{"id":21223,"date":"2012-05-15T07:29:51","date_gmt":"2012-05-15T07:29:51","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/manfred-wieninger-223-oder-das-faustpfand\/"},"modified":"2022-06-08T04:59:10","modified_gmt":"2022-06-08T02:59:10","slug":"manfred-wieninger-223-oder-das-faustpfand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/manfred-wieninger-223-oder-das-faustpfand\/","title":{"rendered":"Manfred Wieninger: 223 oder Das Faustpfand"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"294\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/223.jpg\" alt=\"223.jpg\"\/>223. Eine Zahl, hinter der sich alles verstecken kann. 223 &#8222;Likes&#8220; bei Facebook, 223 Versuche, die Eurokrise zu bew\u00e4ltigen, 223 saftige Leichen in einem hammerharten Krimi. Oder auch, bleiben wir beim Kriminellen: 223 Menschen, Frauen wie M\u00e4nner wie Kinder wie Alte, nachts durch eine \u00f6sterreichische Ortschaft getrieben, zu einem Graben, in einen Graben, dann hallen Sch\u00fcsse durch die Nacht, dann gie\u00dft man Benzin \u00fcber die Toten und Sterbenden, dann ziehen Brand- und Leichengeruch durch die Ritzen der H\u00e4user. Es ist Anfang Mai 1945. Die Russen sind nur noch wenige Kilometer entfernt, man h\u00f6rt schon die Kanonen, man sieht die &#8222;Christb\u00e4ume&#8220;, mit denen alliierte Kampfbomber sich die besten Pl\u00e4tze f\u00fcr ihre t\u00f6dliche Fracht aussuchen. Sonst geht das Leben irgendwie weiter. Auch f\u00fcr den Revierinspektor Franz Winkler aus Persenbeug an der Donau. Doch als er an diesem Morgen nach dem Massaker an 223 Juden erwacht und zum Tatort kommt, \u00e4ndert sich alles. \u2013 Und gleichzeitig \u00e4ndert sich nichts.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Manfred Wieninger nennt sein Buch &#8222;223 oder Das Faustpfand&#8220; lapidar einen &#8222;Kriminalfall&#8220;. Es ist das, was man True Crime nennt, 223 Tote auf einen Schlag, und dass man Tote noch einmal umbringen kann, indem man sie totschweigt, das ist nichts Neues, aber dann kommen Autoren wie Manfred Wieninger und lassen die Toten sprechen. Sie sprechen aus den Akten dieses Falles, aus Zeugenaussagen, aus Protokollen des Revierinspektors Franz Winkler, zusammengehalten wird das von der Fiktion, die Wieninger aus diesen Akten und seinem schriftstellerischen Verm\u00f6gen sch\u00f6pft. \u00dcber letzteres brauchen wir nicht gro\u00df zu reden, es ist beachtlich. In seinen Marek-Miert-Kriminalromanen lauert die Wirklichkeit hinter der Fiktion, in &#8222;223 oder Das Faustpfand&#8220; springt sie uns an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass man Juden t\u00f6tete, geh\u00f6rte auch zum Ende des Krieges, als sich alles bereits in Aufl\u00f6sung befindet, zum Alltag des Systems. Es war eine Art Zeugenbeseitigung, eine brachiale Art jener &#8222;Vergangenheitsbew\u00e4ltigung&#8220;, mit der man sich in den Folgejahren meist ziemlich erfolgreich aus der Aff\u00e4re zog. Wieninger berichtet nun genau aus dieser \u00dcbergangszeit \u2013 und er berichtet schier Unglaubliches. Dieser Franz Winkler, der kein Held ist, eher ein Untertan, ein Befehlsempf\u00e4nger und \u2013ausf\u00fchrer, er macht seine Arbeit und leitet Ermittlungen gegen die M\u00f6rder, gegen die SS ein. Gut, was ihn antreibt, ist Angst. 223 tote Juden und die Russen vor der Haust\u00fcr, das kann arg werden f\u00fcr die Persenbeuger. Also muss man versuchen, die Schuldigen auszulagern, SS eben, Ortsfremde. Der Plan geht auf. Es kommt zwar zu Prozessen, aber verurteilt wird niemand. Das Besondere hier aber: Auch nach dem Krieg bleibt Franz Winkler, der anscheinend nie \u00fcber den Rang eines Inspektors hinausgekommen ist, engagiert. Dass der Fall 1963 noch einmal aufgerollt wird, ist sein Verdienst. Es muss also mehr gegeben haben als reine Routine, als den Reflex der Reinwaschung, im Grunde ist dieser Winkler schizophren, ein Wei\u00dfw\u00e4scher, der sich irgendwie nicht damit abfinden kann, dass wei\u00dfgewaschen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieninger erz\u00e4hlt uns das einfach. Den Winkler will er uns ebenso wenig moralisch explizieren wie all die anderen, den Fotografen etwa, der beim Fotografieren der Leichen aus den seelischen Fugen ger\u00e4t, die Bauern, die entweder nichts gesehen haben wollen oder, ganz ohne Attit\u00fcde, Widerstand leisten, indem sie fl\u00fcchtige Juden verstecken. Auch nicht die NS-Bonzen, die T\u00e4ter und Mitl\u00e4ufer, die Helfer und Wegseher, die Pflichttuer und Etappenhengste, die Ausharrer und Wegl\u00e4ufer. Er beschreibt die Vermischung von Alltag und Grauen, es ist ein n\u00fcchternes Buch, nicht ohne Hoffnung, aber eben so n\u00fcchtern, wie man schreiben kann, wenn es einen graut. Ein Krimi? Genau das. Ein Krimi auf das reduziert, was ihn letztlich ausmacht. Auf das Leben, wie es in den Akten steht und noch einmal gelebt wird, wenn sich jemand wie Manfred Wieninger des Falles annimmt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Manfred Wieninger: 223 oder Das Faustpfand. <br \/>Residenz Verlag 2012. 236 Seiten. 21,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>223. Eine Zahl, hinter der sich alles verstecken kann. 223 &#8222;Likes&#8220; bei Facebook, 223 Versuche, die Eurokrise zu bew\u00e4ltigen, 223 saftige Leichen in einem hammerharten Krimi. Oder auch, bleiben wir beim Kriminellen: 223 Menschen, Frauen wie M\u00e4nner wie Kinder wie Alte, nachts durch eine \u00f6sterreichische Ortschaft getrieben, zu einem Graben, in einen Graben, dann hallen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21223","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21223"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21223\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}