{"id":21220,"date":"2008-08-28T08:32:02","date_gmt":"2008-08-28T08:32:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/zum-thema\/"},"modified":"2022-06-06T15:40:13","modified_gmt":"2022-06-06T13:40:13","slug":"zum-thema","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/08\/zum-thema\/","title":{"rendered":"Zum Thema"},"content":{"rendered":"\n<p>Autorinnen und Autoren, selbst die von Kriminalromanen, haben zumeist ein Anliegen. Nennen wir es neutraler: ein gesellschaftliches Thema. Die einen schreiben \u00fcber die Dekadenz der Schickimickiszene (Max Bronski, &#8222;Schampanninger&#8220;, noch nicht gelesen, ich h\u00f6re auf den Klappentext), die anderen in einer gewaltigen, allumfassenden Geste \u00fcber die USA und dar\u00fcber hinaus (Jerome Charyn, neu: &#8222;Citizen Sidel&#8220;, ebenfalls noch nicht gelesen, aber ich freue mich drauf). Dann gibt es die Spezialisten, die ihre Erfahrungen aus der Kirchen- und B\u00fcrowelt, der Gartenbau- oder IT-Branche mitteilen, die eher aus Psychologie Gestrickten und die Frauenbewegten, die Antikindsmissbrauch Anprangernden, die&#8230; ein Thema also hat jeder. Und?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es gibt Themen, die mich als Leser interessieren und solche, die mich nicht interessieren. Es gibt engagierte, ja, besessene Schreiber, die einen wenig bekannten Aspekt der Wirklichkeit (aktuell oder historisch) im Mantel des Krimis transportieren wollen. So einer ist Wilfried Eggers, dessen neuester Krimi &#8222;Paragraf 301&#8220; hei\u00dft und sich mit der Unterdr\u00fcckung der Aleviten in der T\u00fcrkei besch\u00e4ftigt (unter anderem; der &#8222;Paragraf 301&#8220; ist \u00fcbrigens jener ber\u00fcchtigte, der bei &#8222;Beleidigung des T\u00fcrkentums&#8220; zur Anwendung kommt).<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, Eggers ist engagiert. Und aufkl\u00e4rerisch. Aber bekommt er damit schon einen Pluspunkt beim Rezensenten? Muss der, dieses Engagement anerkennend, Schw\u00e4chen der Dramaturgie, der Personenzeichnung, des Plots \u00fcbersehen oder doch wenigstens milder gewichten, weil das Thema ein ehrenwertes ist? \u2013 Ich sage das jetzt rein theoretisch, nicht auf Eggers gem\u00fcnzt, obwohl mir das Problem (so es denn eines ist) bei der Lekt\u00fcre von &#8222;Paragraf 301&#8220; bewusst wurde. Wie habe ich es bisher gehalten? Nehmen wir Laura Lippmans &#8222;Das dritte M\u00e4dchen&#8220;. Thema: die N\u00f6te und Obsessionen der amerikanischen Mittelschicht. Das Thema brennt mir nun nicht gerade unter den N\u00e4geln, aber das Buch ist gelungen. Oder nehmen wir, na, irgendeinen der sogenannten &#8222;Cosys&#8220;, meinetwegen die klassische Variante der alten englischen Lady, die durch Pfarrh\u00e4user und Bibliotheken und ganz schnucklige Caf\u00e9s stromert, immer auf der Suche nach den Abgr\u00fcnden des Menschlichen. Thematisch eine Zumutung, v\u00f6llig anachronistisch, totaler Humbug. Aber wenn es gut gemacht ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich \u00fcbersehe ich nicht, dass die Wahl des Themas Weichen stellt, mich anlockt oder abschreckt, mich ber\u00fchrt oder nicht ber\u00fchrt. Eggers vermag zu ber\u00fchren, das Thema ist (ich erinnere an die &#8222;Tatort&#8220;-Folge, \u00fcber die sich die Aleviten emp\u00f6rten, weil darin offensichtlich Vorurteile und Verleumdungen unkritisch wiedergegeben wurden) &#8222;brisant&#8220;, wie es gro\u00df auf dem Umschlag meines Leseexemplars steht. Problematisch aber dies: Wenn ich mich auf dieses Thema einlasse, dann habe ich zun\u00e4chst nur Eggers&#8216; Text als Grundlage. Denn, ehrlich gesagt: Die Situation von Aleviten und ethnischen Minderheiten in der T\u00fcrkei ist nicht gerade mein Spezialgebiet. Ich m\u00fcsste mich tiefer in die Materie einarbeiten, kundig machen, auch andere, kontroverse Stimmen zur Kenntnis nehmen. Aber genau damit s\u00e4\u00dfe ich in der Falle, die Gefahr, den KRIMINALROMAN &#8222;Paragraf 301&#8220; als einen Sachtext zu lesen, w\u00e4re gro\u00df, die Gefahr, anstelle einer Krimikritik eine moralisch gelenkte zu verfassen, noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Also werde ich das nicht tun. Ich werde &#8222;Paragraf 301&#8220; quasi am Thema vorbei lesen, als ein Kriminalroman, der auch von Rauschgiftschmuggel handeln k\u00f6nnte oder Ehrenmord oder Elektronikschiebereien. Zu besichtigen in der Juli-Ausgabe von wtd \u2013 die Zeitschrift, die aus Gr\u00fcnden diverser &#8222;Sperrfristen&#8220; diesmal erst am 3. September erscheinen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autorinnen und Autoren, selbst die von Kriminalromanen, haben zumeist ein Anliegen. Nennen wir es neutraler: ein gesellschaftliches Thema. 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