginnen die Verwicklungen erst. Dass dieser Katzenjacob als Maler und Anstreicher arbeitet und aus Rum\u00e4nien stammt, wo ja auch die Untoten herkommen, das verweist schon auf das heillos augenzwinkernde Spiel, das Lehmann inszeniert. Katzenjacob entwickelt sich n\u00e4mlich im Verlauf der Handlung zum globalen D\u00e4mon, zum Parapsychohitler, aber davon ahnen zu diesem Zeitpunkt weder Lisa Nerz noch die Leser etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls bildet sich schlie\u00dflich ein Viererteam aus Nerz, ihrem Staatsanwaltlover Richard Weber, Derja und dem schottischen &#8222;Geisterj\u00e4ger&#8220; Finley McPierson, das sich daran macht, den Mord und seine Hintergr\u00fcnde aufzukl\u00e4ren. Noch ist die Geschichte eine Art Normkrimi mit notorisch gut recherchierten Fakten zum \u00dcbersinnlichen. Das \u00e4ndert sich aber, als die Vier einen Beinahe-Flugzeugabsturz \u00fcberleben, ebenso einen unterirdischen Hinterhalt und schlie\u00dflich auf einer kleinen schottischen Insel voll ins Visier der Medien und Mythen gelangen. Sie werden abwechselnd f\u00fcr tot erkl\u00e4rt oder zu Terroristen hochgeschrieben, alle Welt beginnt sich vor ihnen zu f\u00fcrchten. Und mit der Welt so langsam auch der Leser. Was ist denn das f\u00fcr ein unlogischer Krimi?<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei tut Lehmann etwas Naheliegendes. Sie klaubt sich ein paar Versatzst\u00fccke des Genres heraus und \u00fcberh\u00f6ht sie bis ins Grotesk-Klamottige (ein Staatsanwalt im Kilt etc.). Jetzt rasten die Mechanismen des Genretrashs in den Mechanismus der Welt ein, Aberglaube verbindet sich mit Logik, Wahrheit ist Manipulation, das n\u00fcchterne Sein entsteht im medialen Schein. Ein neuer B\u00f6sewicht taucht auf, der Zeitungstycoon Oiger Groschenkamp (sch\u00f6ne Namen hat sich Frau Lehmann da ausgedacht), er bildet Meinungen, er schafft Fakten, versetzt die Welt in Panik und beruhigt sie abwechselnd, profitiert von beidem. Jetzt sind wir dort, wo uns Lehmann haben will: In einem furchtbaren Groschenkrimi namens Wirklichkeit, siehe Finanzkrise, siehe Euro, siehe den ganzen Rest, den wir nicht verstehen, also aber glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch genug der Handlung. Die wird immer turbulenter, die Lage spitzt sich zu, die Welt steht kopf. Lisa Nerz erleidet den &#8222;soziokulturellen Tod&#8220; (ein Schl\u00fcsselbegriff des Romans), ihre Beziehung zu Weber zerbricht, Merkel, Obama, Sarkozy d\u00fcrfen mitspielen und der Papst erh\u00e4lt gar eine tragende Rolle. Aber l\u00e4ngst befinden wir uns im Maschinenraum der Handlung, dort wo wie gesagt Aberglaube und Manipulation Glauben und Wahrhaftigkeit produzieren. Je grotesker die Handlung desto realistischer die Weltbeschreibung. Kennen wir doch irgendwo her?<\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Von Fred Vargas, deren &#8222;Die Nacht des Zorns&#8220; fast zeitlich in deutscher \u00dcbersetzung erschienen ist, ein \u00e4hnlich dickes Teil, das mag man f\u00fcr Zufall halten oder von \u00fcbersinnlichen Kr\u00e4ften gesteuert, sei&#8217;s drum. Beide Autorinnen jedenfalls nehmen die \u00fcbernat\u00fcrlichen Dinge, \u00fcber die sie schreiben, ernst, sie lassen sich auf das Irrationale als ein strukturierendes Elemente des Rationalen ein, auf die soziokulturelle Vernichtung, auf das Affenrad, das da im Hintergrund gedreht wird. Der Oiger Groschenkamps sind viele, sogar in der Krimikritik und anderen Kloakengewerben, sagt man jedenfalls. Sie machen mit uns was sie wollen, wir machen sie, weil sie das wollen. Dies zu beschreiben, hat Christine Lehmann einen grotesken Krimi verfasst, um das zu erden, was allzu abgehoben schwebt. Sch\u00f6n so etwas.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Christine Lehmann: Totensteige. <br \/>Argument \/ Ariadne Krimi 2012. 537 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg: Das ist kein Roman \u00fcber die Finanzkrise, das Eurorettungskarussell oder einen zu lockeren Bundespr\u00e4sidenten, der waidgerecht zur Strecke gebracht wird. Und weil er das nicht ist, ist er genau das: Ein Roman \u00fcber den Mechanismus, der solchen Dingen innewohnt, sie antreibt, manchmal erst erschafft. 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