{"id":21229,"date":"2012-05-18T10:26:01","date_gmt":"2012-05-18T10:26:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/utz-claassen-atomblut\/"},"modified":"2022-06-08T04:58:15","modified_gmt":"2022-06-08T02:58:15","slug":"utz-claassen-atomblut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/05\/utz-claassen-atomblut\/","title":{"rendered":"Utz Claassen: Atomblut"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"272\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/atomblut.jpg\" alt=\"atomblut.jpg\"\/> Ich dr\u00fccke mich ja selten vor einer Besprechung, aber diese hier macht mir zu schaffen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende eines gro\u00dfen Energiekonzerns schreibt einen Krimi \u00fcber die neue Vorstandsvorsitzende eines gro\u00dfen Energiekonzerns. Der Verlag nennt das Buch einen &#8222;Wirtschaftskrimi&#8220;, was korrekt ist, aber ein &#8222;Krimi&#8220; ist dieses Buch dennoch nicht. Es geht um Verbrechen, auch um Mord, es geht um Intrigen und die vielen sonstigen Sauereien, von denen man auch dann zu wissen glaubt, wenn man kein ehemaliger Vorstandsvorsitzender ist. Und genau da liegt mein Problem: Ich bin nach der Lekt\u00fcre des Buches genauso schlau oder dumm wie zuvor. Es stand genau das drin, was ich erwartet habe und das kann nur bedeuten: Ich h\u00e4tte dieses Buch erst gar nicht zu lesen brauchen oder aber: Der Autor best\u00e4tigt nur meine Vorurteile, warum auch immer.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber lassen wir dies zun\u00e4chst beiseite, widmen wir uns Plot und Dramaturgie. Fabienne Felsenstein, eine erfolgreiche, wenn auch umstrittene Managerin, wird auf Initiative ihres &#8222;v\u00e4terlichen Freundes&#8220; Kohlmeier neue Vorstandsvorsitzende von RuhrSTROM. Der Job war nach einem &#8222;mysteri\u00f6sen Autounfall&#8220; des Amtsinhabers frei geworden und Kohlmeier, der alle F\u00e4den in der Hand hat, die graue Eminenz also, protegiert Fabienne, die seinen ganz eigenen Pl\u00e4nen scheinbar nicht im Wege steht. Es kommt nat\u00fcrlich anders. In Deutschland ist nach Fukushima die gro\u00dfe Energiewende ausgerufen worden, auch RuhrSTROM muss sich nun neu aufstellen, auf alternative Energie setzen usw. Felsenstein sieht sich hin und her gerissen zwischen \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Notwendigkeiten, den berufsbedingten Dollarzeichen in den Augen und den Skrupeln, die sie dabei befallen. Es gibt eine Reihe von narrativen Parallel- und Nebenstr\u00e4ngen, Claassen erz\u00e4hlt auf eine durchaus sympathische Weise unroutiniert, eine Mischung aus Stichworten, Lakonik und gelegentlichen philosophischen Einsch\u00fcben. Leicht zu lesen ist das nicht, was nicht zuletzt am Thema liegt. Wohl setzt auch Claassen auf eine sich zuspitzende Dramaturgie \u2013 der Konflikt Felsenstein \/ Kohlmeier eskaliert, es kommt zum offenen Konflikt, gegens\u00e4tzliche Interessen werden offenbar \u2013 eine stringente Handlung aber ist etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezeichnenderweise sind es gerade die &#8222;Krimielemente&#8220;, die sich negativ auf die Handlung auswirken. Der Tod des Vorg\u00e4ngers von Fabienne Felsenstein, anonyme Anrufe, ein jugendlicher Drogenh\u00e4ndler mit einer rachs\u00fcchtigen Mutter&#8230; Nein, ein Krimi wird trotzdem nicht daraus, vielleicht, weil das Thema schon zu sehr Krimi ist, auch ohne diese &#8222;Spannungsbausteine&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Vorbemerkung beschreibt Claassen seine Charaktere als <em>&#8222;vertypte Kunstfiguren, keine Abbildung realer Individuen&#8220;<\/em>. Sch\u00f6n, aber genau hier liegt das Problem. Vor allem Fabienne Felsenstein ist mir denn doch zu sehr vertypt und Kunstfigur, eine Frau, die ein Tagebuch voller zum Teil sehr banaler Weisheiten f\u00fchrt (<em>&#8222;FRAGEN&#8230; stehen f\u00fcr intellektuelle Neugier \u2013 sind der Urquell des Fortschritts&#8220;<\/em>), mit einem Mann von der &#8222;Gegenseite&#8220; ins Bett geht und einen Ex-Lover hat, der ein Bild namens &#8222;Atomblut&#8220; malt. So entsteht ein &#8222;Zwei-Seelen-in-einer-Brust&#8220;-Typ, der allzu plakativ genau das sein soll. Da auch Kohlmeier und die anderen Mitglieder des Vorstandes stark typisiert sind, fragt man sich irgendwann, ob ein n\u00fcchtern journalistischer Bericht nicht der bessere Krimi w\u00e4re, ein Bericht, der sich weniger auf die Charaktere konzentriert und vielmehr ihre Aktivit\u00e4ten nachzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu: Ich wei\u00df es nicht. Was Claassen erz\u00e4hlt, ist zweifellos interessant, auch die &#8222;Energiewende&#8220; wird zuv\u00f6rderst ein profitables Gesch\u00e4ft ohne R\u00fccksicht auf Verluste. Wer sich das en d\u00e9tail noch einmal best\u00e4tigen lassen m\u00f6chte, bitte sch\u00f6n. Man h\u00e4tte aus &#8222;Atomblut&#8220; m\u00f6glicherweise einen h\u00fcbschen kleinen psychologischen Roman machen k\u00f6nnen, die Irrungen und Wirrungen einer Vorstandsvorsitzenden und ihre Auswirkungen auf &#8222;das Gesch\u00e4ft&#8220;. Dazu reichen Claassens Mittel aber wohl nicht aus, obgleich er, es sei wiederholt, erz\u00e4hlerisches Potential besitzt, aber leider kein Lektorat, das ihn ein paar philosophische Muskelspiele und eine gewisse Bedeutungsschwangerschaft ausgetrieben h\u00e4tte. Aber kann noch werden.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Utz Claassen: Atomblut. <br \/>Econ 2012. 381 Seiten. 18 Euro<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich dr\u00fccke mich ja selten vor einer Besprechung, aber diese hier macht mir zu schaffen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende eines gro\u00dfen Energiekonzerns schreibt einen Krimi \u00fcber die neue Vorstandsvorsitzende eines gro\u00dfen Energiekonzerns. Der Verlag nennt das Buch einen &#8222;Wirtschaftskrimi&#8220;, was korrekt ist, aber ein &#8222;Krimi&#8220; ist dieses Buch dennoch nicht. 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