{"id":21226,"date":"2008-09-02T08:07:56","date_gmt":"2008-09-02T08:07:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/jenny-siler-portugiesische-eroeffnung\/"},"modified":"2022-06-13T00:42:45","modified_gmt":"2022-06-12T22:42:45","slug":"jenny-siler-portugiesische-eroeffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/jenny-siler-portugiesische-eroeffnung\/","title":{"rendered":"Jenny Siler: Portugiesische Er\u00f6ffnung"},"content":{"rendered":"\n<p>Da ist alles drin: Intrige und Verrat, politische Schweinereien und zwischenmenschliche Trag\u00f6dien, Pulverdampf und Agentenjargon. Ein Polit-Spionage-Krimi halt und damit genau das, was mich normalerweise nicht hinterm Ofen hervorlockt. Auch reichlich vorhersehbar in seinem Ablauf. Dennoch: Jenny Silers &#8222;Portugiesische Er\u00f6ffnung&#8220; ist ein brillanter Zug. Und das hat sehr einfache Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nicole Blake, professionelle F\u00e4lscherin, hat sechs Jahre im Knast gesessen und sich nach ihrer Haftentlassung in die franz\u00f6sische Provinz verkrochen, wo sie ein ruhiges und b\u00fcrgerliches Leben versuchen will. Sie ist die Tochter einer libanesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, dessen einzig gute Tat es war, seinem Nachwuchs zu einem US-Pass verholfen zu haben. &#8222;An accidental American&#8220; (so der Originaltitel) also.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Ruhe ist es bald vorbei. Der zwielichtige CIA-Agent Valsamis erpresst Nicole, in Lissabon ihren Exfreund Rahim aufzusp\u00fcren, F\u00e4lscher auch er und jetzt, behauptet Valsamis, in den Terrorismus abgedriftet und in eine kurz bevorstehende &#8222;gro\u00dfe Sache&#8220; verwickelt. Nicole, deren Mutter im B\u00fcrgerkriegs-Libanon bei einem Autobombenanschlag ihr Leben verloren hat, unmittelbar nach der verheerenden Zerst\u00f6rung der amerikanischen Botschaft 1983, erledigt den Auftrag. Und das gro\u00dfe Jagen beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Portugiesische Er\u00f6ffnung&#8220; ist ein Triumph erz\u00e4hlerischer Strategie. Passagen aus der Perspektive der Ich-Erz\u00e4hlerin wechseln mit solchen, die aus dem Blickwinkel des \u00fcbrigen Personals erz\u00e4hlt werden, schnell geht das bisweilen, eine Collage beinahe. Ebenfalls beeindruckend die Eleganz, mit der die Gegenwart in die erinnerte Vergangenheit der Personen \u00fcbergeht, Verkn\u00fcpfungen schafft, die mehr sagen als umst\u00e4ndliche Explikation und auf eine gro\u00dfe politische Querverbindung hinweisen. Denn der Roman spielt kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im Irak, man sucht verzweifelt und mit allen Mitteln dort nach ABC-Waffen, findet sie zwar nicht, aber&#8230; der Rest ist bekannt und finstere Geschichte. Und dann w\u00e4re da noch der Anschlag von 1983, inzwischen ebenfalls Geschichte, aber eine, die noch nicht zu Ende geschrieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser Ebene des Erz\u00e4hlten erweist sich die Wahl des deutschen Titels \u00fcbrigens als durchaus sinnvoll. Wie beim Schachspiel werden Z\u00fcge gesetzt, zun\u00e4chst gilt es, den Gegner \u2013 die Wahrheit? \u2013 zu schw\u00e4chen, bevor die L\u00fcge in wenigen Operationen das Spielbrett beherrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles wird auf 260 Seiten \u00f6konomisch erz\u00e4hlt, die privaten und die \u00f6ffentlichen Themen bei\u00dfen sich nicht, sondern kommentieren einander, das Ende ist einerseits tr\u00f6stlich, andererseits in seiner brutalen Lakonik n\u00fcchtern realistisch. Sollte man lesen. Gro\u00dfartige Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jenny Siler: Portugiesische Er\u00f6ffnung. <br \/>Fischer 2008. 267 Seiten. 7,95 \u20ac<br \/>(An Accidental American, 2007. Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ist alles drin: Intrige und Verrat, politische Schweinereien und zwischenmenschliche Trag\u00f6dien, Pulverdampf und Agentenjargon. Ein Polit-Spionage-Krimi halt und damit genau das, was mich normalerweise nicht hinterm Ofen hervorlockt. Auch reichlich vorhersehbar in seinem Ablauf. Dennoch: Jenny Silers &#8222;Portugiesische Er\u00f6ffnung&#8220; ist ein brillanter Zug. 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