{"id":21210,"date":"2012-05-12T10:09:16","date_gmt":"2012-05-12T10:09:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/die-grossen-die-kleinen-und-das-knirschen-im-gebaelk\/"},"modified":"2022-06-07T19:54:18","modified_gmt":"2022-06-07T17:54:18","slug":"die-grossen-die-kleinen-und-das-knirschen-im-gebaelk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/die-grossen-die-kleinen-und-das-knirschen-im-gebaelk\/","title":{"rendered":"Die Gro\u00dfen, die Kleinen und das Knirschen im Geb\u00e4lk"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Welt ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man nicht mehr \u00fcber sie reden kann. Nat\u00fcrlich redet man \u00fcber sie, mehr als je zuvor. Es sind Kamingespr\u00e4che von selbsternannten Universalisten, Durchblickern und emp\u00f6rten Aufrufern, die, schaut man genauer hin, vielleicht Koryph\u00e4en der Geschichte des deutschen Postwesens im 17. Jahrhundert sind, sich aber auff\u00fchren, als beanspruche das gesamte Weltwissen nur ein moderates K\u00e4mmerchen in ihren gigantischen Gehirnen, wo lockere Themen wie Finanzkrise, Urheberrecht und Klimawandel ebenso locker verhandelt werden, um hernach als handliche Gebrauchsanweisungen in die Welt zu eruptieren. Aber das nur nebenbei. Es ist der Rahmen, in dem sich die Geschichten, ob Trag\u00f6dien oder Kom\u00f6dien, abspielen, die gro\u00dfen wie die kleinen, und von einer kleinen wollen wir kurz berichten: dem Krimi.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit einer unbestreitbaren Feststellung. Dominique Manotti wird an Heiligabend 70 Jahre alt. Das macht sie f\u00fcr die gr\u00f6\u00dferen deutschen Verlage, die sogenannten &#8222;Publikumsverlage&#8220;, zur persona non grata, was nichts mit Weihnachten zu tun hat, sondern schlicht mit ihrem Alter. Es hat auch nichts damit zu tun, dass Dominque Manotti eine sogenannte &#8222;engagierte&#8220;, wahrscheinlich gar &#8222;linke&#8220; Schriftstellerin ist. Damit haben Verlage keine Probleme, so lange es sich verkauft. Sie haben Probleme mit dem Alter der &#8222;neuen&#8220; Autoren. \u00dcber 50? Wird sofort aussortiert, keine Chance. Nein, ich spreche ausnahmsweise mal nicht aus eigener Erfahrung, sondern teile, immer noch ungl\u00e4ubig staunend, mit, was mir betroffene Kolleginnen und Kollegen, aber auch Lektoren und Lektorinnen erz\u00e4hlt haben. Das Publikum hat anscheinend nichts dagegen, mit seinen Spannungslieferanten zu altern, aber neue Lieferanten, die schon &#8222;alt&#8220; sind, die m\u00f6gen sie anscheinend gar nicht, jedenfalls glauben das die Verlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krimis von Dominique Manotti werden in einem deutschen Verlag publiziert. Wohl auch nicht ohne kommerziellen Erfolg (ich kenne die Zahlen nicht&#8230;), aber der kommerzielle Erfolg des \u00fcbersichtlichen Argument Verlages mit seiner Ariadne-Krimiabteilung ist nicht der kommerzielle Erfolg der gro\u00dfen Verlage. Dazwischen tun sich Welten auf. Nun ist die Geschichte Dominique Manottis in Deutschland nat\u00fcrlich zun\u00e4chst einmal eine erfreuliche Geschichte. Sie WIRD verlegt. In einem kleineren Verlag, aber immerhin, es gibt wenigstens gen\u00fcgend kleine Verlage, die das Lebensalter ihrer Autorinnen und Autoren nicht als Auswahlkriterium gelten lassen. \u00dcberhaupt: kleine Verlage. Vor wenigen Jahrzehnten noch war &#8222;Krimi&#8220; eine Dom\u00e4ne irgendwo zwischen rororo-Thrillern und Bastei-L\u00fcbbe. Bahnhofskioskware zum schnellen Verbrauch, nicht selten miserabel \u00fcbersetzt, brutal gek\u00fcrzt. Inzwischen hat sich der Markt diversifiziert, das Sortiment ist breiter geworden, kleine Verlage \u00f6ffnen beinahe im Wochentakt neue Bauchl\u00e4den, in denen all das Platz findet, was in den gro\u00dfen Verlagen, die wie nie zuvor in &#8222;Krimi&#8220; machen, eben keinen Platz findet. Was nicht hei\u00dfen soll, man biete bei den Gro\u00dfen nur noch mediokre Massenware feil und bei den Kleinen die Pretiosen. Klein zu sein ist kein Verdienst, sondern ein marktdynamischer Zustand. Alle Kleinen w\u00e4ren gerne gr\u00f6\u00dfer, manche werden es sogar.<\/p>\n\n\n\n<p>Na und? So ist es nun einmal. Es gibt die Gro\u00dfen, die B\u00fccher als Waren behandeln, was sie immer schon getan haben und tun mussten, denn vor der Liebe zur Literatur stand und steht das Diktat der \u00d6konomie. Ist auch bei den Kleinen so, nebenbei bemerkt. Vielleicht nicht ganz so brutal, nicht ganz so auf betriebswirtschaftliche Kennziffern reduziert, aber auch die Kleinen m\u00fcssen Rohstoffe, Energiekosten, L\u00f6hne bezahlen. Alles in allem hat sich also der Krimibuchmarkt so entwickelt, wie etwa der Musikmarkt schon vor ihm: Es gibt die Gro\u00dfen f\u00fcr das Marktg\u00e4ngige und die Kleinen f\u00fcr die &#8222;Nischenprodukte&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber bedeutet das f\u00fcr die Kriminalliteratur? F\u00fcr die Produzenten dessen, was man Nischenliteratur nennt: Verabschiedet euch von der Illusion, dass euch eure Arbeit ern\u00e4hren kann. F\u00fcr die Konsumenten: Verabschiedet euch von der Illusion, dass euch eure gutsortierte Buchhandlung \u00fcber die neuesten Entwicklungen des Genres auf dem Laufen h\u00e4lt. Dort kommen die Erzeugnisse der Kleinen in der Regel n\u00e4mlich gar nicht vor. Und wenn doch, dann sind sie l\u00e4ngst Erzeugnisse der Gro\u00dfen geworden, Lizenzausgaben etwa, weil man gemerkt hat, aha, da w\u00e4chst ein Autor heran, mit dem man Geld verdienen k\u00f6nnte, also kaufen wir die Rechte \u2013 oder kaufen wir gleich den kompletten Autor. Was, alles in allem, zum Nachteil des kleinen Verlages ist, der f\u00fcr seine mitunter jahrelange Arbeit mit einem Autor, sein Engagement, sein Risiko mit nichts oder einem Taschengeld abgespeist wird. Aber hey, was soll der Autor machen? Er hat es &#8222;geschafft&#8220;, er ist bei einem Gro\u00dfen, er darf die Illusion vom Lebensunterhalt durch Schreiben wieder n\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Na gut, das sind Einzelf\u00e4lle. In aller Regel bleibt die Krimigesellschaft eine Klassengesellschaft, und in jeder Klasse gelten eigene Regeln. Kompliziert ist das nicht, es hat auch nichts mit Urheber- oder Verwertungsrechten zu tun, was \u00fcbrigens zwei paar Schuhe sind, so wie ACTA und Piraten zwei paar Schuhe sind. Sie haben ein Gemeinsames: den technischen Fortschritt, der auf Ver\u00e4nderungen dr\u00e4ngt. Ver\u00e4nderungen, die es, was das Verlagswesen allgemein betrifft, schon l\u00e4ngst gibt, man achtet nur noch nicht auf sie. Denn neben den Gro\u00dfen und den Kleinen gibt es inzwischen die Ganzkleinen, die Autorinnen und Autoren, die ihre eigenen Verleger und PR-Manager und Vertreiber sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man in Amazons Ebook-Abteilung schaut, dorthin vor allem, wo die &#8222;billigen Ausgaben&#8220; zwischen 0,99 und, sagen wir, 4,99 Euro angeboten werden, erlebt man eine \u00dcberraschung. Dort steht momentan Emily Brontes Klassiker &#8222;Sturmh\u00f6hen&#8220; auf Rang 1 der &#8222;Bestseller&#8220;, 0,99 Euro f\u00fcr den Download, auf Rang 3 der Thriller &#8222;Freunde m\u00fcssen t\u00f6ten&#8220; von B.C. Schiller, 2,99 Euro. B.C. Schiller? Schon einmal geh\u00f6rt? Eine feste Gr\u00f6\u00dfe in der deutschen Krimilandschaft? Googeln Sie halt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den kostenlosen E-Books dominieren \u00fcbrigens auf den ersten drei Pl\u00e4tzen Krimis von Birgit Albicker (&#8222;Nordsee-Thriller&#8220;), Ingolf Behrens und Dana Lione, von der wir nicht vermuten, sie sei eine Amerikanerin mit Venedig-Affinit\u00e4t und Schreibschw\u00e4che beim eigenen Namen. Alles Bestsellerautoren, in Krimikreisen spricht man \u00fcber sie&#8230; oder auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bestsellerlisten sind im \u00fcbrigen bunt zusammengew\u00fcrfelt, aktuelle Auch-Papier-B\u00fccher, gemeinfreie Klassikerausgaben \u2013 und eben sehr viel Krimi von Unbekannten. Na sch\u00f6n. Letztere verscherbeln ihre geistigen Erzeugnisse, das kann jeder. Was verdient man schon an einem Buch f\u00fcr 2,99 Euro? Nun, bei Amazon gut 2 Euro f\u00fcr den Urheber, das entspricht ungef\u00e4hr dem Honorar, das der Autor eines Papierbuches f\u00fcr 25 Euro einstreichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei noch einmal wiederholt: In all diesen Informationen steckt keine Wertung des Verfassers. Er behauptet weder, gro\u00dfe Verlage seien schlechter als kleine noch kleine seien besser als gro\u00dfe, er tut die Selbstverleger nicht als Dilettanten ab, die es eben &#8222;nicht geschafft&#8220; haben, einen Verlagsvertrag zu ergattern, er r\u00fchmt sie nicht als Herolde einer neuen, von den Zw\u00e4ngen der bisherigen Verlagsmaschinerie emanzipierten &#8222;neuen&#8220; Kriminalliteratur. Er stellt nur fest. Die Dinge sind komplizierter geworden. Die Chancen f\u00fcr Autoren haben sich \u2013 siehe Manotti und andere \u2013 verringert und zugleich \u2013 siehe kleine Verlage, siehe E-Books \u2013 vermehrt. Es ist Bewegung entstanden, und \u00fcberall dort wo Bewegung entsteht, knirscht es im Geb\u00e4lk, rebelliert die Statik, droht Verfall, lockt Neuaufbau. Sich dagegen zu wehren, braucht es mehr als Buttons und Unterschriftenlisten. Man kann und sollte sich auch gar nicht dagegen wehren. Man sollte die Chancen nutzen. Es sind spannende Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man nicht mehr \u00fcber sie reden kann. Nat\u00fcrlich redet man \u00fcber sie, mehr als je zuvor. Es sind Kamingespr\u00e4che von selbsternannten Universalisten, Durchblickern und emp\u00f6rten Aufrufern, die, schaut man genauer hin, vielleicht Koryph\u00e4en der Geschichte des deutschen Postwesens im 17. 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