{"id":21207,"date":"2008-08-20T08:03:06","date_gmt":"2008-08-20T08:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/eine-kurze-notiz-ueber-das-lesen-von-kriminalromanen\/"},"modified":"2022-06-13T00:48:28","modified_gmt":"2022-06-12T22:48:28","slug":"eine-kurze-notiz-ueber-das-lesen-von-kriminalromanen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/eine-kurze-notiz-ueber-das-lesen-von-kriminalromanen\/","title":{"rendered":"Eine kurze Notiz \u00fcber das Lesen von Kriminalromanen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Sie w\u00fcnschen &#8211; wir schreiben&#8220; versprachen wir gestern an dieser Stelle. Unsere Leserin Frau Krimi aus \u00d6sterreich wollte wissen, warum Menschen eigentlich Krimis lesen. Kein Problem. Diplomphilosoph Darius Pjotr Radunzki, der das wtd-Team in existentiellen Fragen (&#8222;Wer darf mit den M\u00e4dels in den Whirlpool?&#8220;) ber\u00e4t, hat sich so seine Gedanken gemacht. Gestern. Beim Kaffee. Zwischen 14.45 und 14.49 Uhr. Wir stellen sie im Folgenden zur Diskussion.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>ie Frage, warum Menschen lesen, ist eine der leichtesten \u00fcberhaupt. Weil ihnen ihre Welt nicht genug ist. Aber Krimis? Ausgerechnet Krimis? In Ordnung: Dort gibt es eine andere Welt, die zu betreten einem im wirklichen Leben nicht einfiele, die Welt des Verbrechens, des Ungl\u00fccks, der Trag\u00f6die.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ja nun keine Welt, die isoliert zur eigenen kleinen, \u00fcberschaubaren existierte. Verbrechen, Ungl\u00fcck, Trag\u00f6die umgeben uns, ob wir wollen oder nicht, sie liegen wie ein ferner Schleier \u00fcber allem, glauben wir, aber wer es eben nicht glaubt, dass dieser Schleier \u00dcBER einem liegt (und nicht l\u00e4ngst in einem weht) und schon gar nicht so fern ist, wie man glauben k\u00f6nnte, der liest Krimis, weil er das Verbrechen, das Ungl\u00fcck, die Trag\u00f6die in ihrer ganzen Unmittelbarkeit, ihrer ganzen Kraft erleben m\u00f6chte. Das sind die einen. Die anderen lesen Krimis, weil sie den Schleier zerrissen sehen wollen. Es gibt Verbrechen, Punkt. Sie werden aber aufgekl\u00e4rt, Punkt. Sie sind definierbar, und was ich definieren kann, beherrsche ich, das ist harmlos, das schrumpft auf seine Abstraktion zusammen, auf Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben also zwei Arten von Krimilesern: Die, die sich die Verbrechen nahlesen, in ihre Welt holen, und die, die sie sich fernlesen und aus ihrer Welt verbannen, bis nur noch das pure Gaudium \u00fcbrigbleibt, der Schleier zur G\u00e4nsehaut geworden ist. Pierre Bayard w\u00fcrde vielleicht sagen: Okay. Die einen, die Fernleser, holen sich die Figuren und Handlungen der Krimis aus diesen heraus, das sind dann quasi die Immigranten der Fiktion, die in die Wirklichkeit des Lesers fl\u00fcchten und dort wie Falschgeld herumlaufen, Figuren und Taten in einem neckischen Spielchen werden, T\u00e4ter-Opfer-Ermittler, und das Spielchen hat seine \u00fcberschaubaren Regeln und wenn es vorbei ist, verschwinden die Figuren und ihr Tun wieder im Buch, das zugeklappt und zu Ungunsten des n\u00e4chsten vergessen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen, die Nahleser, begeben sich in das Buch hinein. Sie vermengen ihr Dasein mit dem der Fiktionalit\u00e4t, sie machen die erfundenen Verbrechen zu den tats\u00e4chlichen, sie agieren manchmal gegen die Handlungsf\u00fchrung des Autors, es \u00e4rgert sie, wenn der T\u00e4ter seine gerechte Strafe und der Detektiv die k\u00fchle Blonde bekommt, denn dann wissen sie, dass man sie bel\u00fcgt. Wenn das Buch zu Ende ist, begeben sie sich zur\u00fcck in ihre Wirklichkeit, und jetzt ist passiert, was in guter Literatur immer passiert: Diese Wirklichkeit hat sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, m\u00f6glicherweise ist doch alles ganz anders. M\u00f6glicherweise gibt es noch eine dritte Gruppe von Lesern, die Nahfernleser. Ganz vertrackt. Sie sind die Mehrk\u00e4mpfer unter den Lesern, sie wollen das B\u00f6se erkennen und gleichzeitig bannen, sie wollen vergessen und gleichzeitig erinnert werden, sie wollen euphorisch sein und gleichzeitig deprimiert. Ich haue mir also zufrieden auf die Schenkel,lache, schnalze mit der Zunge \u2013 und derweil sitzt mein Verstand ern\u00fcchtert und desolat in mir drin. Das ist beinahe ein Fall f\u00fcr den Psychiater, die Psychiaterin. Oder: einfach nur ganz normal?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sie w\u00fcnschen &#8211; wir schreiben&#8220; versprachen wir gestern an dieser Stelle. 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