{"id":21203,"date":"2008-08-18T08:14:04","date_gmt":"2008-08-18T08:14:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/anne-chaplet-schrei-nach-stille\/"},"modified":"2022-06-17T21:40:37","modified_gmt":"2022-06-17T19:40:37","slug":"anne-chaplet-schrei-nach-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/anne-chaplet-schrei-nach-stille\/","title":{"rendered":"Anne Chaplet: Schrei nach Stille"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor Jahreszahlen, die mit einer 8 enden, schaudert es mich. Schw\u00e4rmt doch dann die gesammelte kritische Medienwelt aus und zerrt die \u00fcblich verd\u00e4chtigen Zeitzeugen von &#8222;Achtundsechzig&#8220; vor die Notizbl\u00f6cke und Fernsehkameras, auf dass diese schwankenden Gestalten zum 20., 30., 40. Jubil\u00e4um ihre Sicht der Dinge zum Besten geben. Sie gockeln und sie bl\u00f6ken, sie giften und sie antichambrieren vor sich selbst \u2013 \u00fcbel ist das, peinlich, manchmal ekelerregend.<br \/>Nicht weniger \u00e4rgerlich die meisten der Publikationen anl\u00e4sslich der runden Wiederkehr jenes magischen Jahres 1968. Und auf einen Krimi zum Thema k\u00f6nnen wir nun wahrlich verzichten. \u2013 Dachte ich. Irgendwie. Nicht mal so sehr, weil Anne Chaplet als Autorin dieses Werkes annonciert wurde, sondern weil generell zu bef\u00fcrchten stand, wieder einmal ein Besinnungstextlein mit ungelenken historischen Einsch\u00fcben vorgesetzt zu bekommen. Aber lesen wollte ich es nat\u00fcrlich; das sind schlie\u00dflich garantierte Verrisse, auf die verzichtet der Kritiker nur ungern.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja. Und jetzt bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als Anne Chaplet f\u00fcr ihren &#8222;Schrei nach Stille&#8220; zu loben. Zu loben, weil sie die Fallstricke souver\u00e4n umgangen und ein Musterbeispiel f\u00fcr gelungene Kriminalliteratur abgeliefert hat. Das nat\u00fcrlich nicht allen gefallen wird, so wie einem James Sallis zu lakonisch, David Peace zu ordin\u00e4r, Heinrich Steinfest zu skurril, Rex Miller zu schweinisch sein darf, und Anne Chaplet zu gediegen, zu b\u00fcrgerlich. Aber das Genre ist gro\u00df genug, um auch ihr darin neidlos anzuerkennende Krimis bescheren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neunzehnhundertachtundsechzig. Darum geht es also. \u2013 Nein. Eben nicht. Wir lernen Sophie Winter kennen, eine, wie man so sagt, Altachtundsechzigerin, eine Mitl\u00e4uferin, ein &#8222;Blumenm\u00e4dchen&#8220;, das einst mit zwei anderen Hippies aufs Dorf gezogen war. Jetzt, fast vierzig Jahre sp\u00e4ter, kehrt sie zur\u00fcck. Grau ist sie geworden und ein Buch hat sie geschrieben, einen Bestseller, einen autobiografischen Roman \u00fcber diese Zeit in dem Dorf, die keine idyllische war. Ist doch ihre Mitbewohnerin Sascha damals spurlos verschwunden, ein Verbrechen nicht auszuschlie\u00dfen. Die Dorfbewohner be\u00e4ugen sie misstrauisch, sie haben, das merkt man sofort, etwas zu verbergen. Mysteri\u00f6se Dinge geschehen, jemand verfolgt Sophie, beachtet sie, dringt in ihr H\u00e4uschen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Okay, so oder \u00e4hnlich war das zu erwarten. Aber Anne Chaplet macht nun eine entscheidende Sache richtig, sie zeichnet ihre Protagonistin als einen Menschen, dem peu \u00e0 peu sein Kurzzeitged\u00e4chtnis abhanden kommt, Alzheimer nennt man die Krankheit. Je mehr sie aber den Kontakt zum Jetzt verliert, desto intensiver wird der zur Vergangenheit. Das ist beinahe r\u00fchrend zu beobachten, eine tragische Volte, die den Text in die richtige Richtung lenkt, weg von den Schlagw\u00f6rtern, hin zum verkorksten Innenleben aller Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und etwas Zweites gelingt der Autorin: die sukzessive Aufkl\u00e4rung des Falles, die Dramaturgie der Ermittlung. Sie wird von zwei Personen unabh\u00e4ngig voneinander gef\u00fchrt, von Chaplets bekannter Serienfigur Paul Bremer, der in besagtem Dorf wohnt, und dem Polizeibeamten DeLange, der f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit zust\u00e4ndig ist und in dieser Funktion bei den Dreharbeiten zur Verfilmung von Sophie Winters Buch zugange ist. Als Gew\u00e4hrleister des &#8222;polizeilich Authentischen&#8220;, gewisserma\u00dfen. Die beiden Ermittlungsstr\u00e4nge laufen lange Zeit parallel, ohne sich zu ber\u00fchren, aber sie erg\u00e4nzen sich. W\u00e4hrend Bremer die Vergangenheit seiner Mitdorfbewohner zu erhellen versucht, steht DeLange f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des &#8222;Authentischen&#8220;, des sch\u00f6nen Scheins. Ohne es zu gro\u00df beschreiben zu m\u00fcssen, deutet Chaplet hier an, was von allen &#8222;Erinnerungen&#8220;, allem Medialen zum historischen Ereignis zu halten ist: nichts als ein Zurechtbiegen, ein Besch\u00f6nigen, bestenfalls eine weitere Interpretation unter vielen, die der schn\u00f6den Wirklichkeit nicht standhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit zum psychologischen und historischen Setting des Romans, in dem es um das Sicherinnern und seinen Authentizit\u00e4tsgrad geht (der erschreckend niedrig und willk\u00fcrlich ist), bei Sophie Winter, wo die Vergangenheit \u00fcberhand nimmt, bei der Dorfbev\u00f6lkerung, die gerne das Gestern zugunsten des Heute verdr\u00e4ngen w\u00fcrde, also an der entgegengesetzten Form von Ged\u00e4chtnisverlust leidet. Sp\u00e4testens hier springt der Text aus seinem zeitgeschichtlichen Korsett und wird zu einem h\u00fcbschen St\u00fcck subtiler Psychologie, Sophie Winter stets pars pro toto f\u00fcr eine Generation merkw\u00fcrdig in der Vergangenheit eingeklemmter Menschen ohne Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar die genre\u00fcblichen Verwicklungen und Dramen wirken nicht wie Fremdk\u00f6rper (in Ordnung; den Herrn DeLange beutelt die Autorin vielleicht ein wenig zu sehr). Der verschwundene Junge Luca etwa, nach dem quasi am Rande gesucht wird und der zum Schluss ein letztes Mosaiksteinchen im gro\u00dfen Teppich ist, wirkt ebenso plausibel in diesem Szenario wie manch d\u00f6rfliche Nebenfigur.<\/p>\n\n\n\n<p>Also. &#8222;Schrei nach Stille&#8220; ist ein Musterbeispiel daf\u00fcr, wie man mit durchdachter Komposition und Figurenzeichnung selbst dem ausgemergelsten Thema eine spannende Seite abgewinnen kann. Chapeau, Frau Autorin.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Anne Chaplet: Schrei nach Stille. <br \/>List 2008. 334 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahreszahlen, die mit einer 8 enden, schaudert es mich. Schw\u00e4rmt doch dann die gesammelte kritische Medienwelt aus und zerrt die \u00fcblich verd\u00e4chtigen Zeitzeugen von &#8222;Achtundsechzig&#8220; vor die Notizbl\u00f6cke und Fernsehkameras, auf dass diese schwankenden Gestalten zum 20., 30., 40. Jubil\u00e4um ihre Sicht der Dinge zum Besten geben. 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