{"id":21208,"date":"2008-08-21T08:18:14","date_gmt":"2008-08-21T08:18:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/eine-kurze-notiz-zu-klassikern\/"},"modified":"2022-06-07T18:49:43","modified_gmt":"2022-06-07T16:49:43","slug":"eine-kurze-notiz-zu-klassikern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/eine-kurze-notiz-zu-klassikern\/","title":{"rendered":"Eine kurze Notiz zu Klassikern"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Serviceteam von wtd macht sich heute an die Beantwortung der Frage des verzweifelten Lesers Claus. Was sind Klassiker? Wie werden die das? Und bleiben sie es auch? Wenn nein: warum nicht? \u2013 Ein Fall f\u00fcr unseren wissenschaftlichen Mitarbeiter, Dr. Detlef Plinius Rauschenberg, emeritierter Professor f\u00fcr Literaturgeschichte und seit seinem R\u00fcckzug aus dem wissenschaftlichen Leben als begeisterter Anh\u00e4nger des Trivialen geoutet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Als Klassik bezeichnet man in Fachkreisen, um es popul\u00e4rwissenschaftlich auszudr\u00fccken, die musterg\u00fcltigen Meisterwerke einer Nationalliteratur (\u00fcbrigens ein Begriff, den ein Klassiker, Herder n\u00e4mlich, gepr\u00e4gt hat). &#8222;Klassik&#8220; hat es bis zur Epochenbezeichnung gebracht, &#8222;deutsche Klassik&#8220;, das meint die Zeit von Goethe, Schiller, Herder, Wieland, Lessing, die allgemein als H\u00f6hepunkt der einheimischen Literatur gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kurze Definition sagt uns bereits, wo es langgeht. Klassische Werke der Literatur sind ihre H\u00f6hepunkte \u2013 danach ist Sense oder es geht bergab. Denn: Kann es mehr als eine klassische Epoche in einer Sprachgemeinschaft, einer Nation geben? Zum Beispiel die Romantik (die sich zeitlich ja mit der Goetheklassik teilweise \u00fcberschneidet) oder der Expressionismus? Theoretisch schon, wenn man die Geschichte mit der Klassik als Epochenbezeichnung vergisst und wieder auf &#8222;musterg\u00fcltige Meisterwerke&#8220; rekurriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Genreliteratur kennt demnach Klassiker. Sie sind entweder &#8222;musterg\u00fcltig&#8220;, also H\u00f6he- und gleichzeitig Schlusspunkte einer innerhalb des Genres sich entwickelt habenden Spezialstrangs (&#8222;Subgenre&#8220;) oder schlichtweg Innovationen, die am Anfang eines solchen Subgenres stehen und seinen Werdegang entscheidend pr\u00e4gen. Edgar Poe zum Bespiel. F\u00fchrte die zielgerichtete, voll auf die Ratio konzentrierte Deduktion ein. Und den genialischen Ermittler. Conan Doyle, der dieses Konzept zum H\u00f6hepunkt f\u00fchrte, ist selbstverst\u00e4ndlich auch &#8222;Klassiker&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran erkennt man nun aber die Klassiker des Krimigenres? WER erkennt sie? Und, ganz wichtig: WANN geschieht das?<\/p>\n\n\n\n<p>Beantworten wir diese Fragen an einem Beispiel, dem Schwedenduo Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6, \u00fcber das ich gerade, wie es der Zufall so will, eine kurze, bald an einem Krimisamstag des Titel-Magazins erscheinende Abhandlung verfasst habe. Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 sind mit ihren zehn Martin-Beck-Romanen zu Klassikern geworden. Obwohl sie keine Innovatoren waren, denn die beiden wichtigsten Elemente ihrer Texte waren damals, in den sechziger, siebziger Jahren schon wohlbekannt: Polizeiarbeit und Krimi als Instrument gesellschaftlicher, politischer Aufkl\u00e4rung. Erstere haben sich Sjwall \/ Wahl\u00f6\u00f6 vorzugsweise von Ed McBain und seinem 87. Polizeirevier ausgeborgt, letzterer ist so ziemlich der \u00e4lteste Hut der Kriminalliteratur, denn etliche Werke der fr\u00fchen deutschen Krimigeschichte etwa waren auch aufkl\u00e4rerisch gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest was die Darstellung der Polizeiarbeit betrifft, kann man Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 aber mit einigem Recht als &#8222;H\u00f6hepunkt&#8220; dieses Subgenres bezeichnen. Was man schon daran sieht, wie oft und verbissen sie seither kopiert worden sind \u2013 und doch unerreicht bleiben. Die Beck-Romane erf\u00fcllen, so gesehen, also die Kriterien der Klassikerwerdung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwieriger und damit interessanter wird es beim zweiten Element. Dass die Romane aufkl\u00e4rerisch wirken sollten, ja, propagandistisch und nicht selten demagogisch, bringt ein bislang noch ungekanntes Kriterium ins Spiel: die Zeitabh\u00e4ngigkeit. Preist man die bekannten Klassiker der Literaturgeschichte, so lobt man stets auch ihre Relevanz f\u00fcr das Hier und Jetzt, ihre UNABH\u00c4NGIGKEIT von der Entstehungszeit. Sie haben uns &#8222;auch heute noch etwas zu sagen&#8220;, hei\u00dft es dann, was aber ein relativer Begriff ist, denn geben Sie einem durchschnittlich gebildeten Leser einmal Wieland in die Hand \u2013 er wird nicht mehr viel damit anfangen k\u00f6nnen. Was aber, unter uns, am Leser liegt und nicht an Wieland.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 verhielt sich die Sache nun so, dass sie in den achtziger, vor allem aber in dem neunziger Jahren ihren Klassikerstatus beinahe verloren h\u00e4tten, da sie zu abh\u00e4ngig waren von den gesellschaftlichen Umst\u00e4nden ihrer Entstehungszeit. Wer, seien wir ehrlich, glaubte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, noch an das von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 propagierte sozialistische Ideal? Wer sprach von &#8222;Ausgebeuteten&#8220;? Wen k\u00fcmmerte es, dass bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 von sozialem Terror die Rede war, von einer \u00dcberbevormundung der Menschen, einer geistigen Verwahrlosung? Was die beiden Schweden dennoch im Klassikerrang verbleiben lie\u00df, war nur noch ihre vorbildliche Darstellung von Polizei-Team-Arbeit, in die sich die Leser wie in einem Rausch einklinken konnten. Aber das andere? L\u00e4ngst anachronistisch geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch siehe: Die Zeiten \u00e4nderten sich. Es kam der Turbokapitalismus, es kam die Verelendung breiter Volksschichten, es kam der Neoliberalismus, die Globalisierung, der PISA-Schock, die Problematik der sogenannten Parallelgesellschaften&#8230; und pl\u00f6tzlich war das, was anachronistisch schien, wieder hochaktuell.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Klassikerstatus ist also ein schwankender. Aber wer legt fest, ob etwas Klassiker wird oder nicht? Nat\u00fcrlich die Literaturwissenschaftler. Und die Kritiker. Und die Medien. Aber das k\u00f6nnen wir glatt vergessen. Die wirklichen Klassikermacher sind \u2013 die Leser. Zwar sind auch sie keineswegs unfehlbar und springen auf allerhand modische Z\u00fcge, die dann unter dem Zeichen des &#8222;Retrotrends&#8220; durch die Landschaft dampfen. Aber der hunderttausendste Aufguss des alten Pulpschemas etwa ist garantiert genauso wenig Klassizit\u00e4t wie der Versuch, den Minirock wieder zur Freude des m\u00e4nnlichen Geschlechtes ins sommerliche Stra\u00dfenbild zu integrieren. Nicht was als Konsequenz einer PR-Masche &#8222;wiederbelebt&#8220; und meinetwegen hunderttauschendfach verkauft wird, ist klassisch. Sondern das, was sich \u00fcber die Jahrzehnte, ja, \u00fcber die Jahrhunderte immer wieder mit Erfolg seine Leserschaft sucht \u2013 und auch findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchette etwa mag keine Bestseller wie Leon oder Mankell geschrieben haben \u2013 aber er d\u00fcrfte ein Klassiker bleiben, weil man ihn auch in hundert Jahren noch mit Gewinn lesen wird. Gewisse D\u00fcrreperioden wegen &#8222;fehlender Aktualit\u00e4t&#8220; eingerechnet, siehe Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6. \u00dcber den Klassikerstatus entscheiden also DIE NACHGEBORENEN. Vieles von dem, was heute als &#8222;klassisch&#8220; gehandelt wird, d\u00fcrfte diese Probe nicht bestehen, wir tippen einmal auf Herrn Mankell, den man dereinst als Epigonen begreifen wird, Frau Leon aus dito Grund, w\u00e4hrend Werke, die zu ihrer Entstehungszeit und in den Jahren danach, eher schn\u00f6de behandelt wurden, durchaus auch weiterhin die Chance besitzen, Klassiker zu werden. Nehmen wir die Herren Charles Willeford oder Joe R. Lansdale als Beispiele. Das sind, da ich im Heute lebe und nicht in die Zukunft zu schauen vermag, Mutma\u00dfungen. Begr\u00fcndete, wie ich hoffe. Dennoch kann es sein, dass ich mich irre oder dass die von mir als solche herausposaunten Klassiker wie Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 diesen Status einmal unwiederbringlich verlieren werden, wenn ein noch musterg\u00fcltigerer Konkurrent auf der B\u00fchne erscheint. Dann sind sie ein Fall f\u00fcr das Kriminalliteraturmuseum.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen wir mit dem, was der Klassiker Lessing \u00fcber den Irgendwie-auch-Klassiker Klopstock sagte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? \u2013 Nein. Wir wollen weniger erhoben und flei\u00dfiger gelesen sein.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4mlich ist das drohende Schicksal von Klassikern: Man lobt sie. Aber man liest sie nicht mehr. Dann sind sie, schlicht: tot. Bis zur n\u00e4chsten Wiederauferstehung<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Serviceteam von wtd macht sich heute an die Beantwortung der Frage des verzweifelten Lesers Claus. Was sind Klassiker? Wie werden die das? Und bleiben sie es auch? 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